Michael Klarmann referiert über Rechtsextremismus

Michael Klarmann referiert : Position gegen Rechts beziehen

„Schön ist das Thema zwar nicht, aber der Vortrag wird interessant und informativ!“, sagte Michael Klarmann im Pfarrheim St. Willibrord in Herzogenrath-Merkstein einleitend zu seinem Referat über „Rechtsextremismus in der Region“.

Wenn einer weiß, wovon er da spricht, dann Michael Klarmann. Schließlich recherchiert der freischaffende Journalist seit mehr als 18 Jahren zum Thema Rechtsextremismus im Aachener Raum, beobachtet und analysiert Veränderungen, Strukturen und Vorgehensweisen der rechten Szene.

Zwischen verständnislosem Kopfschütteln und erschrockenem Innehalten lauschten die Zuhörer den Worten von Klarmann. Denn so unglaubwürdig manche Online-Propaganda aus der rechten Ecke auch wirkt, umso erschreckender sind die komplex-strategischen Werbemaßnahmen, neue Anhänger für sich zu gewinnen. Klarmann präsentierte einen groben Umriss seiner jahrelangen Rechercheergebnisse und zeigte anhand von Social-Media-Beiträgen, wie rechtspopulistisches Gedankengut sowohl von vermeinttlichen Vertretern der besorgten „bürgerlichen Mitte“ als auch von Anhängern der AfD verbreitet wird.

Zu Beginn erklärte Klarmann, dass sich die AfD in einer Grauzone befinde, da sie nicht als rechtsextrem bewertet werden kann, ihre publizierten Inhalte aber häufig deutlich rechtspopulistische und zum Teil fremdenfeindliche Züge haben. Damit erreichen sie – zum großen Bedauern der etablierten Parteien – mittlerweile nicht nur enttäuschte CDU- und SPD-Wähler, sondern holen auch überzeugte Nichtwähler ab, die als so genannte „Protestwähler“ die Wahlbeteiligung in die Höhe treiben und die AfD stärken.

Eine besondere Gefahr sieht Klarmann darüber hinaus in den Medienstrategien von rechtsextremen Verbänden, die Jugendlichen durch unterschwelliges Anwerben die „Erlebniswelt Rechtsextremismus“ schmackhaft machen. Dabei werde das Vertrauen der jungen Erwachsenen durch gemeinsame, harmlose Freizeitaktivitäten gewonnen und erst in einem zweiten Schritt die politische Gesinnung geäußert. „Die Strippenzieher gehen strategisch und äußerst intelligent vor. Das ist sehr gefährlich!“, mahnt er.

In Online-Auftritten, vor allem über Social-Media-Kanäle, fingiere die rechte Szene Fakten, indem sie Informationen aus dem Kontext reißt, Probleme herbei redet, die nicht existieren oder sich selbst als Rebell gegen „das Establishment“ präsentiert. Und wenn Letzteres nicht funktioniert, mache sie sich selbst zum Opfer des Rechtssystems und der Staatsgewalt. „Da hilft Zähne putzen und Hände waschen auch nicht mehr, wenn man zu lange auf deren Facebook-Seiten oder in deren Foren recherchiert!“

Wie auch im Vorfeld der Herzogenrather Bürgermeister Christoph von den Driesch erwähnte, wurde auch im Vortrag deutlich, dass die Situation in der Region zwar im Auge behalten werden müsse, aber dennoch nicht so dramatisch wie anderorts sei. Von den Driesch lobte unterdessen die gute Zusammenarbeit mit der Aachener Polizei, die wachsam und sensibel das Thema behandle und effektiv Präventionsmaßnahmen gegen Rechtsextremismus treffe.

Der fast zweistündige Vortrag des fachkundigen Journalisten mündete in einer Diskussionsrunde. Dabei wurden Fragen beantwortet und Erfahrungen ausgetauscht. Als erfreuliche Tatsache stellte sich heraus, dass die Stimme gegen rechts in der Region glücklicherweise immer noch deutlich lauter und stärker sei als Fremdenfeindlichkeit und Rechtspopulismus. Manfred Radermacher vom Bündnis gegen Rechtsradikalismus, Bruno Barth, Vorsitzender der Naturfreunde, und Franz-Josef Kempen, Diakon der Pfarrei St. Willibrord, die gemeinsam mit der Stadt Herzogenrath die Initiatoren des Abends waren, schlossen sich der Quintessenz des Vortrags an: „Wir müssen uns deutlich positionieren und unser Gesicht zeigen, damit die Gefahr nicht zu groß wird.“

(hei)
Mehr von Aachener Nachrichten