Serie „Der Heimat auf der Spur“: Per Rad auf den Spuren der Bockreiter

Serie „Der Heimat auf der Spur“ (Teil 3) : Per Rad auf den Spuren der Bockreiter

Wo einst die Bockreiter ihr Unwesen getrieben haben

In der Serie „Der Heimat auf der Spur“ geht es mit dem Fahrrad entlang historischer Schauplätze des 18. Jahrhunderts in Alsdorf, Herzogenrath und Baesweiler. Bei der Tour dreht sich alles um die Bockreiter.

Die Bezeichnung „Spanische Spinne“ löst etwas aus, wenn man sie hört. Nichts Gutes. Eher Unbehagen. Und genau das sollte sie auch, handelt es sich doch um ein Folterinstrument, mit dem einige Herzogenrather bereits bitterböse Erfahrungen gesammelt haben. Ob jene Menschen sich diese Behandlung tatsächlich „verdient“ hatten, lässt sich nicht eindeutig sagen.

Denn weder waren die Bockreiter, um die es hier geht, immer schuldig oder immer unschuldig, noch waren es ihre Richter. Eine gut 30 Kilometer lange, von der Grünmetropole erdachte Radroute führt entlang historischer Schauplätze, die unter anderem im Zusammenhang mit der Bockreiterzeit stehen. Darunter ein Saal, der damals wie heute für einen Wendepunkt im Leben vieler Menschen steht.

Burg Rode, eines der wenigen erhaltenen, begeh- und erlebbaren Bauwerke, die eine wesentliche Rolle zur Zeit der Bockreiter im 18. Jahrhundert innehatten, ist einer der Ankerpunkte der Bockreiter-Route. Im Saal, in dem sich liebende Paare heutzutage das Ja-Wort geben, wurde damals gerichtet. Nicht nur Urteile wurden dort gefällt, sondern vorher auch gefoltert oder, wie es damals hieß: „peinlich befragt“ – was sich ein bisschen moderater anhört, im Grunde aber das gleiche meint. Auf diese Weise wurde aus schuldigen und manchmal unschuldigen Angeklagten ein Geständnis gepresst. „Das war nötig, um verurteilen zu können“, erklärt Catharina Scholtens, Mitglied des Kuratoriums Verein Burg Rode und Burgführerin. Nach dem Richtspruch wurden die Unglücklichen zum Beckenberg gebracht.

Der Beckenberg findet sich in der unmittelbaren Nachbarschaft zur Burg, quasi einmal über die Straße, und ist ein weiterer Punkt auf der Route, der sich für eine kurze Verschnaufpause auf einer Bank im Grünen anbietet. Es handelt sich um ein von der Größe her überschaubares Areal, das einst als Galgenberg diente. Wer zuvor aus der Euregiobahn, Haltestelle Annapark in Alsdorf, ausgestiegen ist und die ersten Kilometer bis Herzogenrath geschafft hat, kann am Beckenberg kurz Luft holen und Gedanken darüber nachhängen, wie hingerichtete Bockreiter von der Obrigkeit zur Abschreckung an diesem Ort gerne auch mal länger am Galgen baumeln gelassen wurden.

79 Hinrichtungen auf Beckenberg

Solange, bis die Krähen sich alles für sie Verwertbare geholt hatten und kaum viel mehr von den Gehängten übrig war, als ihre Knochen. „Es kann durchaus passieren, dass in Neubaugebieten der Umgebung hier auf der ein oder anderen Baustelle Knochen auftauchen aus dieser Zeit“, sagt Stefan Becker, ebenfalls Kuratoriumsmitglied des Burgvereins und Burgführer. In Herzogenrath wurden 79 Bockreiter zum Tode verurteilt und am Galgen aufgeknüpft. „Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein“, sagt Becker, weil viele schon bei der Folter starben, die Umstände ihres Todes aber nie an die Öffentlichkeit gelangten.

Oben rechts: Der Saal, in dem heutzutage Paare heiraten, wurde zur Bockreiterzeit noch gefoltert. Oben links: Catharina Scholtens und Stefan Becker vom Kuratorium des Vereins Burg Rode zeigen die „Spanische Spinne“. Foto: Thomas Vogel

Die vielleicht interessanteste Bockreiterzeit ist die dritte von drei Perioden im 18. Jahrhundert, die Zeit von 1770 bis 1777, erklärt Scholtens und Becker fügt an: „Weil die Obrigkeit erkannt hatte, dass man durch eine rechtskräftige Verurteilung selbst reich werden kann.“ Entsprechende Stilblüten trieb die Gerichtsbarkeit jener Phase.

Familie wird vogelfrei

Ein Beispiel ist die Hinrichtung von Bürgermeister Martin Plum aus Merkstein. „Der war wohlhabend, was sollte der klauen?“ Eine Frage, die man, wie Becker, stellen kann, die im Herzogenrath jener Zeit aber keine Rolle spielte. Jene, die das Urteil fällten, wussten: Wenn Plum zum Tode verurteilt wird, verliert er nicht nur sein Leben, sondern auch sämtlichen Besitz und seine Familie wird vogelfrei. Eigentlich hätte Hab und Gut in einem solchen Fall vom Vogt im Namen des Landesfürsten versteigert werden müssen. „Das hat aber nie stattgefunden“, bemerkt Becker. Erst als eine Frau aus Pannesheide, deren Mann ebenfalls im Kerker gelandet war, sich aus der Not heraus einen Advokaten in Aachen suchte, um juristisch dagegen vorzugehen, stellte sich heraus: Aus den Versteigerungen kommt überhaupt nichts beim Landesfürsten an.

Untersuchungsrichter wurden eingesetzt, um die Zustände in Herzogenrath zu überprüfen. Man stellte fest, dass die peinliche Gerichtsordnung Anwendung findet – „im 18. Jahrhundert, dem Zeitalter der Aufklärung. Da brennt Paris, weil die Bevölkerung sich gegen die Obrigkeit auflehnt“, macht Becker deutlich. Und in Roda richtet man nach allen Regeln einer Kunst, die zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahrhunderten einen Rechtsbruch darstellt. Die Robin Hood-Legende über die Bockreiter – Banden, die von den Reichen stahlen um den Armen zu geben – ist eine Mär, sagt Becker. Gerade in der letzten Phase traf es vor allem die Oberschicht.

Gehängt an einem 11. Mai

An der Route finden sich dafür Beispiele. Angeblich ein Bockreiter war Arnoldus Paffen, der in der Kirchstraße in Hofstadt eine Schmiede besaß. Er hat in Gefangenschaft am 12. August 1743 Selbstmord begangen und wurde, wie es zu dieser Zeit üblich war, unter dem Galgen bestattet. Oder der Fall Balthasar Kirchhoffs, eines wohlhabenden Schuhmachers aus der Scherbstraße. Im März 1771 wurden er und seine Frau Marie verhaftet.

Mitten in der Stadt: Auf dem Beckenberg wurde am Galgen hingerichtet. Foto: Thomas Vogel

Während seiner Frau die Flucht gelingt, stirbt Balthasar auf Burg Rode an den Folgen der Folter mit dem sogenannten Wippgalgen, erzählt Scholtens. Den bekam später auch Balthasars Bruder Josef Kirchhoffs zu spüren, neben einer ganzen Reihe weiterer Folterinstrumente. Josef Kirchhoffs, ein angesehener Arzt aus der Kleikstraße gleich unterhalb der Burg, wurde vorgeworfen, Anführer der Bockreiter zu sein. Er wurde verhaftet, als er nach dem Gottesdienst gerade die Kirche St. Maria Himmelfahrt verließ. Zwar hat er seine Schuld auch unter mehrfacher Folter nie eingeräumt. Verurteilt wurde er dennoch – in neun Fällen vorsätzlichen Einbruchs mit gewalttätigem Diebstahl oder versuchten Raubes. Am 11. Mai 1772 wird er am Beckenberg vor zahlreichen Zuschauern gehängt.

Ob Josef Kirchhoffs nun ein Einbrecher und Räuber war oder ein Justizopfer, ist abschließend nicht geklärt. Fest steht: Bockreiterbanden brachen ein und stahlen. In die Baalsbrugger Mühle zum Beispiel. Oder 1735 in das Pfarrhaus St. Willibrord, wo die Einbrecher die Friedhofsmauer überstiegen und durch ein Fenster in die Sakristei kletterten, um so in die Kirche zu gelangen. Allerdings mussten sie mit leeren Händen wieder abziehen, nicht einmal eine alte Altardecke fand sich in der Kirche. Der Nachtwächter hatte sie mit seiner Hellebarde gestört und die Bande ihre Beine in die Hand genommen.

Auf Burg Rode in Herzogenrath: Der Saal, in dem heute Hochzeiten stattfinden, wurde zur Bockreiterzeit gefoltert. Stefan Becker und Catharina Scholtens vom Kuratorium des Vereins Burg Rode Herzogenrath zeigen das Folterinstrument "Spanische Spinne". Der Beckenberg ist heute ein grüner Flecken mit Spielplatz, früher war es der Galgenberg und Hinrichtungen fanden dort statt. Foto: Thomas Vogel

Die Bockreiter-Radroute führt an den meisten dieser historischen Schauplätze des 18. Jahrhunderts direkt oder zumindest in der Nähe vorbei und ist Gelegenheit, sich mit eigener Muskelkraft auf die Spuren der Bockreiter genannten Banden zu begeben – jenen Männern und Frauen, die etliche Orte im Nordkreis überfielen, die lohnende Beute, manchmal auch einfach nur etwas zu Essen versprachen und die ab und zu sogar gänzlich unschuldig verurteilt und gefoltert wurden. Zu sehen gibt es, neben der Landschaft, in der die Bockreiter sich umtrieben, interessante Zeugnisse aus ihrer Geschichte. Also verabreden Sie doch mal eine Führung auf Burg Rode (siehe Box) und schwingen sich auf – wenn schon nicht den Rücken eines Ziegenbocks, dann wenigstens den Sattel Ihres Drahtesels.

Eine Beschreibung und interaktive Karte der Rad-Route zum Thema gibt es im Internet.

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