Alsdorf/Baesweiler: Pflegedienst: Eine Arbeit im Minutentakt

Alsdorf/Baesweiler: Pflegedienst: Eine Arbeit im Minutentakt

8.47 Uhr. Claudia Lenartz kniet vor einem Mann, der ihr vom Krieg erzählt. 19 Jahre war er alt, als die Kugel sein Bein durchschlug. Seitdem schmerzt es ihn an jedem einzelnen Tag. Bald wird er 90, und heute morgen ist das Bein wieder ordentlich angeschwollen. Claudia Lenartz rollt ihm einen Kompressionsstrumpf hoch bis übers Knie und sagt: „Das wird wieder.“ Dann klingelt ihr Handy.

Wo sie bloß bleibe, will eine andere Patientin von ihr wissen. „Bin gleich bei Ihnen“, sagt die 47-Jährige, füllt noch kurz die Dokumentationsmappe des Mannes aus und ist schon wieder raus zur Tür, durch die sie vor nicht mal fünf Minuten reingekommen ist.

Viel zu tun — und immer unter Druck: Bei ihren Hausbesuchen muss Claudia Lenartz bei Patienten Blutzucker bestimmen (oberes Bild), ihnen Kompressionsstrümpfe anziehen und alles dokumentieren. Bezahlt wird längst nicht jeder Arbeitsschritt. Foto: Stefan Schaum

Sicher hätte sie noch ein wenig bleiben sollen und zuhören, aufmuntern, trösten. „Das hätte dem Herrn bestimmt gutgetan“, sagt Claudia Lenartz auf der Fahrt. Schließlich macht sie die Arbeit in der Caritas-Pflegestation Alsdorf-Baesweiler bereits seit 1995.

Viel zu tun — und immer unter Druck: Bei ihren Hausbesuchen muss Claudia Lenartz bei Patienten Blutzucker bestimmen (oberes Bild), ihnen Kompressionsstrümpfe anziehen und alles dokumentieren. Bezahlt wird längst nicht jeder Arbeitsschritt. Foto: Stefan Schaum

Da weiß man, dass Patienten eigentlich viel mehr Dinge brauchen als die, die die Pflegekassen vergüten. „Der Kostendruck wächst immens und dadurch auch der Zeitdruck. So geht immer mehr verloren“, sagt die Pflegedienstleiterin und hat schon geparkt. Rein zur nächsten Patientin.

Neues Rezept — neue Anfahrt

9.08 Uhr. Die Pflegerin hat Tabletten dabei, die sie der Dame geben soll. Doch die war gestern beim Arzt. „Der Doktor hat meine Mittagstabletten abgesetzt, weil ich immer so müde geworden bin. Er hat mir aber neue aufgeschrieben.“

Sie zeigt ein Rezept. Diese Medikamente hat Claudia Lenartz nicht dabei, die liegen in einem Schrank in der Pflegestation. Muss sie holen und am Ende ihrer Tour noch einmal wiederkommen. Die Mappe füllt sie schon mal aus und trägt die neue Verordnung ein. Das dauert vier Minuten. „Freut mich, dass sie bald nicht mehr müde sind“, sagt sie. Dann ist sie raus.

„In diesem Fall habe ich eine zweite Anfahrt und muss die richtigen Medikamente noch raussuchen“, sagt sie im Auto. Abgerechnet wird später aber nur einmal: „Medikamentengabe“ heißt das Modul zum Festpreis. Heute wird sich das für den Pflegedienst nicht rechnen. Wie so oft, sagt Lenartz.

9.13 Uhr. Wieder nur eine kurze Fahrt zum nächsten Patienten. „Die Anfahrtspläne stellen wir immer so zusammen, dass möglichst wenig Zeit auf der Straße bleibt.“ Diese Vorbereitung fällt unter Verwaltungsarbeit — und die spielt im Berechnungsschema der Pflegekassen so gut wie keine Rolle. Zwei hochgerollte Kompressionsstrümpfe später lächelt ein 85-Jähriger.

„Ich werd‘ von den Frauen immer behandelt wie ein King“, scherzt er. Claudia Lenartz lächelt. Wieder draußen sagt sie: „Es ist immer schön, wenn Patienten sich wohlfühlen und nichts von dem Zeitstress mitbekommen, den wir im Nacken haben.“

9.30 Uhr. Wieder eine Medikamentengabe, wieder ein Problem. Diesmal hat eine Patientin die Ärztin gewechselt und kein neues Rezept. „Ich werde die Ärztin vom Büro aus anrufen und über ihren Medikamentenplan sprechen“, sagt sie der Frau, die sie vertrösten muss. Der Anruf muss warten.

Der Zeitplan hängt

9.34 Uhr, zwei Straßen weiter. Es geht um Insulin. Claudia Lenartz misst den Blutzuckerwert, die Patientin rollt den Pullover hoch, die Pflegerin spritzt in den Bauch. Hier ist nicht mehr zu tun. Der Zeitplan hängt eh schon.

9.47 Uhr, eine weitere Medikamentengabe. Diesmal schluckt die Patientin die Tabletten, der Idealfall. „Geht es Ihnen gut?“ „Ja.“ „Dann bis zum nächsten Mal.“

Unterwegs erzählt Claudia Lenartz von einem Patienten, der kürzlich aus dem Bett gefallen ist und hilflos da lag, als sie in die Wohnung kam. „Es war schwierig, ihn wieder ins Bett zu bekommen, hat auch lange gedauert.“ Selbstverständlich hat sie dem Mann geholfen. Selbstverständlich hilft sie immer, wenn Patienten Dinge benötigen, die nicht ins Abrechnungsschema hineinpassen.

Und selbstverständlich ärgert es sie, dass diese Dinge nicht viel flexibler gehandhabt werden können. Nämlich gemessen am tatsächlichen Bedarf und Aufwand und gemessen an einer älter werdenden Gesellschaft, die eine ganz andere Art und Dimension der Pflege benötigt. „Wir arbeiten am Limit“, sagt sie mit Blick auf Patienten und Kolleginnen.

Ob sie sich vorstellen kann, neue Patienten abzulehnen, wenn deren Pflege zu wenig in die Kasse bringt, weil sie zu lange dauert? „Das ist genau das, wogegen wir uns wehren. Wir wollen ja jedem helfen.“ Wollen ja. Aber wie lange können? Die Pflegerin drückt auf die nächste Klingel.

9.58 Uhr. Einer Dame passt sie zum letzten Mal einen Kompressionsverband an, das Bein ist abgeheilt. „Trinken Sie eine Tasse Kaffee zum Abschied?“, fragt die Seniorin. Claudia Lenartz blickt zur Uhr. Keine Zeit, wie immer.

Dann schaut sie zur Patientin und sagt: „Gerne.“ Diese Auszeit nimmt sie sich jetzt einfach. Im Grunde purer Luxus — aber auch dafür muss in der Pflege Platz bleiben.