Herzogenrath: Raus aus der Opferrolle: Hin zu Begegnungen mit Neonazis

Herzogenrath : Raus aus der Opferrolle: Hin zu Begegnungen mit Neonazis

Die Frau ist einfach eine Wucht. Taucht salopp in Fitnessklamotten auf und liest aus ihrem Buch, liest von ihren bewusst gesuchten hautnahen Begegnungen mit Neonazis und Ku-Klux-Klan-Mitgliedern.

Schildert ihre Herangehensweise an dieses schwierige Thema, ihre persönliche Triebfeder. Mo Asumang wurde 1996 Deutschlands erste afrodeutsche TV-Moderatorin. Als Kind eines Ghanaers und einer Deutschen hat sie ein markantes, attraktives Äußeres, an dem Anstoß genommen wird. Eine Neonazi-Band textet ein Lied, in dem es heißt: „Die Kugel ist für dich, Mo Asumang.“

Die Moderatorin reagiert, wie man sich vorstellen kann. Sie schaut unters Bett, wenn sie nach Hause kommt, scheut das offene Fenster, fühlt sich im Auto unwohl. Dann entschließt sie sich, aus der Opferrolle auszubrechen, Neonazis aktiv zu begegnen. Im Rahmen der Reihe „Geschichte verstehen — Zukunft gestalten“ luden die VHS Nordkreis, der Baesweiler Geschichtsverein und Historiker der Uni Köln Mo Asumang zu einer Lesung in die Regenbogengrundschule.

Es blieb nicht bei der Lesung, sondern Geschichts- und Philosophieschüler des Alsdorfer Dalton-Gymnasiums gestalteten den Abend aktiv mit, gleich zu Beginn mit einer Performance, die zunächst unheimlich wirkte, um schließlich die Botschaft zu übermitteln, dass letztlich alle gleich sind.

„Mo und die Arier“

Günter Pesler vom Geschichtsverein und Jana Blaney von der VHS führten mit einem launigen Dialog in das Thema ein, bevor die Autorin aus ihrem Buch „Mo und die Arier“ las. Nicht ohne sich zuvor noch den Steckbrieffragen der Schüler zu stellen. So erfuhren die Zehntklässler und das Publikum, dass Mo Asumang, wäre sie einen Tag Bundeskanzlerin, die Quote einführen und die Gleichberechtigung weiter nach vorne bringen würde, dass sie, könnte sie die Zeit zurückdrehen, alles wieder genauso machen würde.

Aus ihren Naherfahrungen mit den Rechten zieht die Powerfrau den Schluss: „Zurückstubsen verändert nichts.“ Sie lernt, sich nicht provozieren zu lassen, nicht auf die Spiele oder Schemata ihrer Gegenüber einzugehen. Stattdessen stellt sie Fragen. Und hat den Eindruck, dass sie manchmal die erste ist, die das tut. So verunsichert sie den Ku-Klux-Klan-Mann, als sie fragt: „Warum zünden Sie ein Kreuz an?“ — „Für Jesus Christus, der aus der Dunkelheit ins Licht ging.“ — „Jesus liebt auch die Schwarzen. Glauben Sie nicht?“

Der KKK-Mann antwortet ihr nicht. Sie kann zwar sein Gesicht nicht sehen, aber an der hin und her wackelnden Mütze erkennt sie seine Verunsicherung. Mo Asumang erlebt, wie bei einer rechtsextremen Demo in Thüringen jemand ein Selfie mit ihr machen will, irgendwo anders unter Rechten versucht sie selbst aktiv, mit einem Neonazi zu „flirten“.

Das Publikum aus Jung und Alt hängt fast gebannt an ihren Lippen. Manches vermag man sich kaum vorzustellen. Warum dreht man nicht einfach um, wenn man auf einer verlassenen Landstraße irgendwo in den USA von der Tankstellenwärterin hört, dass die ansässigen Klananhänger sich schon den ganzen Tag mehr als genug Alkolhol gegönnt haben?

Nach vielen Erlebnissen verschiedenster Art begreift Mo Asumang, dass sie die Anführer lieber Polizei und Justiz überlässt. Sie dagegen geht auf junge Menschen ein, die dort reingezogen werden. Menschen wie Chris. Der den Absprung versucht. Mo Asumang schließt ihr Buch mit den Worten: „Chris nennt sich mittlerweile ‚Demokrat in Ausbildung‘.“

(ust)
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