Würselen: Opposition übt Kritik am Schulneubau

Würselen: Opposition übt Kritik am Schulneubau

Im Würselener Stadtrat geht es recht bunt zu. 15 rote SPD-Vertreter inklusive Bürgermeister Arno Nelles, zwölf schwarze CDU-Mitglieder, je drei Grüne, Blau-Gelbe (FDP) und Lila-Farbene (UWG) sowie eine tiefrote Vertreterin der Partei „Die Linke“ sind dort aktiv.

Nun ist das Treiben drei Fraktionen jedoch zu bunt geworden, und zwar UWG, FDP und den Grünen. Sie sorgen sich ernsthaft um das Wohl der Stadt Würselen und ihrer Bürger und um die weitere Entwicklung der Kommune, betonen die Akteure. Was in der Verwaltung geschieht und was die große Koalition aus SPD und CDU aus ihrer Sicht veranstaltet, lässt sie jetzt verstärkt in die Öffentlichkeit gehen.

„Wir stellen große Versäumnisse und schwerwiegende Verzögerungen fest“, sagt Theo Scherberich (UWG) im Gespräch mit unserer Zeitung. SPD und CDU hätten dagegen im Koalitionsvertrag den Anspruch formuliert: „Es braucht eine stabile und starke Kraft, um unsere Stadt in eine gute Zukunft zu führen.“ Das wirke wie eine Beruhigungspille für die Bevölkerung. Zudem wolle man über die immer wieder auftretenden Probleme innerhalb der Koalition, aber auch im Zusammenspiel mit der Verwaltung hinwegtäuschen.

Vor allem der beabsichtigte Neubau der Gesamtschule an der Krottstraße macht der Opposition Sorgen. Michael Jochmann (Grüne) hat die vorliegenden Angaben genauer analysiert. Der Stadtrat hatte mehrheitlich im September vergangenen Jahres beschlossen, die Gesamtschule an der Krottstraße neu zu bauen — vorbehaltlich der Einhaltung des Kostenrahmens in Höhe von 28 Millionen Euro inklusive des erschlossenen Grundstücks, der Außenflächen und der Einrichtung, wie Jochmann in Erinnerung ruft.

Ansonsten würde Plan B, die Ertüchtigung der Realschule an der Tittelsstraße doch noch zum Zuge kommen. Und diese Alternative ist aus Sicht Jochmanns von vornherein die „eindeutig bessere“ Variante. „Ein Nachweis der finanziellen Machbarkeit für den Neubau sollte seitens der Verwaltung bis zum 29. Februar erbracht werden, steht bisher aber leider noch aus“, kritisiert er.

Aus Sicht der Oppositionsfraktionen operieren Stadt und große Koalition mit Ausgangswerten, die unrealistisch sind. Das gilt vor allem für das Raumangebot. Um den Kostenrahmen unbedingt einzuhalten oder gar zu unterschreiten, gehen die Planer im Bereich Sekundarstufe I von einer Vierzügigkeit, in Sekundarstufe II von einer Zweizügigkeit aus. „Für die Erweiterung zum Beispiel auf eine 5-/3-Zügigkeit wären damit weitere Baumaßnahmen erforderlich!“

Und das im laufenden Schulbetrieb, was bei der Ertüchtigung der Realschule seitens SPD und CDU als K.O.-Kriterium angesehen worden sei. Der jetzt von der Mehrheit angestrebte Neubau ist also eine Mogelpackung — aus Sicht von UWG, FDP und Grünen. Dagegen fordert die Opposition, von vorneherein einen höheren Raumbedarf anzusetzen. Mit Blick auf die zu erwartende weitere Entwicklung Würselens und wachsender Einwohnerzahlen sei das realistisch.

Überhaupt nicht nachvollziehen kann Jochmann die zuletzt von der politischen Mehrheit in den Raum gestellten 23 Millionen Euro, für die angeblich die „Gesamtschule light“ zu haben sei. Mit Blick auf vergleichbare Schulbauprojekte seien die Baukosten pro Quadratmeter viel zu niedrig angesetzt.

Weiterer Vorwurf: Notwendig folgende Investitionen werden von der Stadt erst gar nicht berücksichtigt. Mit Blick auf die nahe Landstraße 23 (Willy-Brandt-Ring) sei verstärkter Lärmschutz und eine Klimaanlage bei geschlossen zu haltenden Fenstern notwendig. Dr. Renate Knauf (Grüne) zieht zum Vergleich ein Lärmschutzgutachten heran, das für den Bebauungsplan 215 (Gebiet zwischen Nordstraße und L 23) vorliegt — nur 700 Meter vom geplanten Standort der Gesamtschule entfernt.

Durchschnittlich befahren demnach tagsüber 820 Fahrzeuge pro Stunde den Willy-Brandt-Ring, davon sieben Prozent Lkw. Mit Blick auf das im Bereich Nordstraße geplante Wohnheim mit Menschen mit Behinderung sei klar geworden, dass die zu erwartenden Verkehrslärmemissionen die Werte des in Tieflage geplanten Gebäudes in den oberen Geschossen überschreiten. Die logische Schlussfolgerung aus Knaufs Sicht: Die Schüler der praktisch auf einer Ebene mit der Straße geplanten neuen Gesamtschule würden noch stärkeren Belastungen ausgesetzt.

Ralf Niederhäuser (UWG) bemängelt ein fehlendes Verkehrsgutachten. Jetzt schon gebe es im Bereich Krottstraße „ordentlich viel Verkehr“. Bei einer Gesamtschule mit 500 und mehr Nutzern komme einiges hinzu. Es könnten noch zusätzliche Kosten für die Stadt anfallen, um die verkehrliche Situation zu verbessern. Niederhäuser macht ein weiteres Fass auf: die Entwässerung des Geländes. Bislang versickere das Oberflächenwasser von den Fußballascheplätzen im umliegenden Grün. Mit der Bebauung müsse also eine aufwändige Rückhaltung eingerichtet, also der Querschnitt der Kanäle erheblich erweitert werden.

Und noch ein Aspekt aus Sicht der Opposition: Mittelbar würde durch den Neubau der Gesamtschule eine Sporthalle am Gymnasium notwendig. Kostenpunkt drei Millionen Euro. Zudem drohe ein Eigenkapitalverlust von vier Millionen Euro für den (nicht mehr genutzten) Standort Realschule.

Alles spricht aus Sicht der Oppositionsfraktionen für die Ertüchtigung der Realschule für „nur 24,5 Millionen Euro zu einer ruhig und attraktiv gelegenen sowie mit 12.130 Quadratmetern Raumangebot deutlich ausreichend dimensionierten Gesamtschule“.

Positiver Nebenaspekt: Die drei Millionen Euro für die dann nicht mehr benötigte neue Sporthalle am Gymnasium kämen der Kommune sehr gelegen, nachdem klar geworden war, dass aus dem Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Einrichtungen“ keine Zuschüsse für Sanierung und Umbau der Sporthalle Parkstraße in Broichweiden sowie „für den Rasenplatz der Teutonia Weiden“ fließen, betont Jochmann.

Hans Carduck (FDP) zürnt: „Wir kämpfen für eine Gesamtschule mit bestmöglicher Ausstattung. Das Thema ist leider zum politischen Drama geworden. Die Parteien blockieren sich selbst!“ Dagegen machten es Alsdorf und Herzogenrath vor, wie es geht.

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