Beratung in der Städteregion: „Vertrauliche Geburt“ hilft Müttern, die ihr Kind nicht behalten möchten

Beratung in der Städteregion : „Vertrauliche Geburt“ hilft Müttern, die ihr Kind nicht behalten möchten

Die Erfahrungen zum Thema vertrauliche Geburt sind in der Städteregion bislang eher spärlich. Das wurde deutlich, als sich jetzt Vertreterinnen von Schwangerschaftsberatungsstellen, Hebammen, Ärzte, Experten der Jugendämter und Mitarbeiter des Rettungsdienstes im Städteregionshaus in Aachen trafen.

Das Gesetz zur vertraulichen Geburt stammt aus dem Jahr 2014 und will Frauen, die die Geburt ihres Kindes — aus welchen Gründen auch immer — geheim halten wollen, den Weg ins reguläre Hilfssystem ebnen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Schwangerschaftsberatungsstellen.

Überforderung, finanzielle Probleme, die Angst, familiäre Beziehungen zu zerstören, Drogenabhängigkeit oder psychische Erkrankungen können nach Aussage von Claudia Blau vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Stolberg Gründe sein, die Frauen dazu veranlassen, ihre Schwangerschaft geheim zu halten und das Kind nach der Geburt beispielsweise in einer Babyklappe abzulegen.

Dieser anonyme Vorgang birgt für die jeweiligen Frauen eine ganze Reihe von Nachteilen. Das Angebot der vertraulichen Geburt will ihnen die Möglichkeit geben, zum einen anonym zu bleiben, zum anderen aber dennoch Hilfsleistungen wie Geburtshilfe, Nachsorge und Mutterschutz in Anspruch zu nehmen. Außerdem können sie ihre Entscheidung, sich von ihrem Baby zu trennen, so später auch leichter rückgängig machen.

Der gesamte Vorgang wird von den Schwangerschaftsberatungsstellen in der Städteregion begleitet. Hier wird die Mutter unter einem Pseudonym registriert, muss aber auch Angaben zu ihrem richtigen Namen und ihrem Wohnort machen. Diese Daten werden überprüft und dann versiegelt beim Bundesamt für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hinterlegt. So bekommt das „vertraulich geborene“ Kind die Chance, später etwas über die Identität der Mutter zu erfahren.

„Für einen reibungslosen Ablauf der vertraulichen Geburt ist ein gutes Zusammenspiel aller beteiligten Einrichtungen unerlässlich“, betont Margrit Schaefer-Klocke (Pro Familia Aachen). Außerdem sei die Beratung durch die Schwangerschaftsberatungsstellen ein entscheidender Punkt bei der Entscheidungsfindung. Wie Claudia Blau berichtet, wählt ein Viertel der Frauen nach der Beratung ein Leben mit dem Kind. Die vertrauliche Geburt ist demnach die Ausnahme. Bundesweit sind in den ersten beiden Jahren nach Inkrafttreten des Gesetzes 249 vertrauliche Geburten registriert worden.

Dabei sollen die Frauen, die sich absolut nicht in der Lage sehen, sich nach der Geburt um ihr Baby zu kümmern, alle erdenklichen Hilfen bekommen. „Jede Frau, die eine Schwangerschaft geheim hält, befindet sich in einer schwierigen psychosozialen Konfliktlage“, heißt es in einem Merkblatt für Hebammen und Ärzte. Wichtig sei, die Anonymität der Frau unbedingt zu respektieren.

Kinder forschen nach Eltern

Das aber ist offensichtlich nicht immer so einfach. Für alle Beteiligten ist die vertrauliche Geburt so etwas wie Neuland. Und was in rund zwölf Jahren geschieht, wenn die ersten „vertraulich geborenen“ Kinder als 16-Jährige das Recht haben werden, die Daten ihrer Mutter einzusehen, bleibt abzuwarten. Nach den Erfahrungen der Experten kommt es zwar eher selten vor, dass adoptierte Kinder nach ihren Eltern forschen. Aber allein die Möglichkeit, dass sie dies tun könnten, kann für die ein oder andere Mutter nach Meinung der Experten ein Grund sein, sich gegen eine vertrauliche Geburt zu entscheiden.

Entscheidet sie sich dafür, so gibt sie ihrem Kind nach der Geburt trotzdem einen Namen. Wenn sie will, kann sie ihm sogar einen Brief schreiben oder ihm persönliche Dinge hinterlegen, die gemeinsam mit ihren wahren Personalien im Ministerium aufbewahrt werden. Außerdem wird dem Standesamt die Geburt angezeigt und auf die vertrauliche Geburt hingewiesen. Nach der Geburt nimmt das Jugendamt dann das Kind in seine Obhut.

Nachdem das Gesetz 2014 in Kraft getreten ist, haben sich die Schwangerschaftsberatungsstellen, Ärzte, Hebammen und Vertreter der Adoptionsstellen und des Jugendamts der Städteregion erstmals zu einer Infoveranstaltung getroffen. Ein Jahr später kamen die entsprechenden Aachener Einrichtungen zusammen. Diesmal saßen alle gemeinsam in einer Runde, um sich auszutauschen und zu informieren.

„Das Herz sackt einem in die Hose, wenn eine Frau diesen Weg geht“, sagt Margrit Schaefer-Klocke. Umso wichtiger sei es, diese Frauen engmaschig zu betreuen und zu unterstützen. Ein guter Austausch der beteiligten Einrichtungen sei dabei auch in Zukunft von großer Bedeutung.

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