Schuldneratlas zeigt aktuelle Zahlen zur Überschuldung im Nordkreis

Finanzen : Mehr als jeder Zehnte im Nordkreis ist überschuldet

Mehr als jeder Zehnte im Nordkreis ist überschuldet, in Alsdorf sogar mehr als jeder Siebte. Das geht aus einer Studie von Dr. Rainer Bovelet hervor. Der Sozialwissenschaftler aus Aachen hat im Auftrag von Creditreform den Schuldneratlas Deutschland für 2018 ermittelt.

Im Vergleich zu 2017 ist die Überschuldung der Menschen im Nordkreis minimal angestiegen.

Sie liegt dennoch über dem deutschen Durchschnitt (10,04 Prozent). In Würselen sind 10,94 Prozent der Bürger überschuldet, gefolgt von Baesweiler mit 11,25 Prozent, Herzogenrath mit 11,7 und Alsdorf mit 14,85 Prozent. Das spiegelt auch der Bericht Sozialraumprofile der Städteregion Aachen wider, wonach Alsdorf die meisten Arbeitslosen der vier Nordkreiskommunen zählt. „Menschen aus einkommensschwachen Familien haben grundsätzlich ein höheres Risiko, sich zu überschulden“, erklärt Ulrike Ermert, Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberaterin bei der Verbraucherzentrale in Alsdorf. Sie hätten weniger Geld zur Verfügung, um Raten zu zahlen, rutschten schneller in eine Abwärtsspirale.

Doch Überschuldung trifft nicht nur sie, denn sie ist nicht auf soziale Schichten begrenzt. „Rund 64 Prozent der Betroffenen stammen aus der Mittelschicht“, hält Bovelet im Gespräch mit unserer Zeitung fest. „Auch wenn die Gefährdung mit der Höhe des Bildungsgrades abnimmt, sind bundesweit 8,5 Prozent der Menschen mit Hochschulreife überschuldet“, so sagt er weiter. Plötzliche Erkrankungen sieht er als einen Grund.

Dem stimmen auch die Experten von der Verbraucherzentrale zu. Psychische Probleme, Unbedacht- und Unwissenheit seien unter anderem weitere Gründe, aus denen die Beratungssuchenden Schulden gemacht hätten.

Abrutschen können Menschen jeden Alters. „Wenn man in Rente geht, wird das Einkommen in der Regel kleiner. Manche stellen sich darauf aber nicht ein und fahren ihre Ausgaben nicht gleichzeitig zurück“, sagt Schuldnerberater Torsten Wendt. Bei jungen Menschen sind meist Konsumschulden die Ursache für Überschuldung: Handyrechnungen, unbezahlte Rechnungen vom Onlineshopping oder Möbel für die erste Wohnung. „Viele lassen sich erst helfen, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Sie ignorieren Mahnungen und Schreiben von Inkassofirmen einfach, werfen die Briefe ungeöffnet weg“, sagt Ermert. Überforderung aus den unterschiedlichsten Gründen sei meist der Auslöser für eine Überschuldung. Erst wenn Strom oder Miete nicht mehr bezahlt werden können und ernste Konsequenzen drohen, kämen die meisten in die Beratung.

Doch was rät die Verbraucherzentrale, damit man gar nicht erst in die Schuldenfalle tappt? Erstens: keine sogenannten Null-Prozent-Finanzierungen abschließen. „Dahinter stecken oft versteckte Kosten, monatelang zahlt man keine Zinsen, und nach einer gewissen Zeit wird aufgeschlagen, und es kommt zu horrenden Zinssätzen“, sagt Claudia Schmitz, Leiterin der Beratungsstelle. Lieber im Vorfeld für etwas sparen, als es auf Kredit zu kaufen. „Gerade zur Weihnachtszeit werden Geschenke gerne auf Pump gekauft - und sind dann häufig im nächsten Jahr noch nicht bezahlt“, weiß Schmitz. Darüber hinaus sollte man den Überblick über seine Finanzen behalten, eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung kann dabei helfen. Und man sollte realistische Strom- und Heizungskostenberechnungen anlegen, damit man nicht plötzlich von einer Nachzahlungsforderung überrascht wird.

Ist es jedoch schon zur Überschuldung gekommen, rät Schmitz dazu, sich schnellstmöglich beraten zu lassen. Das Gespräch mit Kreditgebern und Gläubigern zu suchen und nicht auf die Masche der Inkassobüros hineinzufallen. Gerade vor Weihnachten böten viele Inkassobüros vermeintliche Geschenke an, zum Beispiel kleinere Raten. Doch da sollte man ganz genau hinsehen. Denn oft gebe es Kleingedrucktes, das einen weiter in die Schulden treibe. Auch hier gilt: sich im Zweifelsfall von Experten beraten lassen.

Bovelet sieht indes auch die Politik in der Verantwortung: Er fordert mehr bezahlbaren Wohnraum und stabile Arbeitsplätze mit guten Löhnen. Sollte es in diesem Bereich keine Fortschritte geben, habe dies auch politische Konsequenzen, ist er sich sicher. „Untersuchungen zeigen, dass überschuldete Menschen nicht nur die SPD und die Linken als ihre Interessenvertreter verstehen. Sie wählen zunehmend auch die AfD“, sagt er.

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