Alsdorf: Scouting an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule: „Talent alleine reicht leider nicht immer“

Alsdorf : Scouting an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule: „Talent alleine reicht leider nicht immer“

Wenn Vertreter der FH und RWTH Aachen an den Schulen der Region vorbeischauen, handelt es sich meistens um breitgefächerte Informationsveranstaltungen, die bei den jungen Zuhörern in der Regel nur mäßige Begeisterung verursachen. Die Gustav-Heinemann-Gesamtschule (GHG) in Schaufenberg geht einen entscheidenden Schritt weiter.

Sie sicherte sich als erste Alsdorfer Bildungseinrichtung die Plakette „Schule im NRW-Talentscouting“. Daniela Möller berät und fördert als „Talentscout“ der beiden Hochschulen seit Beginn des Schuljahres aufstrebende Talente in verschiedensten Fachrichtungen. GHG-Schulleiter Martin May begrüßte unlängst mit Vera Richert (FH) und Yusuf Bayazit (RWTH) zwei Hochschulvertreter zur Unterzeichnung des offiziellen Kooperationsvertrags.

Das NRW-Talentscouting soll laut der Verantwortlichen dort ansetzen, wo Notenspiegel und Zeugnis die individuellen Begabungen eines Schülers nicht mehr detailliert genug abbilden können. „Faktoren wie der familiäre Hintergrund oder die soziale Herkunft entscheiden heute oftmals über den Bildungsweg. Talent alleine reicht leider nicht immer. Diese Lücke wollen wir schließen“, erläuterte Richert. Talentierte Jugendliche sollen so ermutigt und unterstützt werden werden, eine passende Berufsausbildung oder ein individuelles Studium anzutreten.

Das NRW-Ministerium für Kultur und Wissenschaft stellt für das Scoutingprojekt jährlich bis zu sechseinhalb Millionen Euro zur Verfügung. Insgesamt 14 Hochschulen und Universitäten wurden nach einem landesweiten Ausschreibungsverfahren für das Projekt ausgewählt, darunter beide Aachener Hochschulen. „Es kann vereinfacht als weit verzweigte Erweiterung der Studienberatung angesehen werden, der Notenspiegel ist nicht das entscheidende Kriterium“, erklärte Bayazit.

Faires Auswahlverfahren

Scouts wie Daniela Möller sitzen an den Hochschulen und bieten einmal monatlich Beratungstermine an den zu betreuenden Bildungseinrichtungen an. Die infrage kommenden Schüler wählt das jeweilige Lehrerkollegium aus — aus Sicht der Projektleiter das sinnvollste und fairste Auswahlverfahren. „Die Lehrer kennen die Stärken und Interessen ihrer Schüler besser als Außenstehende“, waren sich Beratungslehrerin Julia Kaufmann und Richert einig. Auch wenn mit Minela Tukulic, Jessica Cwielong, Merve Kir und Dilara Özsoy gleich vier Schülerinnen stellvertretend für ihre Mitstreiter während der offiziellen Übergabe von ihren ersten Erfahrungen berichteten — insgesamt ist das Verhältnis der Geschlechter bei den bereits gesichteten Talenten ausgeglichen. Seit dem Frühjahr 2017 hat das GHG-Kollegium insgesamt 21 Schülern an das Scoutingprojekt weitergeleitet.

Minela Tukulic sagt: „Ich war sehr unsicher, wie ich meine berufliche Laufbahn gestalten sollte. Ich habe besonderes Interesse an Sprachen, dadurch versuche ich, im Studium neue Kombinationen kennenzulernen. Durch die Beratung interessiere ich mich sehr für Wirtschaftswissenschaften im internationalen Bereich.“ erve Kir berichtet: „Durch den intensiven Kontakt zu meiner Beratungslehrerin konnte ich meine Stärken und Schwächen besser einschätzen. Da ich den Mathe-Leistungskurs besuche, kommt für mich in jedem Fall die Studienrichtung Naturwissenschaften in Frage. Es war wichtig, die Unterschiede zwischen FH und RWTH kennenzulernen. Und Jessica Cwielong erklärt: „Durch das Scouting habe ich ein Praktikum in sozialer Arbeit absolvieren dürfen. Ich hatte großes Interesse an diesem Beruf, jedoch merkte ich, dass es nicht das richtige für mich ist. Mittlerweile möchte ich einen Platz im Lehramtsstudium belegen. Die frühzeitige Vorbereitung ist für mich sehr wichtig.“

Dilara Özsoy: „Über Daniela Möller wurde ich auf Vorträge in Forensik an der Universität Bochum aufmerksam gemacht. Es hat zwar nicht ganz meinen Geschmack getroffen, dennoch strebe ich ein Studium im naturwissenschaftlichen Bereich an. Das NRW-Netzwerk ist für uns alle eine große Unterstützung.“

Schulleiter May zeigt sich erfreut über die gute Entwicklung, die das Projekt bereits nach kurzer Zeit an der GHG genommen hat: „Wir wollen für unsere Schüler Anreize schaffen, sich auch mit ungewöhnlichen und unbekannteren Ausbildungsmöglichkeiten zu befassen. Die Hürden sollen verringert werden.“ Die Ziele folgen darüber hinaus dem Leitsatz der Schule „Vielfalt in Heterogenität“.

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