Montagsgespräch in Herzogenrath mit Giuseppe Garcia

Montagsgespräch : Schriftsteller Giuseppe Gracia spricht über „Das therapeutische Kalifat“

Kontroverser hätten die Herzogenrather Montagsgespräche nicht ins Neue Jahr starten können als mit dem Schweizer Schriftsteller Giuseppe Gracia. Er sprach im Pfarrzentrum St. Gertrud über „Das Therapeutische Kalifat“.

„Giuseppe Gracia hat heute Abend für die Freiheit des Geistes plädiert und beklagt, dass sie gegenwärtig viele in einen freiwilligen Gewahrsam nehmen lassen, weil sie die Mehrheitsstimmung nicht stören wollen. Ich gebe ihm recht“, erklärte Pfarrer Dr. Guido Rodheudt. Jedoch - so tragisch diese Selbstzensur auch sei - habe das angeregte und konfrontative Publikumsgespräch auch gezeigt, dass es diesbezüglich offensichtlich ein Erwachen gibt. „Und es gibt einen steigenden Widerstand gegen den Machtmissbrauch einseitiger Meinungsschmieden“, stellte Rodheudt fest. Selten gab es bei einem Montagsgespräch eine solch angeregte Diskussion mit dem Publikum und so viele Fragen.

Eine Zuhörerin apellierte, sich mit dem Anti-Zensur-Kongress zu befassen, denn die Gesellschaft habe ein Anrecht auf unzensierte Berichterstattung. „Es gibt immer mehr Mainstream und immer weniger Meinungsfreiheit in der Berichterstattung, auch dadurch, dass die Redaktionen immer kleiner werden und der Produktionsdruck durch die Digitalisierung größer“, stellte ein Zuhörer fest.

Es ei wichtig, dass es in einer Stadt nicht nur eine große Tageszeitung gebe, denn ein Monopol sei das Schlechteste, betonte Gracia. „Warum sind Menschen, die das Narrativ verlassen plötzlich dubios, nur weil sie nicht alles wie ein Papagei wiederholen und eine andere Meinung vertreten?“, fragte der Referent in die Runde. Viele Medien, die sich gegenseitig auch mal widersprechen würden und lehren, was Demokratie bewegen kann und einen Gegenpol setzen zu einer kontraproduktiven Mischung aus Naivität und Gewohnheit.

Giuseppe Gracia, geboren 1967 in St. Gallen, ist Schriftsteller, Journalist und Kommunikationsberater. Seit 2011 ist er Beauftragter für Medien und Kommunikation im katholischen Bistum Chur. Dort wurde er Mitglied des Bischofsrates und Sprecher von Bischof Vitus Huonder. 2017 veröffentlichte er den Roman „Der Abschied“. Seit 2018 ist Gracia Kolumnist für die größte Schweizer Tageszeitung „Blick“. In seiner Kolumne sagt er unter anderem: „Wer zu einer liberalen Gesellschaftsordnung steht, der muss sich auch beleidigen lassen. Selbst wenn seine religiösen Gefühle verletzt werden.“ Auch dürften religiöse Gefühle nicht zur Einschränkung der Meinungsfreiheit führen, auch nicht im Fall von besonders fiesen oder geschmacklosen Karikaturen und Satirikern.

„Immer öfter agieren Eliten über die Medien mit dem moralischen Anspruch von Volkstherapeuten, die alle zu bestimmten Zwecken erziehen wollen. Unmerklich hat sich in Westeuropa auf diese Weise ein therapeutisches Kalifat etabliert“, erklärte Gracia eingangs. Wer heute mit seinen Ansichten von der verordneten Therapie abweiche, müsse mit Sanktionen rechnen. „Ich plädiere dafür, dass jeder Bürger liken, retweeten und posten kann, was er denkt!“, betonte der Referent seien Intention. Die Leute würden sich genau das nicht trauen, da sie Konsequenzen befürchten. „Heute kann jeder in den Sozialen Medien seinen eigene Kanal aufmachen, das ist eine einmalige Chance für die Meinungsfreiheit“, animierte Gracia, sich aktiv an der öffentlichen Diskussion zu beteiligen und mehr Demokratie zu schaffen.

Das nächste Herzogenrather Montagsgespräch findet am 18. Februar mit der Referentin Regina Einig aus Würzburg zum Thema „Ganz oder gar nicht - Beobachtungen zur Krise geistlicher Berufungen“ statt. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Pfarrzentrum St. Gertrud, Erkensstraße/Ecke Schütz-von-Rode-Straße. Nach dem Vortrag und der Aussprache sind alle Teilnehmer zu einem Umtrunk mit Imbiss eingeladen. Der Eintritt ist frei. Infos unter www.montagsgespraeche.de

(nina)
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