Baesweiler: Über Herausforderungen und Erfolge der Bibliotheken

Baesweiler: Über Herausforderungen und Erfolge der Bibliotheken

Der Leseeifer lässt nicht nach. 60.347 Ausleihen hat die Stadtbücherei in Baesweiler im Jahr 2012 registriert, im vergangenen Jahr waren es 60.450. Über die konstante Nachfrage, eine Renaissance des Sachbuchs und den Vormarsch der E-Books spricht die Baesweiler Büchereileiterin Elke Tetz im Wochenendinterview.

Keine wirkliche Steigerung, aber auch kein Rückgang — sind Sie zufrieden mit den Entleihzahlen?

Tetz: Aber sicher. Stabile Zahlen sind in der heutigen Zeit schon richtig gut. Ich weiß nämlich von anderen Büchereien, in denen diese Zahlen deutlich rückläufig sind.

Warum ist das bei Ihnen nicht so?

Tetz: Ich denke, es hat viel damit zu tun, dass die Bücherei in den Köpfen der Leute präsent ist. Dazu gehört es, dass man permanent für sich wirbt und mit den Lesern spricht. Wenn die dann wiederum in Gesprächen mit Bekannten von uns erzählen, steigert das die Aufmerksamkeit. Es hat sich in Baesweiler offenbar ganz gut rumgesprochen, dass es uns gibt. Das spüren wir auch bei den anderen Angeboten, zum Beispiel bei den Autoren-Lesungen. Die waren im vergangenen Jahr richtig gut besucht.

Was beutet „richtig gut“ in diesem Fall?

Tetz: Hundert Besucher und teils sogar noch mehr. Die hatten wir bei den Abenden mit Anne Gesthuysen oder mit Proschat Madani locker. Gut 30 Zuhörer waren es auch bei dem Münchener Autor Su Turhan. Im Jahr davor waren es insgesamt selten mehr als 30 Besucher pro Lesung. Das hat sich gut entwickelt.

Weil Sie sich mittlerweile auch größere Namen leisten können?

Tetz: Leisten trifft es nicht. Man wundert sich oft, aber namhaftere Autoren sind nicht unbedingt teurer als andere. Die Unterschiede sind da meist gar nicht so groß. Und wenn ein Autor sich bei einer Lesung wohl gefühlt hat, dann kommt er auch gern wieder, wenn er etwas populärer geworden ist.

Gibt es Wunschkandidaten, die Sie gern nach Baesweiler holen möchten?

Tetz: Klar, ganz viele. Eine habe ich jüngst verpflichten können: Kathrin Lange. Ihr Buch „40 Stunden“ habe ich regelrecht verschlungen. Mit den 400 Seiten war ich nach zwei Tagen durch — dabei mag ich Thriller eigentlich gar nicht. Aber das ist einfach fantastisch geschrieben. Ich lehne mich mal aus dem Fenster und sage: Nicht mehr lange und Sie steht auf der Bestsellerliste — und im September ist sie dann zu Gast in Baesweiler.

Wie sieht es mit den Projekten zur Leseförderung aus — sind die weiterhin gefragt?

Tetz: Oh ja. Vor allem bei den ganz Kleinen. Unsere „Leseohren“-Krabbelgruppe ist jedes Mal voll, auch bei den „Lesemäusen“ im Kindergartenalter kommen immer einige Kinder zu den Terminen.

Und auch später, als regelmäßige Besucher der Bücherei?

Tetz: Ja, das ist tatsächlich so. Man spürt ganz klar, dass es eine dauerhafte Verbindung zu Büchern gibt, wenn der Grundstein dafür früh gelegt wird. Seit einiger Zeit kommen viele Jugendliche zu uns und suchen nach Fachliteratur.

Wie kommt das denn? Heutzutage werden Informationen doch vorzugsweise gegoogelt.

Tetz: In der Schule anscheinend nicht mehr. Viele junge Besucher haben mir gesagt, dass sie Referate oder andere Dinge vorbereiten sollen, aber die Lehrer nicht wollen, dass die Recherche im Internet läuft. Also wird das Sachbuch wieder richtig gut gefragt.

Das dürfte aber für Sie ein Problem sein, oder?

Tetz: Warum?

Weil viele Bibliotheken mit dem Erstarken des Internets dazu übergegangen sind, den Bestand bei Fachbüchern, die rasch veralten, zu reduzieren und Geld eher für Romane und Kinderbücher auszugeben. Also dürfte es bei Sachliteratur manche Lücke in den Regalen geben.

Tetz: Klar, wir können nicht zu jedem speziellen Thema ein Buch im Bestand haben. Aber das konnten wir vor 10 oder 20 Jahren auch nicht. Durch die Zusammenarbeit mit anderen Bibliotheken und die Fernleihe sind wir immer noch gut in der Lage, fast alles zu besorgen.

Dann könnten Ihnen durch dieses Erstarken des Sachbuchs sogar neue Leser ins Haus stehen?

Tetz: Ja. Genial, oder?

Apropos neue Leser: Auch in Baesweiler hat vor drei Tagen die „Onleihe“ begonnen, bei der Büchereien in der Städteregion per Internet E-Books verleihen. Finden Sie das nicht auch ein wenig schade? Schließlich bekommen Sie diese Leser doch gar nicht mehr zu Gesicht?

Tetz: Na ja, einmal im Jahr müssen sie ja doch kommen, um den Leseausweis zu verlängern (lacht). Aber die Befürchtung, dass E-Book-Leser ganz aus unseren Räumen wegbleiben, habe ich eigentlich nicht. Ich sehe das eher als Ergänzung des Angebots, wie bei Hörspielen oder Gesellschaftsspielen. Wer online unseren Katalog durchstöbert, sieht ja alles, was wir zu bieten haben — und kommt vielleicht auf den Geschmack, die Bücherei selbst zu besuchen. Insofern könnte die Onleihe auch eine Werbung für die Bücherei sein.

Wo sehen Sie das gedruckte Buch in zehn Jahren? Werden Ihre Regale dann immer noch gut gefüllt sein?

Tetz: Gute Frage. Ich denke - und hoffe —, dass die Bücherei dann immer noch aktuell und wichtig sein wird. Vielleicht wird sie bis dahin sogar noch mehr zu einem Treffpunkt, der sie ja heute schon ist. Dieses Zusammenkommen von Lesern, von Menschen, ist fast noch wichtiger als das eigentliche Ausleihen von Büchern. Gerade in Zeiten des Internets, denke ich. Zu uns kommen ältere Menschen, die sich über Ansprache freuen und Teenager, die in die aktuelle „Bravo“ hineinschauen möchten. Alle treffen sich. Die Bücherei ist ein lebendiger Ort. Und das ist doch schön, oder?