Per Tram von Baesweiler nach Aachen

Vision wird konkreter : Per Tram von Baesweiler nach Aachen

Die Realisierung des Projekts Regio-Tram scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein. Jedenfalls verbreitet der ehemalige Geschäftsführer des Aachener Verkehrs-Verbundes (AVV) und jetziges Vorstandsmitglieder der Initiative Aachen, Hans-Joachim Sistenich, auf seiner Vortragstour durch die Kommunen reichlich Zuversicht.

Mit seinem Lied „Vür fahre met de Tramm“ erinnert Dieter Kaspari, gebürtiger Aachener und Wahl-Alsdorfer mit Wohnsitz im Stadtteil Busch, an die alten Zeiten der Straßenbahn. Es sieht ganz danach aus, als ob der Bluesmusiker mit Hang zu Öcher Texten in ein paar Jahren wieder mit der Tram nach Aachen „in die Stadt ‚reinfahren“ kann – und zwar von daheim aus, denn er könnte an der Haltestelle Busch einsteigen, wo bereits jetzt die „große“ Eureregiobahn hält.

Sistenich war auf seiner Vortragstour zuletzt im Verkehrsausschuss der Stadt Baesweiler. Seinen Optimismus untermauert er mit einer Reihe von Argumenten. „Die Regio-Tram ist ein wichtiger Baustein für eine neue Mobilitätsstrategie in der Städteregion Aachen“, sagt Sistenich. Anders ausgedrückt: „Neben der elektrischen Eisenbahn (RE, RB, IC und mehr) und der zukünftigen Elektrifizierung der Euregiobahn würde die Modellregion Elektromobilität durch das elektrische Tram-System um eine zusätzliche Komponente erweitert.“ Mit diesem Angebot vernetzte Elektro-Busse und elektrisch betriebene Sharing-Angebote inklusive Ladestationen entlang den Strecken rundeten das Konzept ab.

Verkehrsachse bedienen

Durch die Straßenbahn sei eine starke Verlagerung vom Individualverkehr auf den Öffentlichen Personennahverkehr möglich. Der Markt dafür sei da. Bezogen auf die Stadt Aachen würden täglich an Ein- und Auspendlern 9889 aus Baesweiler, 21.366 aus Alsdorf und 35.164 aus Würselen gezählt, 66.419 Pendlerbewegungen am Tag (Zahlen aus dem Jahre 2014). Weitere Pendler(-bewegungen) könnten aus Herzogenrath und Eschweiler hinzukommen.

Mithin würde durch die Regio-Tram „eine der stärksten Verkehrsachsen von der Stadt Aachen in den Nordraum mit einem hochmodernen, neuen Verkehrsmittel bedient“. Das Bussystem sei überfordert und stark von der Verkehrsbelastung auf Straßen abhängig. Hinzu kämen hohe Umweltbelastungen. „Dagegen wird die Regio-Tram elektrisch betrieben und ermöglicht mit grüner Energie einen emissionsfreien Betrieb.“

Variable Stromabnahme

Die Nutzung noch vorhandener Gleisinfrastruktur sei auf mehreren Abschnitten möglich. Darüber hinaus seien viele Flächen noch als gewidmete Eisenbahninfrastruktur ausgewiesen (siehe nebenstehende Grafik).

Geplante Haltestellen in Baesweiler sind laut Sistenich derzeit Carl-Alexander-Park und Reyplatz. Als „perspektivische Erweiterungsmöglichkeit“ gelte Max-Planck-Straße/Gewerbegebiet. Vorbild für den Tram-Betrieb in der Region könnte das System im französischen Bordeaux sein, das seit 2003 schrittweise „viele hochsensible Innenstadtbereiche erschließt“. Dort kommen laut Sistenich Fahrzeuge vom Typ Alstom Cidadis 302/402 zum Einsatz, die sowohl mit Oberleitung (750 V) als auch mit Stromschiene in der Straße fahren können. Verknüpft sei diese wandelbare „Stromzapftechnik“ mit einem hochmodernen Fahrzeugkonzept. Zudem sei dieses rollende Material im Niederflurbetrieb barriefrei.

Mit der Tram von Baesweiler bis nach Aachen – was noch Vision ist, könnte bald Realtität werden. Foto: grafik

Infrage komme auch die oberleitungsfreie Stadtbahn von Siemens mit dem Namen „Avenio“ mit leistungsfähigem Energiespeicher, der zum Beispiel für Doha, die Hauptstadt von Katar, bestimmt sei. „Ideal wäre es, auf Streckenabschnitten mit Oberleitung während der Fahrt Energie zu laden, um dann oberleitungsfreie Stücke per Akku zu befahren, was auch die Kosten für den Ausbau senken würde“, so der Nahverkehrsfachmann. Weitere Fahrzeughersteller würden bereits entsprechende Trams entwickeln, was zum Beispiel auf der Innotrans Berlin, einer Fachmesse für Verkehrstechnik, im vergangenen Jahr deutlich geworden sei.

Für den Betrieb der Regio-Tram, die sich teilweise mit anderen „Zügen“ die Gleise teilen würde (“Von der Zeittaktung her geht das“), seien noch einige knifflige Fragen zu klären. So gehe es um genehmigungsrechtliche Hürden im Mischbetrieb, die zu nehmen seien, und auch technische Herausforderungen seien zu bewältigen. Die Bahnsteige für die Euregiobahn sind laut Sistenich 76 Zentimeter hoch, was nicht zu der niederflurigen Tram passen würde. Dies sei aber durch den Bau eigener Bahnsteigabschnitte lösbar. Die genaue Streckenführung liege weitgehend auf der Hand, es gebe aber in Teilen abzuwägende Varianten. Sistenich denkt noch ein Stück weiter: „Durch die besonderen Anforderungen an die Tram-Fahrzeuge könnte ein Pilotprojekt für Aachen entstehen.“ Die technische Ausgestaltung könnte durch eine Kooperation zwischen RWTH Aachen, eGo und Talbot-Services entwickelt werden.

Fahrzeugfertigung in Aachen?

„Eine komplette oder partielle Fertigung der Tram-Fahrzeuge in Aachen ist denkbar.“ Das gelte auch für Wartung und Instandhaltung. Dazu würde gegebenenfalls eine Streckenführung der Tram über Talbot-Gelände zur Jülicher Straße in Aachen notwendig.

Sistenich wirbt um einen langen Atem und zielstrebiges Handeln. Eine stufenweise Inbetriebnahme der Regio-Tram sei möglich. In den einzelnen Streckenabschnitten und den davon betroffenen Kommunen müssten nun Detail-Untersuchungen über Trassenführung, Haltepunkte folgen und Varianten bewertet werden. Das alles müsse in eine detaillierte Machbarkeitsstudie einfließen. Und der Straßenbahn-Fan Dieter Kaspari spielt und singt derweil dazu...[Link auf https://youtu.be/km-obEkpA44]

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