Alsdorf: Wären wir gegen Terror aufgestanden?

Alsdorf : Wären wir gegen Terror aufgestanden?

Es war eine bewusst beklemmende Präsentation. Im Vordergrund sechs sich abwechselnde Redner, die Ausschnitte aus den Werken von Brecht Heine und von weiteren NS-Kritikern vortrugen. Im Hintergrund die Silhouette des Propagandaministers Joseph Goebbels auf der Leinwand, der vor einem brennenden Bücherberg die braunen Massen „befeuerte“.

Die ruhige Lesart konterkarierte den Schwall der fanatischen Ekstase aus dem Filmprojektor. Der tiefgreifende und -bewegende Vortrag bei der „Veranstaltung „Nie wieder brennende Bücher“ ist auf eine Idee der Verantwortlichen des Alsdorfer Bezirks der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IGBCE) zurückzuführen.

In Kooperation hatten Bulkan Ersoy (Arbeitskreis Migration und Integration), Eva Leusch (Bezirksfrauenausschuss Alsdorf) und Kevin Flesch (Gewerkschaftssekretär der IGBCE Alsdorf) im Zuge der internationalen Wochen gegen Rassismus das Konzept der Abteilung Bildung der IG auf Alsdorf zugeschnitten.

Aus der Vergangenheit lernen

Schon bei seiner Begrüßungsrede legte Flesch den Finger in die Wunde: „Wir möchten bewusst aus der Vergangenheit lernen, um Parallelen in der Gegenwart frühzeitig erkennen und eindämmen zu können. Das Thema Bücherverbrennung passt in diesem Zusammenhang sehr gut.“

Nationalisten würden ähnlich wie schon in der frühen 1930er-Jahren versuchen, im Zuge der aktuellen Betriebsratswahlen wieder Fuß in den Betrieben zu fassen. „Mit ihren Ansichten stehen NPD, Pegida oder auch die AfD im Grundsatz gegen alles, für das wir stehen.“

Mit Ulrich Titz von der Ortsgruppe Düren präsentierten die drei Verantwortlichen ihren über Gästen zunächst einen alten Bekannten. Titz beschäftigt sich seit Jahren mit der lokalen Historie und legte sein Augenmerk diesmal auf die Auswirkungen der frühen NS-Repressionen auf die Gewerkschaften in der Region. Aus seiner Sicht sei die Zerschlagung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) 1933 auch auf Fehler der verantwortlichen Arbeiterführer zurück zu führen.

Selbstkritische Worte

In der interessanten Exkursion erläuterte Titz den chronologischen Ablauf der Ereignisse. Während das NS-Regime 1933 erstmalig den 1. Mai als Tag der Arbeit feierte, wurden bereits am Folgetag Gewerkschaftshäuser gestürmt und Verantwortliche in „Sicherungshaft“ genommen. Freie Gewerkschaften hatten keinen Platz in der NS-Ideologie.

Im Zuge der Nachforschungen ist bei der Friedrich-Ebert-Stiftung vor kurzem ein Dokument aufgetaucht, das die Stürmung des Hauses des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) durch die SA am 2. Mai 1933 dokumentiert.

Statt mit groß angelegten Generalstreiks dem Terror entgegen zu wirken, habe sich die Gewerkschaft gegenüber Adolf Hitler zu stark zurückgehalten, wie es hieß: „Selbstaufgabe statt Kampfgeist“. Viele Gewerkschaftler schlossen sich sogar unmittelbar der NSDAP an.

Die ersten Bücherverbrennungen einige Tage später waren das öffentlich sichtbare Symbol der neuen Schreckensherrschaft. In Bezug auf heutige Entwicklungen appellierte Titz mit dem bekannten Ausspruch: „Wehret den Anfängen!“

Nachdem sich das Plenum von den bewegenden Bildern und Worten der Lesungen einigermaßen erholt hatte, setzte sich schnell eine lebhafte Diskussion in Gang. Eine Teilnehmerin stellte die beklemmende Frage: „Wären wir damals gegen den Terror aufgestanden?“ Sie war sich sicher, dass jeder es nach einer gewissen Bedenkzeit getan hätte — die Gewerkschaften treten genau dafür ein!

Andere Gäste zeichneten ein eher dunkles Bild. So seien die Gewerkschaften der 1930er-Jahre nicht auf die Bedrohung vorbereitet gewesen — die heutigen seien es scheinbar auch nicht.

Als einziger Schutz diene ein frühzeitiges Wappnen. Viele Aktionen gegen Rechts hätten aber bereits gezeigt, dass die rechte Propaganda einer angeblich „schweigenden Mehrheit“ eine Lüge ist. Augenzeugenberichte von älteren Gewerkschaftsmitgliedern und brennende Appelle für den Erhalt der demokratischen Grundwerte zeichneten die Diskussion aus. Der hochemotionale Abend klang erst nach über zwei Stunden aus.