Würselen: Vergessene Elite verelendet: Würselenerin Susanne Degenhardt hilft

Würselen: Vergessene Elite verelendet: Würselenerin Susanne Degenhardt hilft

An den Grenzen Afrikas leben Flüchtlinge unter katastrophalen Bedingungen. Das Einzige, das sie wollen: Arbeit in Europa, kein Geld, nur Sicherheit.

Unter ihnen ist vom Krankenpfleger über Lehrer bis zum Juristen alles vertreten - und in Europa herrscht in vielen Bereichen Arbeitskräftemangel.

Sie sind gut ausgebildete Arbeitssuchende, die in ihrem Heimatland keine Anstellung finden. Um sich und ihren Familien ein wenig Hoffnung zu geben, wandern sie aus, in Länder wie Marokko. 25 bis 30 junge Menschen leben dort in zehn Quadratmeter großen Kellerräumen. Alle zahlen Miete, doch müssen sich untereinander absprechen, wer gerade dort schlafen darf.

Die anderen wandern unterdes durchs Dorf. Sie sind geflohen, doch sie können nicht zurück, denn den wochenlangen Fußweg durch die Sahara würden sie nicht noch einmal schaffen. Und auch nach Europa können sie nicht, denn die Grenzen sind dicht. So ergeht es vielen afrikanischen Flüchtlingen.

Gut ausgebildete Krankenpfleger oder Mechaniker, studierte Juristen, sie alle hoffen, endlich arbeiten zu können. „Wir wollen doch gar nicht das Geld der Europäer, wir möchten lediglich Arbeit. Wir wollen unsere Fähigkeiten endlich einsetzen können, damit wir in unserem Heimatland etwas bewegen können.”

Die Arbeitssuchenden brechen voller Hoffnung auf, werden von den Familien finanziell unterstützt und meistern den beschwerlichen Weg, der sie wochenlang durch die Wüste führt. „Das Internet ist ihnen ja auch nicht total fremd.

Sie haben sich informiert, wissen, wie schwer der Beginn in Deutschland sein kann. Bekannte, die es über die Grenze geschafft haben, berichten ihnen ihre Erfahrungen”, erläutert Susanne Degenhardt, Presbyterin der evangelischen Kirchengemeinde Hoengen-Broichweiden, die unter anderem den Evangelischen Kirchenkreis Jülich bei seinen Projekten unterstützt. So war sie vor kurzem zum zweiten Mal in Marokko, wo sich viele dieser Flüchtlinge aufhalten.

Generation staatenloser Kinder

Marokko wird mit den ansteigenden Massen von Einwanderern nicht fertig, denn das Land ist selbst im Aufbau. Die ungebetenen Gäste erhalten keine Arbeitserlaubnis und keine Papiere, etwa Geburtsurkunden für ihre Kinder. „Es wächst dort eine Generation staatenloser Kinder heran, die alle zwei Tage ihre Heimat verlieren, weil das Militär ihre Zelte niederbrennt. Ich frage mich mit Angst, was das für Menschen werden, die unter solchen Umständen aufwachsen müssen”, blickt Susanne Degenhardt sorgenvoll in die Zukunft.

Der Staat Marokko setze offenbar auf eine Zermürbungsstrategie: Die Kranken erhalten keine medizinische Versorgung, weil sich örtliche Ärzte weigern, sie gründlicher zu untersuchen. „Wir sind aus unserem Heimatland gegangen, weil wir aus Sicht die Erziehung unserer Kinder nicht gewährleisten und ihre Ausbildung nicht finanzieren konnten”, erzählt ein Flüchtling in einem aufgezeichneten Interview. Vor der Grenze Europas sind die Verhältnisse nicht besser.

Eine Flüchtige berichtet: „Meine Zukunft hängt von mir selbst ab. Aber ich brauche einen Ort, an dem ich einen bezahlten Job annehmen kann, und Dokumente, die meine Sicherheit gewährleisten.” Viele Flüchtlinge leben ohne Ausweispapiere. Festzusitzen, nicht arbeiten zu können und die Illegalität treiben viele in Depressionen. „Ich habe für das Lehramt studiert und im Kongo jahrelang als Englischlehrerin gearbeitet.

Mein Mann war Rechtsanwalt unter der alten Regierung. Der Regierungswechsel brachte ihm den Tod, und ich musste fliehen, weil ich unter der alten Regierung als Dolmetscherin gearbeitet hatte”, erzählt eine Frau aus dem Flüchtlingslager: „Frauen haben das selbe Recht zu leben und zu arbeiten wie Männer, und Kinder haben ebenfalls ein Recht zu leben und die Schule zu besuchen.”

Susanne Degenhardt möchte durch ihre Aufklärungsarbeit helfen: „Die Öffentlichkeit muss davon erfahren, dass vor den Grenzen Europas die Elite Afrikas geradezu ,verreckt!” Der einzige Zufluchtsort seien die Kirchen, denn viele der Afrikaner, die im islamischen Marokko eintreffen, sind Christen.

Diese unterstützt vor Ort, gemeinsam mit dem CEI, einem internationalen Hilfskomitee, viele junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren, manche sogar jünger als 13 Jahre, die in ihrem Heimatland keine berufliche Zukunft sehen. Und die Situation scheint sich zu verschlimmern, denn Europa habe vor, die Grenzen noch weiter zu verschärfen.

„Doch Migration ist ein Menschenrecht!”, appelliert Susanne Degenhardt. Mit rund 200 Mikroprojekten, zum Beispiel der Spende einer Nähmaschine, ermöglicht es unter anderen der evangelische Kirchenkreis Jülich Flüchtlingen, die ausgebildete Schneider sind, für die Gemeinde zu arbeiten und auszubilden. „Dort sind einige versprengte Europäer und ansonsten nur Flüchtlinge. Die sind auf unser aller Hilfe dringend angewiesen.”

Auch Hilfe in Form von Medikamenten, Stipendien für Studenten, Lehrgänge, Rechtsberatungen, Hilfe für Mütter, Kleidung für Neugeborene, das Aufbringen von Verwaltungsgebühren und das Ausstellen von Ausweispapieren ist nötig, sagt Degenhardt.

„Ich zerbreche mir darüber den Kopf, wenn ich überlege: Was kann ich persönlich in meinem Alltag tun?”, berichtet sie. Das Problem besteht ihrer Meinung nach im Handel mit diesen Ländern. „Wir verursachen mit unserer Wirtschaftsweise die Gründe für die Flucht dieser Leute. Viele Länder dort sind korrupt, und das Geld der gut gemeinten Geschäfte landen in den Taschen der Regierenden.

Bei der Bevölkerung kommt so gut wie nichts an.” Das bedeutet: Kein Geld für Bildung oder Infrastruktur. „Das einzige, was da helfen würde, ist der Kauf von fairtrade-Produkten.” Mittlerweile nehme dieses Bewusstsein auch zu, seien die Produkte auch schon in vielen Supermarkt-Ketten, aber auch in Fairtrade-Läden wie dem in Mariadorf etwa erhältlich.

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