Würselen: Vielen Dank, lieber Ernst-Hubert Gier!

Würselen : Vielen Dank, lieber Ernst-Hubert Gier!

Wie bitte, Ernst-Hubert Gier legt Stift und Notizblock beiseite und schreibt nicht mehr für unsere Zeitung von und über Würselen? Unvorstellbar für Lokalredaktion wie Leser — eigentlich. Aber nach 55 Jahren als freier Mitarbeiter sei auch ihm endlich mehr Ruhe gegönnt, steht doch ehg, so sein Markenzeichen, mittlerweile im 76. Lebensjahr. Und mit der Gesundheit ist das so eine Sache.

Natürlich kann man so einen Getreuen nicht einfach gehen lassen. Beim Besuch in Giers „Wortschmiede“ an der Maarstraße kommen zur freundschaftlichen Verabschiedung langjährige Weggefährten zusammen: unser Chefredakteur Bernd Mathieu, der mit zarten 19 Jahren als freier Mitarbeiter in der Lokalredaktion in Alsdorf seine Laufbahn startete, Redakteur und Wahl-Würselener Georg Pinzek, der seit 30 Jahren für die Lokalredaktion arbeitet, sowie Kollegin Beatrix Oprée, die 25 Jahre im Nordkreis tätig ist — nebst Autor dieser Zeilen, der nur ein paar Jahre, aber nicht weniger gerne mit Gier zusammenarbeiten durfte.

Kein Wunder, dass in Erinnerungen geschwelgt und Anekdoten erzählt werden, etwa über die vielen Redakteure, mit denen Gier in all den Jahren zu tun hatte, die aber hier aus Gründen der höflichen Diskretion mal besser nicht erwähnt werden.

„Unaufgeregt, faktenorientiert“

Apropos verantwortungsvoller Umgang mit dem, was man weiß. Mathieu stellt in seinen Dankesworten Gier ein prima Arbeitszeugnis aus: „Unaufgeregt, faktenorientiert hast Du gearbeitet. Ohne jemandem nach dem Mund zu schreiben oder ihm auf die Füße zu treten. Das ist die klassische alte Schule des Mitarbeiters! Das spielt eine große Rolle für eine Lokalzeitung. Bei all den Stunden, die Du dafür aufgebracht hast, ist klar: Das muss man lieben, dafür muss man leben.“

Geboren im Bardenberger Krankenhaus war Gier der Journalismus nicht gleich in die Wiege gelegt worden. Aber gegen Ende seiner Schulzeit — das Abitur baute er am Aachener Kaiser-Karls-Gymnasium — sollte aus dem zunächst holprigen Tippen und dem ersten Artikel („Den habe ich dreimal neu geschrieben“) eine im doppelten Sinne tiefe Beziehung werden. Sein Erstlingswerk verfasste er als Bildungsreferent der Jungen Union auf einer Adler-Kofferschreibmaschine. Der damalige Leiter der Lokalredaktion, Heinz Wacker, gewann Gier als Mitarbeiter. Der junge Mann revanchierte sich prompt und eroberte im Gegenzug das Herz von Wackers Tochter Roswitha.

„Schnell hatte es geheißen, der kommt nicht wegen der Zeitung, sondern wegen ihr“, erzählt Gier schmunzelnd. So nahm das Schicksal unweigerlich seinen Lauf. Mit 22 bzw. 21 Jahren wurde geheiratet. Und beide Beziehungen, Ehe und Zeitung, überdauern die Jahrzehnte unbeschadet. „Ich war das ja von meinem Vater schon gewohnt“, sagt Giers Ehefrau. Oft war der Vater abends unterwegs, beim Ehemann sollte es nicht anders sein. Nach den Terminen wurde daheim getippt, bis tief in die Nacht. Die große Passion, für die Lokalzeitung über Würselen zu schreiben, wollte ja mit der ebenfalls zeitraubenden Arbeit als Volksschullehrer (später Hauptschule) unter einen Hut gebracht sein.

Giers Sohn Carsten erinnert sich: „Sonntags war es mit dem Ausschlafen schwierig. Das Tippen war bis ins Kinderzimmer zu hören.“ Der Vater sagt: „Wenn ich meine Frau nicht hätte, hätte ich das nie so machen können.“ Schon als junges Mädchen war sie Kurierin für Artikel ihres Vaters, die noch auf Manuskriptpapier getippt wurden. Jawohl, liebe Smartphoner, das gab es auch mal — und das funktionierte sehr gut.

Gerne und fair berichtet

Die Vereinsberichterstattung war für Gier immer mehr als Pflicht. Aber auch über Kultur- und Kommunalpolitik hat er gerne und fair berichtet. Konfrontation ist bis heute nicht sein Ding. Es liegt ihm viel daran, seine Heimatstadt immer wieder mit positiven Nachrichten zu schildern. Gier: „Würselen ist überschaubar, lebens- und liebenswert.“

Wer Gier bei Terminen beobachtet hat, wird bei seiner ruhigen, sachlichen Art nur schwer hinter seine Stirn geschaut haben können. Aber natürlich sieht er auch so manches kritisch, lässt er durchblicken.

Der ehemalige Bürgermeister von Würselen, (mittlerweile auch) Ex-Präsident des Europäischen Parlaments und Ex-SPD-Bundesvorsitzender, Martin Schulz, hat ihm einmal großes Lob gezollt: „Es gibt in Würselen kaum einen, der das Innenleben der Stadt so gut kennt wie Ernst-Hubert Gier.“

Es gibt aus Giers Sicht indes durchaus größere Botschafter Würselens als Martin Schulz, der fast auf jedem internationalen Parkett auf Würselen zu sprechen kam — und zwar die Söhne der Stadt Fußballbundestrainer Jupp Derwall und eben genannter Heinz Wacker, der als Präsident des Bundes Deutscher Karneval lange Jahre international aktiv war. Und bei dieser Bemerkung ist da wieder dieses für Ernst-Hubert Gier so typische Schmunzeln. Ein guter Schelm ist eben schlau und spricht leiser als andere.

Seine intensive Arbeit für Würselen hat ihm die Stadt schon im Jahre 2013 gedankt — mit der Verleihung des Würselener Ehrentellers und dem Eintrag in das Goldene Buch.

Bürgermeister Arno Nelles dankte Gier bei dieser Gelegenheit ausdrücklich für das positive Bild, das er von der Stadt und ihren Menschen in die Öffentlichkeit trage. Nicht nur die Brauchtumspflege wie Jungenspiele und Karneval, sondern alle 260 Vereine in der Stadt profitierten davon.

Was noch zu sagen bleibt: Vielen Dank für all die Jahre der Zusammenarbeit, lieber Ernst-Hubert! Genieße jetzt Deine Freiheit von der freien Mitarbeiterschaft!