Herzogenrath: Pfarre stellt sich nach Teilhabe-Studie auf, um Menschen zu erreichen

Herzogenrath : Pfarre stellt sich nach Teilhabe-Studie auf, um Menschen zu erreichen

„Wir stehen kurz davor, das ,EssCufé‘ zu eröffnen“, sagt Dr. Bruno Ortmanns, ständiger Diakon in Kohlscheid, spontan. Das was wird da eröffnet? Das EssCufé? Das Kunstwort, das im Stadtteil bald zum festen Begriff werden soll, steht für das leibliche Wohl in Form von Essen in einem Café in Kombination mit der Pfarre „Christus unser Friede“, zusammengefasst als Akronym.

Durchaus an der Straßer Mittaginitiative „Tellerrand“ gemustert, möchte auch die Kohlscheider Pfarre Menschen demnächst zu Tisch bitten. Selbstverständlich „Arme und Randständige“ genauso wie Senioren und eben alle, die mittags nicht alleine essen wollen.

Setzt auf uneigennützige Hilfe: Dr. Bruno Ortmanns, ständiger Diakon in Christus unser Friede. Foto: Beatrix Oprée

Zunächst einmal in der Woche soll das „EssCufé“ im Untergeschoss der im Zuge des Kirchlichen Immobilienmanagements (KIM) schon vor Jahren von der Zuschussliste des Bistums gestrichenen Kämpchener Kirche St. Maria Heimsuchung öffnen. Zurzeit laufen hier nach einem Wasserschaden noch Sanierungsarbeiten. „Kämpchen erschien uns ein günstiger Standort“, erklärt Ortmanns. „Es liegt verkehrsgünstig. Und hier leben viele Menschen, die das Angebot nutzen können.“

„EssCufé“ als Impuls

Das „EssCufé“ wird mit seiner Eröffnung, die für Ende September geplant ist, die bislang markanteste Konsequenz aus den Ergebnissen der großen Studie „Lebenslagen und Teilhabe in Kohlscheid“ sein, mit der die Pfarre Christus unser Friede in Zusammenarbeit mit der Katholischen Hochschule NRW (Katho) in Aachen im Jahr 2016 unter anderem ergründen wollte, wie Kirche die Menschen wieder besser erreichen kann. Bistumsweit einzigartig waren 2000 Haushalte, in Kooperation mit der Stadt Herzogenrath repräsentativ ausgewählt, angeschrieben und mit einem 16-seitigen Fragebogen versorgt worden. Genau 301 von ihnen kamen ausgefüllt zurück, eine Quote, die den studierten Sozialwissenschaftler und Politologen Ortmanns mit Zufriedenheit erfüllte. Die Kohlscheider seien „kampagnenfähig“ und „sehr sensibel“ für karitative Arbeit und den politischen Einsatz, war ein erstes Resümee, das Ortmanns und Pastor Rainer Thoma aus den Antworten zogen.

Nach Auswertung aller Punkte ist die Pfarre in einen intensiven Diskussionsprozess eingestiegen — der durchaus noch im Gange ist. „Das hätte ich mir schneller vorgestellt“, bekennt Ortmanns, einst Initiator der Teilhabe-Studie. Doch gut Ding will offenbar Weile haben. Der Runde Tisch „Soziale Dienste“ ist ein weiteres Projekt, das an den Start gegangen ist, um Menschen gezielter zu erreichen. In diesem Fall durch Information über die möglichen Formen der Hilfe — von den Pflegediensten über die Wohlfahrtsverbände bis hin zum Behindertenwohnheim. Äußeres Zeichen: ein Marktstand, den die Pfarre hat anfertigen lassen, um einmal monatlich mit eigenen Infos aus dem Pfarrleben auf dem Wochenmarkt präsent sein zu können. Und der eben auch an die Mitglieder des Runden Tisches ausgeliehen werden kann, um sich ebenfalls außenwirksam zu präsentieren.

Viele Jahre hat die Pfarre ohnehin schon ein besonderes niedrigschwelliges Angebot vorgehalten: soziale Beratung und Soforthilfe in Notfällen. Ortmanns: „Eines ist in jüngster Zeit deutlich spürbar: Die Zahl der Menschen, die bei uns vorstellig werden, hat sich enorm gesteigert.“ Die Bandbreite ist groß, reicht von der Rentnerin, die die Beerdigung des Ehemanns nicht bezahlen kann und einen zinslosen Kredit dafür bekommt, bis zum Flüchtling, dem das Geld für eine Fahrkarte nach Berlin fehlt, wo er Botschaftsangelegenheiten zu regeln hat. „Unsere Hilfe ist immer ein Notstopfen“, sagt Ortmanns. Unbürokratisch, voller Empathie. Und finanziert von der Pfarrcaritas. „Dazu muss natürlich Geld reinkommen“, sagt Ortmanns und ist froh über regelmäßige und zahlreiche sporadische Spenden: „Doch im Moment könnte es mehr sein.“

Lässt dieser hohe karitative Einsatz die Hilfeempfänger denn auch ansonsten näher an die Pfarre heranrücken? „Das ist recht unterschiedlich“, sagt Diakon Ortmanns illusionsfrei: Manchmal werde die Nähe zur Pfarre gefördert, „oft aber auch nicht. Wir lassen uns ja keinen Mitgliedsausweis der katholischen Kirche vorzeigen — den es ja auch nicht gibt — und die Leute müssen auch nicht das Glaubensbekenntnis aufsagen.“ Nicht selten tauchten diese Menschen eben nur ein- oder zweimal auf und verschwänden dann wieder. „Zu einigen haben wir aber mehr oder weniger regelmäßigen Kontakt“, sagt Ortmanns. Und manchmal entstehe tatsächlich eine Nähe zur Pfarre, „falls die Menschen ein wenig ,religionsmusikalisch‘ sind“.

Unter anderem am mangelnden Geld liege es auch, dass die Kämpchener Kirche bislang noch nicht wie gewünscht umgebaut ist. „Aber wir hatten da trotzdem schon gute Veranstaltungen.“ Die ebenfalls von besagter Bistumsliste gestrichene Banker Kirche indes ist schon umgestaltet, zur „wunderbaren Veranstaltungsstätte“. In der auch rund 15 Männer zum Kochlöffel greifen: Unter dem Motto „Mann kocht für Sie“ waren im Mai 70 Menschen zu Gast. „Das war schon grandios, was uns da zum Thema Spargel gelungen ist“, wirbt „Kochmann“ Ortmanns für dieses ebenfalls niedrigschwellige Angebot, mit Kirche in Kontakt zu treten, „ohne mit hochtheologischen Dingen zu kommen. Essen ist da eine gute Möglichkeit.“ Noch vieles mehr sei angedacht, sagt der Diakon, hoffnungsfroh, dass der Diskussionsprozess die passende Richtung nimmt.

„Bin gespannt, was herauskommt“

Apropos Essen: Zum „Meet&Eat“ hatte bekanntlich auch Bischof Helmut Dieser eingeladen, um ins Gespräch zu kommen und unter anderem zu ergründen, was Menschen von Kirche erwarten. Jetzt sei der Diskussionsprozess eingeleitet, berichtet Ortmanns, sich dazu auch angemeldet zu haben. Und hält sich darüber hinaus „bewusst sehr neutral“: „Ich bin gespannt, was dabei herauskommt. Und hoffe nur, dass als Ergebnis nicht Strukturen zerschlagen werden, die bisher sehr erfolgreich waren ...“

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