Schwimmmeister Funke ist der Lebensretter vom Aquana in Würselen

Würselen : Schwimmmeister Stephan Funke ist der Lebensretter vom Aquana

Stephan Funke ist ein Lebensretter. Der 42-Jährige ist Schwimmmeister — und derjenige, der vor wenigen Wochen das 13 Monate alte Kind im Würselener Freizeitbad Aquana zurück ins Leben holte, nachdem es ins Kleinkindbecken gestürzt war. „Per Funk informierte mich ein Kollege, ein Kind würde leblos im Becken treiben. Ich griff den Sanitäterkoffer und rannte los“, erinnert er sich.

Als er am Becken ankam, hatte der Kollege das Kleinkind bereits aus dem Wasser gezogen. Es sei kreidebleich gewesen, sagt Funke. Er legte das Kind auf einen Tisch und begann, es zu beatmen. Dann nahm er mit seinen Fingern eine Herzdruckmassage vor. „Zum Glück hustete das Baby dann das Wasser wieder aus“, sagt er. Er brachte es mit seinem Kollegen in die stabile Seitenlage und wartete auf den Notarzt.

Eltern waren panisch

„Ich habe das Glück, dass ich mich in solchen Situationen ruhig verhalte und nicht panisch werde“, sagt Funke — anders als die Eltern des Kindes. Die seien ganz aufgelöst gewesen, als sie realisierten, was geschehen war.

Der Vater hatte gerade mit den zwei Geschwistern des Verunglückten wenige Meter entfernt im Wasser gespielt, während die Mutter Sachen aus der Tasche auspackte. Der damals 13 Monate alte Junge nutzte den unbeobachteten Moment, um sich auf den Weg in Richtung Becken zu machen und fiel hinein. „Die Eltern werden sicherlich ein schlechtes Gewissen haben. Aber man sollte das nicht dramatisieren, das hätte jedem passieren können“, sagt Funke.

Nachdem nur einige Tage zuvor ein achtjähriger Junge im Aquana ums Leben gekommen war, geriet das Sicherheitskonzept des Bades in die öffentliche Kritik. Die Verantwortlichen betonen jedoch, alles Mögliche zu tun, um die Sicherheit der Gäste zu gewährleisten. An jenem Sonntag, als das 13 Monate alte Kind ins Wasser stürzte, waren vier Rettungskräfte und zwei Fachangestellte für Bäderbetriebe vor Ort. Von festen Standpunkten aus beobachteten sie die Gäste.

Jede halbe Stunde wechselten sie die Position, erklärte Geschäftsführer Claus Nürnberg. „Sonst entwickelt sich ein Tunnelblick.“ An einem Sammelpunkt in der Mitte des Bades laufen die Beobachtungen der Mitarbeiter zusammen. Auf Kameras können sie das Geschehen im gesamten Bad im Blick behalten. Stehen die Rettungsschwimmer nicht an einem festen Punkt, sind sie unterwegs auf Kontrollgängen durch das Bad und die Sauna.

Erst der dritte Arbeitstag im Aquana

Für Stephan Funke war es erst der dritte Arbeitstag im Aquana, als das Unglück geschah. Er stellt mit seiner Firma als Dienstleister deutschlandweit Bädern Schwimmmeister und Rettungsschwimmer zur Verfügung. Wenn sie nicht an ihrem festen Wohnsitz in Duisburg sind, touren er und seine Frau, die als Rettungsschwimmerin arbeitet, mit dem Campingbus durch das Land; sie arbeiten dort, wo Hilfe gebraucht wird.

Nach dem tödlichen Unfall eine Woche zuvor, hatte der Geschäftsführer einen Teil des Aquana-Stammpersonals einige Tage freigestellt, damit es sich von dem Vorfall erholen konnte. Um den Betrieb aufrechterhalten zu können, buchte er Funke. Dieser übernahm zwei Wochen lang die Schichtführung. Mittlerweile ist er in Bad Neustadt eingesetzt, wo er die Freibadleitung übernommen hat.

„Ich liebe den Job. Ich lebe ihn“, sagt er. Bereits drei Menschen rettete er in den vergangenen 20 Jahren das Leben. Ursprünglich war es sein Plan, Kfz-Mechaniker zu werden; er machte ein Praktikum bei Mercedes. Doch dann entschied er sich anders. Seine Mutter arbeitete als Putzkraft in einem Schwimmbad; sie brachte ihn auf die Idee, dort eine Ausbildung zu machen. Dreieinhalb Jahre später — 1998 — machte er die Abschlussprüfung zum staatlich geprüften Schwimmmeistergehilfen.

Während der Ausbildung lernt man auch, ein Leben zu retten. Eine Reanimationspuppe zeigt bei Prüfungen an, ob man zu viel Kraft bei der Herzdruckmassage ausübt und ob das Lungenvolumen bei der Beatmung ausreichend ist. Auch der Umgang mit Chemikalien und Verwaltungsangelegenheiten stehen auf dem Stundenplan.

Im Aquana gibt es jährlich Auffrischungskurse in Erster Hilfe, durchgeführt vom Roten Kreuz. „Das Personal hier ist super geschult“, ist Funke sicher. Wenn am Wochenende mehr als 1000 Gäste das Spaßbad besuchen, sei es gar nicht möglich, immer jeden einzelnen im Blick zu haben. Da seien auch die Erziehungsberechtigten gefragt.

Doch nicht nur während die Gäste im Bad sind, arbeitet das Personal. Der Arbeitstag beginnt schon, bevor die Anlage öffnet. Dann machen die Mitarbeiter einen Kontrollgang. Eineinhalb Stunden dauert der ungefähr, erklärt Funke. „Man muss die Rutschen ablaufen, um zu kontrollieren, ob es scharfe Kanten gibt, an denen sich Gäste verletzen könnten.“ Auch das Wasser muss täglich getestet werden.

Doch es gibt auch andere Herausforderungen, vor denen ein Schwimmmeister steht: „Die Jugendlichen heute wissen, dass sie mehr dürfen, als noch vor vielen Jahren“, sagt er. Häufig fehle der Respekt. Trotzdem versuche er immer diplomatisch mit ihnen umzugehen. Das funktioniere in der Regel auch. Einen Mangel an Respekt musste Funke auch nach seiner Rettungsaktion im Aquana erfahren.

Badegäste eilten heran, um sich das Geschehen anzusehen; einige wollten sogar Fotos und Videos machen. Servicekräfte unterstützten die Rettungsschwimmer, hielten den Weg frei für die Sanitäter und redeten auf die Gäste ein, bis der Junge schließlich in den Krankenwagen gebracht wurde.

Zeit zum Nachdenken

Kontakt zu der Familie hatte Funke seit dem Ereignis nicht mehr. Von Kollegen erfuhr er, dass der Junge mittlerweile wohlbehalten zu Hause ist. „Man freut sich zwar, wenn man ein Dankeschön erhält, aber ich erwarte das nicht.“

Er sei einfach glücklich, ein Leben gerettet zu haben. Verkraftet habe er das Ereignis gut, sagt er. Er brauche nach so einem Vorfall nur etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Ob das auch so wäre, wenn er jemanden mal nicht retten kann? „Das weiß ich nicht“, sagt Funke. „Ich hoffe natürlich, dass das nie passiert.“