Theater-Starter in Würselen

Kinder fordern Zugabe : „Zinnober in der grauen Stadt“ begeistert

„Zugabe! Zugabe!“ Die Erst- und Zweitklässler der Sebastianus-Schule wollten mehr. 180 Schüler wollten mehr Theater sehen, nachdem eine Stunde „Zinnober in der grauen Stadt“ zu Ende war.

In der 17. Theater-Starter-Spielzeit feierte diese Form der Zustimmung im Alten Rathaus Premiere. „Noch niemals hat unser junges Publikum so nachhaltig und entschlossen eine Zugabe nach einem Theaterstück gefordert“, erklärte Kulturbeauftragte Sigrid Kerinnis. Was war passiert? Melanie Sowa und Philipp Börner von die United Puppets Berlin inszenierten den Klassiker der Kinderliteratur aus den 1970er-Jahren mit unterschiedlichen Mal- und Zeichentechniken.

Da stand der Maler Zinnober auf der Bühne, der in einer Stadt Häuser und Gebäude immer wieder neu anmalte. Leider wünschten sich die Einwohner der Stadt immer wieder alles nur in Grau: in Mausgrau, in Alltagsgrau, in Gespenstergrau, in Nebelgrau, in Dämmergrau, in Rauchgrau. Die Einwohner kannten keine Farben. Häuser, Straßen, Spielplätze, Plüschtiere, Erdbeerkuchen, Weihnachtsbäume, Luftballons, Riesenlutscher, Sommerkleider, Brombeeren und Schmetterlinge waren grau in dieser Stadt.

Dort lebte der Maler Zinnober, der alle Farben liebte. Seine Sehnsucht, seine Liebe musste Zinnober verschließen, denn die Menschen in dieser Stadt hatten sich an das Grau gewöhnt. Doch dann begegnete er den Kindern Paula und Jonas. Sie waren Feuer und Flamme für Blau, Rot, Grün, Lila, Gelb und Orange. Die Beiden liebten alle Farben. Und dann geschah etwas Ungeheuerliches. Die Kinder und Zinnober begannen, die Stadt bunt zu malen und die anderen Bewohner ließen sich davon anstecken, begannen die bunten Farben zu lieben.

Da beschrieb die Geschichte von Margret Rettich die bahnbrechende Kraft einer Idee, wenn sie gut ist, kraftvoll und den Nerv vieler Menschen trifft. Diese Geschichte erzählte davon, dass jeder das Leben und seine Gestaltung selbst in die Hand nehmen kann. Dass jede Veränderung von Althergebrachtem, von eingeübten Regeln, mit sich selbst beginnt. Da zeigten die beiden Schauspieler auf der Bühne, dass niemand meckern muss, um etwas zu ändern. Wie ein Maler und Kinder aktiv etwas verändern und alle anderen mitziehen.

„Das ist ein wundervolles Plädoyer für Mitgestaltung, Teilhabe und gesellschaftlichem Einmischen“, sagte Susanne Drews, Schulleiterin der Sebastianus-Schule, die gemeinsam mit den vielen Schülern von der Geschichte und ihrer Darstellung gefangen war. „60 Minuten saßen unsere Kinder mucksmäuschen still und gespannt auf ihren Plätzen. Das spricht für diese Inszenierung“, sagte die Schulleiterin mit einem Lächeln. Da waren 60 Minuten Mal- und Zeichentechniken auf eine Leinwand projiziert worden. Da konnten die Zuschauer miterleben, wie die Stadt wuchs, wie Veränderungen entstanden. Da wurden die jungen Zuschauer zu Komplizen der Inszenierung.

Als in der nächsten Aufführung die Dritt- und Viertklässler 60 Minuten ganz still und gespannt auf den Stühlen gesessen hatten, passierte wieder dasselbe wie nach der ersten Aufführung an diesem Theatertag: Die Zugabe-, Zugabe-Rufen wollten gar nicht enden.

(ny)
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