Herzogenrath: Solartechnik wird in den Nievelsteiner Sandwerken von Natur eingerahmt

Herzogenrath : Solartechnik wird in den Nievelsteiner Sandwerken von Natur eingerahmt

Der Treffpunkt am Spätnachmittag ist eine idyllisch am See gelegene Grillhütte. Stattliche Bäume werfen Schatten, Schwalben kreisen am Himmel, lautstark schnatternd machen sich Enten bemerkbar. Das Forum für Menschen mit Behinderung hat einen Ausflug organisiert, und eine „Armada an Rollstühlen“, wie es ein Mitglied augenzwinkernd darstellt, ist gekommen.

Nicht etwa, um den Grill anzuwerfen, sondern um sich über ein Vorzeigeprojekt in der Stadt Herzogenrath Informationen aus erster Hand geben zu lassen: Ort des Geschehens sind die Nivelsteiner Sandwerke, wo Inhaber Charles Russel mit einer Fülle an Daten und Details über den flächendeckenden Solarpark aufwartet.

„Organisiert worden war diese Führung eigentlich schon vor zwei Jahren“, berichtet die frühere Forumsvorsitzende Anne Fink schmunzelnd. „Doch damals mussten wir den Termin wegen Hitze ausfallen lassen.“ Und wieder sticht die Frühlingssonne so ehrgeizig vom Himmel, als sei es ihr ein Anliegen, der Besuchergruppe die 42.000 Photovoltaikmodule in voller Leistung zu präsentieren, die sich an den Hängen der Sandgrube über eine Fläche von 80.000 Quadratmeter erstrecken — mehr als elf Fußballfelder weit.

Und das ist nur Teil 1 des Gesamtprojekts, im benachbarten Hochfeld stehen auf 33.000 Quadratmetern weitere 14.500 Solarmodule im Solarpark II. Neun Trafostationen, so lernen die Besucher, sorgen im Solarpark I dafür, dass der erzeugte Strom eingespeist werden kann.

1000 Tonnen Stahl

15 Megawatt Gleichstrom werden per Umwandlung des Lichtes an einem supersonnigen Tag erzeugt. In Wechselstrom umgewandelt fließt er dann ins Netz. Im Schnitt produziert der Solarpark I seit 2012 10,5 Megawatt Spitzenleistung, Solarpark II legt seit Januar 2017 mit rund 3,8 Megawatt peak nach. Die Stadt Herzogenrath ist an dem Photovoltaikprojekt respektive der Green Solar Herzogenrath GmbH mit zehn Prozent beteiligt, weitere Anteilseigner sind zu gleichen Teilen die Energie- und Wasser-Versorgung GmbH (EWV) sowie die n.s.w. Energy, Tochtergesellschaft der Nivelsteiner Sandwerke und Sandsteinbrüche GmbH.

Etwa mit April beginnen die sonnenstarken Monate im Jahr, wohingegen die Produktion im November und Dezember gegen Null gehe. Im Vergleich zu herkömmlicher Energieproduktion senke der zusammengerechnet größte Solarpark in NRW den Kohlendioxidausstoß um insgesamt rund 7700 Tonnen im Jahr.

Russel beeindruckt die interessierte Runde an diesem Nachmittag noch mit weiteren Zahlen, etwa dass im Solarpark I ganze 1000 Tonnen Stahl verarbeitet worden sind, für die Aufständerung, auf denen die Solarmodule ruhen. Die Posten dazu mussten 2,40 Meter tief in die Erde gerammt werden. Bringen beide Anlagen volle Leistung, so Russel, ließe sich ein Drittel der Haushalte Herzogenraths damit versorgen. St. Gobain, Hauptkunde der Sandwerke, müsse man mit seinem Energiebedarf dabei natürlich rausrechnen.

Wie es denn mit Speichermöglichkeiten für derartige Mengen Strom aussehe?, kommt prompt die Frage. Erwartet werde, so erläutert Russel, die Baugenehmigung für ein An-Institut der RWTH auf dem Gelände, zur Erforschung von Möglichkeiten der Speichertechnik. „Wir haben jedes Jahr in Spitzenmonaten mit Wind und Sonne die Situation, dass zu viel Strom produziert wird“, sagt er. Und hofft, dass es bald probate Lösungen dafür gibt — auch in Richtung Export in die Niederlande.

Erfreulicher findet Russel indes, dass in einer der Sandwände seit Jahren schon unzählige Schwalben ihre Bruthöhlen haben. Per Fernglas lässt sich denn auch ein munteres Ein- und Ausfliegen beobachten.

Fünf Angelvereine

Wie sehr die Natur immer mehr zurückkehrt in die Sandgrube, davon zeugen auch die beiden Seen, die im Laufe der Jahre entstanden sind. Genutzt werden sie von fünf Angelvereinen, klärt Russel auf. Der beachtliche Fischbestand sei teils eingesetzt, aber zum Großteil als Laich über das Gefieder von Wasservögeln ins Wasser gelangt.

Möglichst naturnah soll auch der Bewuchs rund um die Tausenden Solartische im Zaum gehalten werden: Seit wenigen Wochen sorgen 41 Schafe mit dafür, die sich zwischen den Modulen an den Hängen tummeln, an denen der Einsatz größerer Mähmaschinen viel zu gefährlich wäre. „Demnächst kommen noch 26 Schafe hinzu“, berichtet Russel. Die Mitglieder des Behindertenforums, das seit kurzem mit Sabine Früke und Maggy Heggen eine Doppelspitze hat, nehmen auch das wohlwollend zur Kenntnis.

Und sie wundern sich genauso wie der Anlagenbetreiber über vorwitzige Rabenvögel, die sich, so erzählt Russel schmunzelnd, offenbar ein Vergnügen daraus machen, aus dem Flug in luftiger Höhe Steinchen auf die Solartische fallen zu lassen. Rund 30 Glasplatten mussten deswegen im Laufe der Zeit schon ausgetauscht werden. Spieltrieb? „Offenbar“, sagt Russel. „Die Raben haben anfangs sogar die blinkenden Scheiben der Überwachungskameras zerhackt.“ Seitdem die Linsen mit Halbschalen geschützt werden, herrsche Ruhe.

Ansonsten haben sich die Solarmodule durchaus als pflegeleicht erwiesen: Nach fünf Jahren, so berichtet Russel, habe man die Glasflächen von Solarpark I erstmals gewaschen, weil sich im Laufe der Zeit ein Film darauf gebildet hatte. „Eine Wahnsinnsarbeit“, sagt Russel. Nachvollziehbar: Man stelle sich nur 42 000 Mal Fensterputzen vor ...

Einladung zum Rollstuhlwandertag

Das nächste Mal auf große Tour geht das Forum für Menschen mit Behinderung am Samstag, 25. August. Von 10 bis 17 Uhr steigt dann der Rollstuhlwandertag, der alljährlich zusammen mit der Kerkrader Organisation „De Zonnebloem“ organisiert wird. Menschen mit und ohne Behinderung sind zu diesem besonderen grenzüberschreitenden Freizeitangebot eingeladen.

Diesmal geht es rund zwei Stunden lang durchs idyllische Broichbachtal. Zudem gibt es ein warmes Mittagessen, ein Unterhaltungsprogramm, eine Tombola und zum Abschluss Kaffee und Kuchen.

Die Teilnahmegebühr beträgt 7 Euro pro Person. Anmeldung bis 15. August bei Anne Fink, Telefon 02407/ 8723 bzw. annefink@gmx.net oder bei Sebastian Göbbels, Telefon 02407/3115 bzw. bastiontour@icloud.com.

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