Alsdorf: Schüler testen Barrierefreiheit

Alsdorf : Schüler testen Barrierefreiheit

Zum Schluss der Veranstaltung hatte Horst Boltersdorf, Vize-Vorsitzender des „GIPS Spielen und Lernen e.V.“, noch ein ganz besonderes Geschenk für den Ersten Beigeordneten Ralf Kahlen mitgebracht: Ein postkartengroßes 3D-Modell der Alsdorfer Innenstadt mit dem Rathaus und dem Wasserturm im Zentrum wird künftig das Büro Kahlens zieren.

Mit geschlossenen Augen verwandelt sich das kleine Rechteck in einen Stadtplan, den es mit den Fingern zu ertasten gilt.

Begleitet wurde Boltersdorf an diesem Vormittag von Sechstklässlern der Realschule Alsdorf (KuBiZ), die dem städtischen Beigeordneten die Ergebnisse ihrer zurückliegenden Projektwoche vorstellen wollten. Zusammen mit Boltersdorf, der unter einer gänzlichen Erblindung leidet, erforschten die jungen Realschüler die Herausforderungen, denen man sich bei einer körperlichen Behinderung stellen muss. Mithilfe von getönten Skibrillen wurde Blindsein simuliert, mit speziellen Handschuhen merkten sie, was eine Parkinson-Erkrankung für den Alltag bedeutet. Auch der Umgang mit dem Rollstuhl wurde geübt.

Spannende Projektwoche

Die Idee zu dieser spannenden wie ungewöhnlichen Projektwoche hatte Lehrerin Claudia Lienisch zusammen mit ihrer Kollegin Sandra Salomon. Schnell konnte auch Boltersdorf für das Vorhaben begeistert werden. Er stiftete die „Trainingsutensilien“, mit denen die Kinder sich auch einen Begriff vom sonst so theoretischen Wort „Barrierefreiheit“ machen konnten. Blindenmarkierungen wurden ertastet und Rampen für ein schnelles Fortbewegen mit dem Rolli benutzt.

Wenige Tage vor dem Termin im Rathaus stand der große „Feldversuch“ auf dem Programm. Einige Schüler legten ihre künstlichen Handicaps an, ihre Kameraden standen als Betreuer zur Stelle. Mit guter Laune und sprichwörtlich viel Fingerspitzengefühl wurden Schulweg, Verkehrsübergänge und die Innenstadt ganz genau auf Barrierefreiheit untersucht. Die allgemein positiven Ergebnisse wurden Ralf Kahlen dann detailliert vorgestellt.

Schulweg neu erleben

Den Kindern, die ihren Schulweg das erste Mal blind begingen, war aufgefallen, dass die zu ertastenden Leitlinien lückenhaft sind. Während das KuBiZ sich in allen Belangen als absolut barrierefrei herausstellte, zeigen die Verkehrswege von der Bushaltestelle Annapark noch einige Schwächen auf. „Ein Schulgebäude wie das KuBiZ habe ich noch nicht erlebt, das ist absolut vorbildlich. Die Stadt Alsdorf gibt sich in allen Belangen ungemein Mühe, dass ist viel Wert“, freute sich auch Boltersdorf.

Erstes großes Ziel der ungewöhnlichen Exkursionsgruppe war das Einkaufszentrum am Annapark. Abgesengte Bordsteine und Rampen erleichterten den Rollstuhlfahrern an allen Stellen ihre Fahrt. Außerdem zeigten sich die Mitarbeiter der lokalen Einzelhändler sehr kooperativ und informiert. Alle wussten, wo die Behindertentoilette des Shoppingcenters zu finden ist. Lieferungen nach Hause werden allerdings noch kaum angeboten. Außerdem fehlen auch im Center die Blindenleitlinien.

Auch die Einzelhändler auf der Bahnhofstraße zeigten viel Engagement um Menschen mit Handicap das Einkaufserlebnis so einfach wie möglich zu gestalten. Leider wussten einige nicht, wo die nächste Behindertentoilette zu finden ist. Dafür bietet ein Optiker Hausbesuche an, die Umkleiden der Modegeschäfte sind groß genug auch für Rollstuhlfahrer und die Treppe im ansässigen Sportbekleidungsgeschäft soll mit einer Rampe erweitert werden. Die Verhandlungen mit dem Ordnungsamt laufen.

Die Stadt wird handeln

Die detaillierten Ergebnisse erstaunten nicht nur den Ersten Beigeordneten. Das Fazit der Schüler lautete: „Es gibt viele Kleinigkeiten, die unbedingt verbessert werden müssten. Alles in allem kann Alsdorf dennoch stolz sein auf das, was es schon erreicht hat.“ Boltersdorf fügte hinzu, dass „große Einzelhandelsketten sich weniger um die lokale Barrierefreiheit kümmern würden. Dies sei in den Alsdorfer Filialen anders. Die kleinen Privatgeschäfte auf der Bahnhofstraße seien vorbildlich für ihren Umgang mit der Barrierefreiheit.“

Laut Kahlen sei die Stadt auf solche Hinweise angewiesen. Die Ergebnisse werden dem Stadtrat zeitnah vorgelegt. In Bezug auf fehlende Blindenleitlinien auf Bürgersteigen lehnte er eine kurzfristige Lösung durch „Klebestreifen“ ab. Diese würden nach kurzer Zeit aufgrund der Witterung unbrauchbar. Im Gegenzug werde sich die Stadt die Ampelanlagen am Denkmalplatz nochmals vornehmen. Laut der Schüler seien hier die Pilotsignale für Sehbehinderte viel zu leise. Diesem Problem könne man mit einer simplen Umprogrammierung beikommen.