Alsdorf: Voller Akribie mit Lupe und dem Mikroskop den Fälschern auf der Spur

Alsdorf : Voller Akribie mit Lupe und dem Mikroskop den Fälschern auf der Spur

Konrad Krämer ist nicht nur passionierter Briefmarkensammler, sondern schaut bei seinem Hobby auch ganz genau hin. Seit vier Jahren arbeitet er jetzt beim Bund der Deutschen Philatelisten im Ressort „Fälschungserkennung und Sammlerschutz“. Im Gespräch mit Anna Küsters erzählt er, wie er die schwarzen Schafe unter den Briefmarken ausfindig macht.

Was war die größte Fälschung, die Sie jemals aufgedeckt haben?

Konrad Krämer: Es kam einmal eine Frau zu uns mit der Briefmarkensammlung ihres Vaters. Sie hatte extra einen Bodyguard engagiert, um die Sammlung zu bewachen. Ich habe dann festgestellt, dass die Sammlung tatsächlich nur Müll war. Der Vater hatte kleine Abbildungen von Briefmarken aus Auktionskatalogen ausgeschnitten und in ein Album gesteckt. Wenn das Papier, was da drin war, echte Marken gewesen wären, dann wäre es viele hunderttausend Euro wert gewesen. Das war schon richtig schlimm, besonders vor dem Hintergrund, dass ich der Frau erklären musste, dass ihr Erbe wertlos war. Ein anderer Fall war, dass auf einer Messe jemand eine sogenannte Posthörnchen-Marke aus dem Posthornsatz, die eigentlich einen Wert von 0,80 DM hat, für 800 DM erworben hat. Ich sollte dann mal drauf gucken, ob alles in Ordnung ist und hab festgestellt, dass sie schon mal gestempelt war, der Stempel war abgewischt und die Marke neu gummiert worden — sie war somit völlig wertlos geworden.

Wie stellen Sie Fälschungen fest?

Krämer: Die ersten drei Schritte sind, dass ich die Briefmarke mit Auf-, Seiten- und Unterlicht betrachte. Auflicht, um einen allgemeinen Eindruck zu bekommen. Seitenlicht, wobei ich das Licht darüber streichen lasse. Dabei kann ich zum Beispiel Druckmerkmale erkennen. Bei Unterlicht erkenne ich Reparaturen oder Beschädigungen. Das geht einfach so, ohne dass ich die Marke unter mein Mikroskop oder die Lupe legen muss. Ein Beispiel: Die billigen Marken werden heutzutage im Offsetdruck hergestellt, die teuren hingegen mit Buchdruck, Rastertiefdruck oder Stichtiefdruck. Das sind viel hochwertigere Druckverfahren, die es sich aber nicht lohnt, nachzumachen, das ist viel zu teuer. Bei der Fälschung wird die Marke über die Offsetmaschine oder etwa einen Arbeitsplatzdrucker preisgünstig gefertigt.

Sind Briefmarken heute noch eine sinnvolle Wertanlage?

Krämer: Die Art des Sammelns spielt dabei eine große Rolle. Wenn ich das sammle, was jeden Tag am Schalter verkauft wird, dann ist das Massenware. Da gibt es keine Wertsteigerung. Als Wertanlage müssen Sie seltene Stücke erwerben. Aber bloß nicht über irgendeine Internetplattform wie zum Beispiel eBay ersteigern!

Wieso?

Krämer: Da werden Fälschungen en masse verkauft. Hier ist der Verkauf anonym. Wir können beim Anbieter ebay.de Fälschungen löschen lassen, die uns auffallen. Das sind täglich mehrere. Am besten besucht man Tauschtage und qualitativ hochwertige Auktionshäuser. Da ist die Gefahr, dass man schlechte Ware kauft eher gering.

Ist es denn dann überhaupt lukrativ, Fälschungen herzustellen?

Krämer: Leider ja. Wenn jemand zum Beispiel bei eBay hundert 70 Cent-Marken für 50 Euro anbietet, also für circa 30 Prozent unter normalem Verkaufswert, gibt es viele Leute, die zuschlagen und sich über einen „Schnapper“ freuen. Der Verkauf mit zehn Prozent unter Postpreis ist eigentlich schon fast normal. Das ergibt sich aus dem Ankauf von großen Sammlungen und dem darauf folgenden Verkauf. Bei mehr als zehn Prozent sollte man vorsichtig werden. Das gilt auch für Angebote, bei denen Marken wie der Sachsen-Dreier oder die Bayern-Einser, die erste deutsche Marke, für hundert Euro angeboten werden — die gibt’s nicht für 100 Euro, die kosten ein paar 1000 Euro. In solchen Fällen sind dann auch die beigelegten Atteste und Prüfstempel, die die Echtheit garantieren sollen, gefälscht. Ich sage immer „Augen auf bei Tausch und Kauf“ und daran denken, es hat niemand etwas zu verschenken.

Wie beliebt ist das Briefmarkensammeln heute noch?

Krämer: Der demographische Wandel geht natürlich nicht an uns vorbei. Die Zahl der Sammler ist allgemein rückläufig. Ich bin selbst Mitglied bei den „Briefmarkenfreunden Aachen“, da waren wir 1991 noch über 300, mittlerweile sind es um die 100 Mitglieder. In Deutschland gibt es noch 900 Vereine und Arbeitsgemeinschaften. Ab und an kommen aber auch jüngere Sammler neu dazu: Meistens haben die jüngeren Leute die Sammlung von den Großeltern geerbt. Sie wollen dann wissen, wie viel Wert das Ganze hat, wie sie mit den Briefmarken umgehen müssen und so weiter.

Werden Briefmarken hauptsächlich aus reiner Freude am Sammeln oder als Wertanlage zusammengetragen?

Krämer: Die große Masse macht es aus Spaß an der Freud. Mit einem möglichen Hintergrund, dass es nicht alles rausgeworfenes Geld ist. Ich vergleiche das immer mit einem Tennisspieler. Wenn jemand im Tennisverein spielt, weil es ihm Spaß macht, dann bezahlt er jedes Jahr Schuhe, Schläger, Platzgebühren und so weiter. Das Geld, was er da investiert, ist weg. Ein Briefmarkensammler, der hat auch Spaß an seinen schönen bunten Bildchen, aber er bekommt am Ende des Tages sogar noch etwas dafür, wenn er „das Papier“ wieder verkauft.

Wie groß ist Ihre eigene Sammlung mittlerweile?

Krämer: Also die Anzahl der Briefmarken beträgt mittlerweile Millionen, aber genau kann ich das nicht sagen. Ich habe mich auf einige Sammelgebiete spezialisiert. Hauptsächlich zum Beispiel zum Thema „Bundesrepublik Deutschland“, dann habe ich innerhalb der Bundesrepublik verschiedene Spezialgebiete. Zum Beispiel „Aachen philatelistisch gesehen“ oder eine Sammlung „Hunde mit dem Ursprungsland Deutschland“. Aber auch „Wald und Umwelt“. Meine größte Ausstellungssammlung ist die Sammlung aus der Freimarkenserie „Bedeutende Deutsche“.

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