Villa Buth zur NS-Zeit: Projekt am Heilig-Geist-Gymnasium

Dunkle Vergangenheit beleuchtet: Villa Buth zur NS-Zeit: HGG-Projekt hat noch einige Ziele

Der Abschlussbericht in Buchform zählt schlanke 312 Seiten plus eigene DVD. Allerdings lässt sich das, was Lehrer Timo Ohrndorf zusammen mit seinem Projektkurs am Heilig-Geist-Gymnasium (HGG) im zurückliegenden Schuljahr 2017/2018 erreicht hat, mitnichten nur auf Papier wiedergeben.

Zwölf Monate lang hatten die Jugendlichen in akribischer Arbeit die Historie der Jülicher „Villa Buth“ aufgearbeitet. Unter dem Projekttitel „Villa Buth – Zwischenstation zum Holocaust“ wurde die dunkle Vergangenheit der heute fast in Vergessenheit geratenen Ruine in Kirchberg nachhaltig und historisch aufgearbeitet. Unzählige Unterstützer, Projektpartner und Zeitzeugen haben den Schülern bei ihrer Arbeit geholfen. Gemeinsam blickte man nun auf das besondere Projekt zurück.

Unter den zahlreichen Ehrengästen fand sich auch selbstverständlich auch Friederike Goertz wieder, die den Schrecken der Internierung jüdischer Menschen in der Villa als junges Mädchen am eigenen Leib mit erfuhr. Goertz verweilte vor dem Termin noch im Krankenhaus, wollte den Termin aber laut eigener Aussage „um nichts in der Welt verpassen“. Sie begegneten in der Aula des Gymnasiums auch Heinrich Jumpertz, der dem Projekt ebenfalls als Zeitzeuge beratend zur Seite gestanden hatte. Jumpertz lebte als achtjähriger Junge mit seiner Familie in einer Wohnung an der Papierfabrik nahe der Villa und erlebte mit Kindesaugen den An- und Abtransport jüdischer Insassen. Nicht nur für Ohrndorf war der Moment des Zusammentreffens der beiden nach über 70 Jahren ein Moment „voller Ehrfurcht und Gänsehaut“.

Schulleiter Christoph Barbier sagte: „Was ihr geleistet habt, verdient über alle Maßen Respekt. Ihr habt den Opfern ein Gesicht gegeben.“ Die Gäste spiegelten nur einen Bruchteil des riesigen Informationsapparates wieder, welchen die Schüler während ihrer Arbeit mobilisiert hatten. „Es wurde eine wahnsinnige Arbeit geleistet von allen Projektpartnern. Das Schleppen von Büchern, Fahrdienste, Telefonmarathon mit Behörden, Interviewpartnern und Vereinen – ohne die großzügige Kooperation mit allen Beteiligten wären wir niemals soweit gekommen“, fand auch Ohrndorf dankende Worte.

Der offizielle Abschlussbericht liegt zwar schon seit dem Sommer vor, allerdings könne keiner der Mitwirkenden von jetzt auf gleich einen Schlussstrich ziehen. „Das Projekt verfolgt uns weiter und wir haben noch einiges vor“, erläuterte Ohrndorf.

Das Projekt entsprang einer Bewerbung bei „denkmal-aktiv – Kulturerbe macht Schule“. Über die schuleigene Archäologie-AG war man bereits mit der Arbeit der „Deutschen Stiftung Denkmalschutz“ vertraut. Das Oberthema lautete „Unbequeme Denkmäler einer Vergangenheit, die nicht vergeht“. Lehrer Ohrndorf, selbst wohnhaft in Jülich, kam sofort das verfallene Herrenhaus Buth in den Sinn. Unternehmer Hellmuth Eichhorn, Eigentümer des Anwesens, konnte dazu bewegt werden, an der Aufarbeitung der unbequemen Vergangenheit des Gebäudes mitzuwirken. Seiner Familie soll die gesamte Projekt an einem separaten Termin vor Ort nochmals präsentiert werden.

Neben Karl Beumers (Publizist und enger Begleiter von Friederike Goertz) fand sich auch Heinz Spelthahn (Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz) in zahllosen Passagen des Abschlussberichtes wieder.

Beide begleiteten beispielsweise Goertz bei den Zusammentreffen mit den Schülern und gaben hilfreiche Tipps bei offenen Fragen. In ein paar Tagen steht den ehemaligen Q1-Schülern – ungeachtet der Tatsache, dass alle sich mittlerweile in den Vorbereitungen auf die Abiturprüfungen befinden – das nächste große Ereignis ins Haus. Mitte Januar wird sich eine HGG-Delegation auf den Weg nach Prag zum ehemaligen KZ-Theresienstadt machen. Es ist der Ort, wohin die Mutter von Friederike Goertz deportiert wurde.

Nach der feierlichen Übergabe der Abschlussberichte und einiger Miniaturen der Villa (erstellt mit einem 3D-Drucker) an die Projektpartner luden die Schüler zu einer Diskussionsrunde ein. Mit den Zeitzeugen Jumpertz und Goertz, den Projektpartnern Spelthahn, Beumers, Iris Gedig („Familienbuch Euregio“), Hubert Rütten (Heimatverein der Erkelenzer Lande) und Katharina Ketels-Hagen (Vertreterin der Kirchberger Bürger) sowie vier Schülern und einer Mutter war die Runde im klassischen „Talkshow-Format“ prominent besetzt.

Goertz teilte auf Anfrage mit, dass ihr an einem Erhalt des Gebäudes wenig liegen würde. Das Interesse an seiner Historie sei ob des Gebäudezustandes anscheinend schon sehr in den Hintergrund getreten. Vielmehr seien es Werke wie das der Schüler, das den Schrecken als Mahnmal konserviere. Die Jugendlichen selbst betonten, dass ihre Arbeit in Bezug auf die Villa nicht mit dem Auslaufen des Projekts geendet habe – vielmehr wolle man sich weiter nachhaltig der Thematik widmen.

Ein Vorschlag wurde in der Runde besonders begrüßt. Die jetzige Bushaltestelle „Papierfabrik“ unweit der Villa könne beispielsweise in „Haltestelle Villa Buth“ umbenannt werden. Entsprechende Schilder könnten die Wartenden über die Hintergrundgeschichte informieren. Um diese und weitere Vorschläge auszuarbeiten, wurde der Projektkurs auch gleich in die Jülicher Gemeinde Kirchberg eingeladen um die Projektergebnisse den Bürgern vor Ort vorzustellen.

Jumpertz machte sich hingegen stark für einen Erhalt der Villa und wies darauf hin, dass leider mit Ausnahme des jüdischen Friedhofs in Jülich kein Gebäude mehr existiere, das an den Holocaust erinnere. Die 1938 geschändete Synagoge in Jülich wurde bereits in der 50er-Jahren abgerissen. Einig waren sich alle, dass gerade in der heutigen Zeit die Thematisierung in der Öffentlichkeit von größter Wichtigkeit ist.

(fs)
Mehr von Aachener Nachrichten