Alsdorf/Herzogenrath: Schüsse und driftende Autos: Hochzeitsfeier verschreckt Spaziergänger

Alsdorf/Herzogenrath : Schüsse und driftende Autos: Hochzeitsfeier verschreckt Spaziergänger

Es sollte ein gemütlicher Spaziergang mit der Enkelin rund um den Weiher im sonnigen Broichbachtal werden — und endete mit einem panisch weinenden Kind und Großeltern, deren Emotionen von ängstlicher Verunsicherung bis zu völliger Verärgerung reichten. „Wir konnten gar nicht einschätzen, was da los war“, berichtet Rolf W. unserer Zeitung von dem Vorfall, der am Samstag nicht nur ihn, sondern auch viele andere Bürger in Angst und Schrecken versetzt hat.

„Urplötzlich war vom Parkplatz vor der Schwimmhalle aus lautes Reifenquietschen zu hören. Wir dachten zuerst, dass es sich um junge Leute handelt, die wild mit dem Auto umherfahren.“ Doch dann ertönten Schüsse. „Ganze Salven waren das“, verdeutlicht W. „Das hat natürlich auch die anderen Spaziergänger alarmiert.“ Viele Familien waren im Naherholungsgebiet unterwegs, und auch die Terrasse des angrenzenden Restaurants „Seehof“ sei voll besetzt gewesen.

Der Parkplatz ist von Buschwerk abgeschottet und von der Seeseite aus nicht einsehbar. „Da fängt man an nachzudenken, vor allem, weil nahe der Schwimmhalle ja vor nicht allzu langer Zeit eine Frau ermordet worden ist“, sagt W. Schlimme Befürchtungen machten die Runde. Handelte es sich etwa um rivalisierende Gangs, die aufeinandergestoßen waren?

Unzählige Passanten griffen zum Handy, um über die 110 die Polizei zu rufen. „Doch wir kamen nicht durch, vorübergehend nicht erreichbar, hieß es“, zeigt sich W. immer noch fassungslos. „Daraufhin haben wir uns an die Feuerwehr gewandt“, berichtet er weiter. Die aber kann ohne Polizei nicht eingreifen. Schließlich sei doch ein Feuerwehrwagen von der naheliegenden Wache aus zu besagtem Parkplatz hinübergefahren. Im Schatten des Einsatzfahrzeugs habe er sich auch an Ort und Stelle getraut, erzählt W. „Und dann konnte ich sehen, dass es sich um eine türkische Hochzeit handelte.“

Das Brautpaar habe in vollem Staat an exponierter Stelle gestanden, um einer Art Aufführung umherdriftender Wagen zuzuschauen, die von Schüssen in die Luft begleitet wurde. Der komplette Parkplatz sei von Autos blockiert gewesen, aus einem Wagen wehte die türkische Flagge. Über 50 Leute zählten zu der ausgelassen feiernden Gesellschaft.

„Ich habe dann einige von den Gästen angesprochen, bin aber auf taube Ohren gestoßen“, erinnert sich Rolf W. Das gehöre zu ihrer Kultur eben dazu, habe man ihm geantwortet. „Um Autokorsos und den Lärm geht es ja gar nicht so sehr“, stellt der Herzogenrather klar. „Aber Schüsse in die Luft? Nicht nur unsere Enkelin, alle Kinder ringsum haben schließlich geweint. Toleranz anderen Kulturen gegenüber muss sein, sie darf aber nicht derart ausgenutzt werden“, sagt W. „Ich würde mich in einem anderen Land doch auch nicht so aufführen.“

Die Hochzeitsfeier in Herzogenrath war nicht die Einzige dieser Art am Samstag im Nordkreis. Wie die Polizei berichtet, hatte es bereits zweieinhalb Stunden vorher, gegen 14 Uhr, an der Einmündung Luisen-/Eschweilerstraße ein ähnliches Fahrzeugaufkommen mit Schüssen in die Luft gegeben. Und gegen 17 Uhr wurde ein Vorfall von der Husemannstraße gemeldet, wie Polizeisprecher Paul Kemen auf Nachfrage darlegt. „Solche Einsätze hatten wir zum wiederholten Male“, sagt er.

Was den Schluss zulasse, dass Schüsse bei Feiern in diesem Kulturkreis eine Art Mode geworden seien. „Wir treffen dann immer auf mangelnde Einsicht“, sagt auch er. Und richtet einen dringenden Appell an feierwütige Hochzeitsgäste, von Schüssen und umherdriftenden Autos doch tunlichst abzusehen: „Das stößt auf Unverständnis in der Bevölkerung und trägt dazu bei, dass Umstehende in Angst und Schrecken versetzt werden. Das kann nicht der Sinn einer Hochzeit sein. Denn hier soll sich jeder mitfreuen können.“

Im Alsdorfer Fall habe die Polizei schließlich eine Gefährderansprache mit Brauteltern und Hochzeitsgesellschaft vorgenommen — inklusive Ermahnung, sich von dem Treiben zu distanzieren, sonst stehe die frisch geschlossene Ehe unter keinem guten Stern ...

Auch in Herzogenrath war die Polizei mit mehreren Streifenwagen im Einsatz. Insgesamt wurden bei den beiden Hochzeitsgesellschaften zwei Schreckschusspistolen, Munition und Patronenhülsen sichergestellt. Die Schützen waren nicht im Besitz einer Waffenbesitzkarte. Die Waffen, so berichtet die Polizei, hätten sie eigenen Angaben nach eigens für diesen Zweck im Internet gekauft. Gegen die Männer wurden entsprechende Verfahren eingeleitet, sie müssen mit Geldstrafen rechnen. Zudem prüft die Polizei, ob die beiden Männer für die Kosten der Polizeieinsätze aufkommen müssen.

Sind Schüsse in die Luft bei Feierlichkeiten in der Türkei wirklich Tradition? Selbst ausgiebige Türkeiurlauber können sich nicht an Derartiges erinnern. „Höchstens in der Osttürkei machen das manche“, sagt Fehmi Tarasi, Vorsitzender des Integrationsrats in Herzogenrath, auf Nachfrage unserer Zeitung. „Im Westen und am Schwarzen Meer hingegen ist das nicht üblich.“ Tarasi stellt klar, dass Freudenschüsse auch in der Türkei verboten seien.

„Ich finde so etwas generell nicht in Ordnung“, sagt er klar. „Das sollte man nicht dulden und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.“ Unschuldige könnten zu Schaden kommen, und auf keinen Fall dürften Leute Angst bekommen, nur weil andere feiern. Sieht er Möglichkeiten der Einflussnahme bei seinen Landsleuten? „Wir werden das im Integrationsrat thematisieren. Und ich werde mit dem Vorbeter in unserer Moschee sprechen, damit er beim Freitagsgebet noch einmal sagt, dass Schüsse — auch aus Schreckschusspistolen — in Deutschland verboten sind. Aber“, so stellt Tarasi auch fest, „die meisten wissen das ja eigentlich.“

Auch Sahin Turgut, seit 2012 Inhaber des Hochzeitssalons „Golden Event“ an der Monnetstraße in Würselen, ist überhaupt nicht einverstanden mit dem Verhalten einiger seiner Landsleute: „Man muss die Menschen und die Gesetze in dem Land respektieren, in dem man lebt.“ Das sage er auch immer allen Brautleuten, die bei ihm feiern wollen.

In seiner Hochzeitslocation, so stellt er klar, werden Waffen, auch Gaspistolen, keinesfalls geduldet. Freudenschüsse seien in der Türkei vor 100 Jahren einmal Brauch gewesen. Am liebsten würde er auch die Huperei der Autokorsos unterbinden. Aus Respekt. Zuletzt am Karfreitag habe er das einer Gastgesellschaft klargemacht und auch durchgesetzt.

(red/pol)
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