Sonderfahrt: Mit den Eisenbahnfreunden zum Mindener Wasserstraßenkreuz

Sonderfahrt mit historischen Loks : Unter Dampf und Strom von Aachen zum Mindener Wasserstraßenkreuz

Highlight für Bahnfans: Sonderzug von Aachen nach Minden

Was treibt Menschen an einem Samstag zu Nachtschlafender Zeit aus dem Bett? Die Übertragung eines epochalen Fußballspiels vom anderen Ende der Welt? Die Landung des ersten Menschen auf dem Mars? Nein, die Sonderfahrt eines Zuges von Aachen aus über Herzogenrath, Geilenkirchen, Erkelenz und weiter über Krefeld und Duisburg zum größten Wasserstraßenkreuz der Welt bei Minden.

Ein großes Stück des Wegs wird der „Wasserstraßenkreuz-Express“ (so steht es auf dem Laufschild) von einem Exemplar der Schlepptenderlokomotiven 01 der Deutschen Reichsbahn gezogen, die für den schweren Schnellzugdienst konstruiert worden war. Der schwarze Riese trägt die Nummer 01 519. Rund 320 Reiselustige steigen auf der Fahrt zu. Was ist das Verlockende einer dampfenden oder elektrisch surrenden Lok? Die von dem Verein Eisenbahnfreunde Niederrhein/Grenzland organisierte Fahrt bietet Einblicke in die Passion Eisenbahn.

Die Tour ist nichts für Weichlinge, denn – anfangs bis Krefeld von der Elektrolok 110 383-7 gezogen – geht es um 5.50 Uhr ab Hauptbahnhof Aachen los. Die Rückkehr wird für 23.35 Uhr avisiert. Zum Glück kann man(n) ja am Sonntag ausschlafen. Aber es sind bei weitem nicht nur Männer, die die Gelegenheit nutzen, die Enge des Kellers oder des Dachbodens, der von ihrer Modelleisenbahn beherrscht wird, zu verlassen und die Nähe zur großen Bahn vergangener Tage zu suchen. Erstaunlich viele Frauen begleiten ihre Liebsten, und auch ganze Familien begeben sich in das vor Jahrzehnten gefertigte „rollende Material“. Der Anteil der Senioren ist hoch.

Die historische Dampflok 01519 war auf der großen Fahrt nach Minden im Einsatz. Foto: Karl Stüber

Was macht den Reiz solcher Touren aus? „Wir achten darauf, dass ein interessantes Ziel angesteuert und ein attraktives Zusatzprogramm geboten werden“, sagt Alexandra Roscher. Die junge Frau arbeitet als Lokführerin seit elf Jahren bei der „echten“ Deutschen Bahn,und fährt auf den Linien RE 8 nach Koblenz und RE 33 nach Duisburg.

Auch ihr Lokführerkollege Arndt Sieger – er arbeitet seit 26 Jahren auf Lokleitständen – ist mit Feuer und Flamme in seiner Freizeit bei den Eisenbahnfreunden Niederrhein/Grenzland aktiv und schlüpft problemlos in die Rolle des Zugbegleiters. 28 Vereinsmitglieder begleiten den Zug als Helfer, sorgen dafür, dass die Passagiere auf der Fahrt mit Essen und Trinken versorgt werden, stehen als Ansprechpartner zur Verfügung und begleiten ihre Gäste an den Haltepunkten.

Arndt Sieger und Alexandra Roscher organisierten mit weiteren Eisenbahnfreunden die Ausfahrt. Foto: Karl Stüber

In Rheda-Wiedenbrück muss die Dampflok Wasser fassen. Hier springt die örtliche freiwillige Feuerwehr ein und macht aus dem „Einsatz“ eine viel beachtete Übung. Natürlich wird die Dampflok belagert. Aber es heißt Obacht geben. Mit rund 200 km/h rauschen ICE im engen Takt durch den Bahnhof. Am Bahnsteig ist durch schraffierte weiße Linien die „No-go-Zone“ markiert. In grellen Signalwesten sichern organisierte Eisenbahnfreunde die sicherheitssensiblen Bereiche.

Beim Streifzug durch die alten Schnellzugwagen fällt die Enge auf. Das hat man als Älterer so nicht in Erinnerung. Sind die Gänge mit den Jahrzehnten schmaler geworden? Wohl kaum: Die eigenen Jahresringe und die Rucksäcke mit der Marschverpflegung und den Kameras wollen aneinander vorbei bugsiert werden. Hart gesottene Passagiere haben Ski- oder Taucherbrillen aufgesetzt und schauen aus geöffneten Fenstern zu, wie sich die stählerne Schlange über die Strecke und ihre Kurven schiebt.

Der Sonderzug windet sich quer durch Nordrhein-Westfalen. Foto: Karl Stüber

Wer ohne Schutz schaut, riskiert, Rußpartikel aus dem Kessel der Dampflok ins Auge zu bekommen. „Unsere Gäste genießen die von Stress freie Fahrt. Sie sind weitaus freundlicher als die Leute im Regelbetrieb“, sagt Roscher. „Wir nehmen uns viel Zeit, um uns mit den Fahrgästen zu unterhalten. Manche sind schon mehrfach mit uns gefahren.“ Weitere Fahrten stehen an.

Zu einer Sonderfahrt mit einer Dampflok gehört der Blick aus dem fahrenden Zug, um vor allem in Kurven die ganze Pracht zu sehen. Aus gutem Grund schützt der erfahrene Fahrgast dabei seine Augen vor Asche und Staub zum Beispiel mit einer Ski- oder Taucherbrille. Foto: Karl Stüber

Die Kosten mit bis zu 139 Euro je Ticket (abhängig von der Klasse des Wagens und dem jeweiligen Zustieg) erscheinen auf den ersten Blick hoch zu sein, aber solche Sonderzugfahrten sind teuer. „Wir müssen die Fahrzeuge mieten, die Trasse bezahlen, den Strom, das Wasser, also alles“, sagt Sieger. Für das Zusatzprogramm vor Ort muss man noch drei Zehner drauflegen. Aber das Angebot kann sich sehen lassen.

In Minden wartete der Preußenzug mit einer preußischen T13 (Stettin 7906) an der Spitze zur Abfahrt nach Specken. Per Ausflugsboot wird dort die Weser auf dem Mittellandkanal überquert. Foto: Karl Stüber

Mit dem Preußenzug des Vereins Museums-Eisenbahn Minden geht es weiter. Bei Scheinanfahrten gibt es Rudelbildung an den besten Aussichtspunkten. Zudem wird mit einem Ausflugsschiff das Wasserkreuz, also die Überquerung der Weser durch den Mittellandkanal, befahren (siehe Info). Dort reicht die Zeit gerade aus, dass alle Getränke und Speisen bunkern können.

Am Ende macht ein Fragebogen die Runde. Ob man denn mit den Eisenbahnfreunden eine längere Fahrt machen wollte, etwa zur Speicherstadt nach Hamburg. Das Meinungsbild dürfte klar sein, denn dort befindet sich das Miniatur-Wunderland, ein Dorado der Eisenbahner, in welchem Maßstab auch immer.

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