Alsdorf: Vor dem Karnevals-Spaß steht viel Papierkram an

Alsdorf: Vor dem Karnevals-Spaß steht viel Papierkram an

Überall im Nordkreis bereiten sich die Jecken auf den Höhepunkt der Session vor: den Karnevalszug. Letzte Hand wird an die Gestaltung der Wagen gelegt, Kostüme gefertigt oder repariert und gereinigt.

Auch Helmut Boßhammer arbeitet mit Hochdruck auf den Rosenmontag hin. Um 14.11 Uhr soll sich der närrische Lindwurm in Bewegung setzen und durch Alsdorf-Mitte schlängeln. Boßhammer wird aber nicht Kamelle werfen oder den begeisterten Zuschauern am Wegesrand zuwinken. Er und sein Team werden mit Argusaugen darüber wachen, dass alles ohne Zwischenfälle über die Bühne geht. Der 65-Jährige ist Zug-leiter des Karnevalszugs des Festkomitees Alsdorfer Karneval, und das schon im fünften Jahr.

Zum Glück fällt der Alsdorfer Zug nicht unter die verschärften Bestimmungen der „Genehmigung von Großveranstaltungen im Freien”, die vor dem Hintergrund der tragischen Ereignisse während der Loveparade 2010 vom NRW-Innenministerium formuliert worden ist, um Großveranstaltungen sicherer zu machen, wie der Präsident des Festkomitees, Klaus Mingers, erläutert. In Duisburg kamen 21 Menschen ums Leben, viele wurden verletzt. Mit gut 2000 Teilnehmern bleiben die Alsdorfer, wie auch die übrigen Veranstalter im Nordkreis, deutlich unter der magischen Grenze von 5000 Teilnehmern, sagt Mingers.

Die Eschweiler, die gerne betonen, regelmäßig den drittgrößten Rosenmontagszugs Deutschlands auf die Beine zu stellen, müssen mit rund 6000 Teilnehmern zum Erfüllen der Vorgaben der Verordnung viel Aufwand und 4000 Euro mehr als sonst aufbringen, um mit zusätzlichem Personal die Strecke zu sichern. Aber auch ohne muss Boßhammer für den Alsdorfer Zug einen hohen Aufwand treiben und eine Menge Papierkram im Vorfeld erledigen. Der Mann kennt sich aus mit Formularen und Kleingedrucktem, mit Verwaltungswegen, mit Bürokratie und zum Ziel führender Gesprächsführung.

Die ganze Erfahrung aus seinem Berufsleben - er war bis zum Ruhestand Versicherungskaufmann - und seine Insiderkenntnisse aus der Vorstandsarbeit für das Festkomitee Alsdorfer Karneval, dem er zuvor als Schatzmeister diente, kommen ihm in seiner verantwortungsvollen Tätigkeit zugute.

Generalstabsmäßig geplant

Die Vorbereitungen laufen generalstabsmäßig bereits im Mai. Dann werden infrage kommende Musikgruppen angeschrieben. Die Kapellen Alsdorfer Gesellschaften wie Scharwache, Prinzengarde, Burgwache und Rot Weiße Funken sind laut Boßhammer ohnehin dabei, weitere gilt es zu engagieren. 14 Musikeinheiten werden im Aufstellungsplan positioniert. Insgesamt nehmen an die 100 Einheiten teil, auch über 20 Fußgruppen, die keiner Gesellschaft angehören. Beizeiten hat Boßhammer alle relevanten Modalitäten und Formulare zur Anmeldung ins Internet gestellt (http://www.festkomitee-alsdorf.de). Das gilt für Gruppen ebenso wie für Komiteegesellschaften.

Streng reglementiert sind Haftungsverzichtserklärung für Gesellschaften, die auf ihren Wagen und in ihren Reihen Personen dabei haben, die nicht Mitglieder sind. Die technische Unbedenklichkeit und Zulassung der Fahrzeuge (Zugmaschinen und Anhänger) muss nachgewiesen werden.

Aufbauten peinlich genau prüfen

Die Aufbauten der Fahrzeuge werden separat durch einen hierauf spezialisierten Mitarbeiter des TÜV Aachen abgenommen, wie Boßhammer sagt. Dabei wird die Zahl der auf den Wagen Mitfahrenden limitiert, werden unter anderem Treppen, Geländer(höhe) und Rutschfestigkeit des Bodens geprüft. Versicherungsnachweise wollen erbracht und nachgehalten sein. „Kein Fahrzeug mit roter Nummer oder Überführungskennzeichen ist zulässig”, um die Gefahr zu bannen, dass sich kurzfristig möglicherweise unsichere „Seiteneinsteiger” reinschummeln.

Die heiße Phase für den Zugleiter beginnt in der Regel nach dem 11.11. - dann liegen die Verträge mit den Musikgruppen vor, wird der Antrag auf Genehmigung des Zugweges beim Ordnungsamt der Stadt Alsdorf gestellt. Rund 2200 Teilnehmer sind vorsichtshalber angemeldet worden. Eine Menge Unterlagen gilt es dabei zu prüfen. „Ich kontrolliere das vor jedem Zug, ich muss ja dafür mit meiner Unterschrift auch geradestehen”, sagt Boßhammer.

Der Veranstalter Festkomitee muss sich natürlich ebenso versichern, nicht nur die Teilnehmer. „Einmal wurde eine Scheibe in einem Wohnhaus eingeschmissen - angeblich ist da etwas von einem Wagen geworfen worden”, beschreiben Mingers und Boßhammer einen Fall. Da aber nicht mehr einwandfrei feststellbar, von welchem Wagen besagter Wurf ausgegangen sein soll, musste die Versicherung des Festkomitees für den Schaden aufkommen. Apropos Wurfmaterial: Das müssen die Gesellschaften selber bezahlen. Da kommen nicht selten 200 bis 300 Euro pro „Werfer” zusammen, berichten sie. Regelmäßig im Vorfeld gehen Mitglieder der Karnevalsgesellschaften, ausgestattet durch das Festkomitee mit Sammelausweisen, durch die Straßen, um Spenden einzusammeln. „Alles über 200 Euro verbleibt bei den Gesellschaften” sagt Mingers.

Rund 8000 Euro kostet der Zug dem Festkomitee, dazu gehören auch die pauschalierten Gema-Gebühren für die gespielte Musik. Zuletzt treffen sich Vertreter der Karnevalisten, des Ordnungsamtes und des städtischen Bauhofs (Technische Dienste), der auch den Zugweg absperrt, um letzte Details zu besprechen. 25 Mitglieder des Technischen Hilfswerks und mehrere Angehörige des Deutschen Roten Kreuzes, das auch Rettungswagen am Zugweg in Bereitschaft hält, begleiten die Wagen, jeweils einer links und rechts, um zu verhindern, dass zum Beispiel Kinder, die eifrig Kamelle sammeln, unter die Räder geraten. Und natürlich ist auch die Polizei dabei.

Wer im Zug mitmachen möchte, muss sich an Spielregeln halten. Diese werden im Zuge des Anmeldeverfahrens den Teilnehmern an die Hand gegeben. So ist der übermäßige Alkoholgenuss und das Herumlaufen mit Bier- und Schnapsflaschen im Umzug verboten. Verstöße „gegen öffentliches und geltendes Recht” sowie gegen Sitte und Anstand werden mit Ausschluss geahndet. Das Wurfmaterial ist genauso reglementiert wie die zu spielende Musik. Zugelassen wird „Karnevals- und Stimmungsmusik”, aber nicht Hip-Hop, Rap, Dancefloor oder Techno. Da würde ansonsten die Gruppe mit „Ghetto-Blaster” auf dem Leiterwagen den Ausschluss riskieren.

Besonderes Bonbon ist der Wettbewerb für Fußgruppen. Fünf Juroren bewerten dabei nicht nur die Kostüme, sondern auch das Verhalten der Gruppen. Beim Rosenmontagsball, der den Endpunkt am Montag setzt, werden die besten Gruppen ausgezeichnet. Gegen 18.30 Uhr ist Boßhammer am Rosenmontag „mit allem durch”.

Einen Happen in Ruhe

Wird sich Helmut Boßhammer sich nach getaner Arbeit in den Karnevalstrubel stürzen, um endlich mitfeiern zu können? Wohl nicht, meint schmunzelnd Festkomitee-Präsident Mingers mit Blick auf die Erfahrung aus den Vorjahren. Lieber geht Boßhammer am Abend mit seiner Frau in Ruhe essen. Boßhammer lächelt und nickt zustimmend.