Nordkreis: Lieber pratschjeck als mieser Fußball

Nordkreis: Lieber pratschjeck als mieser Fußball

Karnevalisten sind kreativ, keine Frage. Jedoch bei den Namen ihrer Gesellschaften und Vereine, die sich um die Pflege des Brauchtums kümmern, hält sich das Potenzial im Norden der Städteregion Aachen in Grenzen.

KG Prinzengarde, KG Narrenzunft, KG Blaue Funken, Rot-Weiße Funken, Grüne Funken und so weiter und so weiter. Aber es gibt auch ein paar Exoten, die führen Namen auf dem Schild und den Fahnen, die haben Seltenheitswert oder sind gar eine eigene Marke. Hier ein paar Beispiele:

xxx Foto: Sevenich

Auf den ersten Blick kann man mit der Bezeichnung „Renngemeinschaft de Schörjer“ noch nicht so viel anfangen. Wenn man nicht aus Baesweiler ist, denn dort hat die RG Kultcharakter. Der Begriff „Renngemeinschaft“ resultiert aus den legendären Schubkarrenrennen, den sogenannten „Schürskarren“. Diese Rennen wurden in den frühen Jahren der RG noch regelmäßig im Herzen der Stadt ausgetragen und leben seit vergangenem Jahr wieder auf. Einer schob, der andere nahm Platz in der Schubkarre, und dann ging es darum, einen abgesteckten Parcours möglichst als Schnellste zu absolvieren. „Da ging es immer zur Sache und es hat einfach nur Spaß gemacht,“ erinnert sich Willi Katzenberger, einzig noch lebendes Gründungsmitglied (87) und Ehrenvorsitzender der Schörjer. „Der Sieger bekam damals immer einen Schnaps und eine Blutwurst. Für die damalige Zeit ein überaus lukrativer Preis.“ 2015 feierte die RG, sie wird von Präsident Stefan Latten geführt und hat etwa 40 Mitglieder, ihr 5x11-jähriges Bestehen.

Sie führen Steckenpferde im Schide: die KG „Hölze Pead“ (1). Der 32. Träger des Ordens „Närrischer Grenzlandschild“ ist Martin Schulz, hier an der Seite mit Tanzmarie Larissa Kever (2). Bock und Reiter schmücken traditionell die Orden der „Bockrijjer“ (3). Willi Katzenberger ist Gründungsmitglied der „Schörjer“ (4). Sandhöpper und Eulen zieren Fahne und Orden (5 und 6). Foto: Sevenich

Auch Derwall und Millowitsch

Sie führen Steckenpferde im Schide: die KG „Hölze Pead“ (1). Der 32. Träger des Ordens „Närrischer Grenzlandschild“ ist Martin Schulz, hier an der Seite mit Tanzmarie Larissa Kever (2). Bock und Reiter schmücken traditionell die Orden der „Bockrijjer“ (3). Willi Katzenberger ist Gründungsmitglied der „Schörjer“ (4). Sandhöpper und Eulen zieren Fahne und Orden (5 und 6). Foto: Malinowski

Die Geburtsstunde der KG „Au Ülle“ in Würselen schlug 1950 auf dem Rhenania-Sportplatz in Würselen, heißt es in der Überlieferung der Vereinschronik. Durch die enttäuschenden Leistungen des dort ansässigen Fußballvereins suchten Heinz Wacker, Jean Lürken, Matthias Moritz, Willi Keufgens, Peter Herwartz, Josef Zitzen und Josef Bosch nach einem anderen Gesprächsstoff. Dabei stießen Sie auf die im Jahre 1911 gegründeten „Roten Eulen“, deren karnevalistische Aktivitäten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zum Leben erweckt worden waren. Sie setzten sich im Gründungsprotokoll zur Aufgabe, „den rheinischen und den heimatverbundenen Karnevalsbrauch zu fördern und zu pflegen im Sinne althergebrachter Tradition“.

xxx Foto: Sevenich

Die erste karnevalistische Veranstaltung stieg im November 1950 im Kasino „Elisa“ an der Morsbacher Straße. Der Senat verleiht seit 1965 das „Närrische Grenzlandschild“. Den 4. Orden erhielt übrigens Willi Millowitsch 1968, den 9. im Jahre 1973 Fußballbundestrainer Jupp Derwall. Der 32. Träger wurde in der Session 2012/13 Martin Schulz, seinerzeit Präsident des Europäischen Parlements. Aber auch zwischen Aschermittwoch und dem 11.11. gibt es für die KG viel zu tun. So ist seit dem Jahre 2000 ein stets ausverkauftes Konzert mit der Kölner Kultgruppe „Höhner“ auf der Freilichtbühne Burg Wilhelmstein der Renner. Karneval im Sommer. Das geht auch .

xxx Foto: Sevenich

Am 1. Januar 1972 wurde durch die Kommunale Neugliederung der Stadtteil Broichweiden stark verändert, der Ortsteil Broicher Siedlung kam zur Stadt Alsdorf, alle anderen Ortsteile wurden der Stadt Würselen zugeordnet. Das bedeutete, der einzige Karnevalsverein vor Ort, die 1. KG Rote Funken Garde Broicher Siedlung, war für Weiden nicht mehr zuständig. In der Konsequenz wurde der Weidener Karnevalsverein „Hölze Päed“ aus der Taufe gehoben. Am Aschermittwoch 1974 begannen Heinz Einmal und Fritz Fricken-stein die Gründung vorzubereiten. Am 20. April 1974 war es so weit. „Hölze Päed“ (Steckenpferde) war einst eine mundartliche Bezeichnung für Weidener.

Kaninchen fühlen sich in und rund um Sandgruben sauwohl. In Merkstein ist das nicht anders. Die KG„Wörmscher Sandhöpper“ blickte in der aktuellen Session auf 66 Jahre zurück. Männer der ersten Stunde waren der Vorsitzende Christian Leufgen oder Präsident Hermann Reulen. Die Karnevalsgesellschaft gründete sich am 11.11.1951 in der legendären „Feuchten Eule“ (Gaststätte Engelen Nivelsteiner Weg) in Worm. Das damalige Gründungslokal (1976 abgerissen) ziert heute Jubiläumsorden und Jubiläumsurkunden. Die Urkunden gestaltete der Ehrensenator Alwin Handels. Den Entwurf für den Orden zeichnete der Künstler Joachim Reul. Eine triefend nasse Eule und das Maskottchen der Sandhöpper, der Hase, umrahmen den historischen Gebäudetrakt. Das närrische Jubiläum 6 x 11 Jahre wird von einer besonderen Regentschaft gekrönt. Jugendprinz Dwayne I. schwingt das Zepter. Er hat das Down-Syndrome. Mit seiner Präsenz bringt er laut Geschäftsführerin Melanie Paffen die Sonne in die Herzen aller Narren, die ihn erleben. Der Karneval beweist seine integrative Kraft. Stark.

„Tröt“ und „Pötz“

Im Herbst des Jahres 1947 setzten sich alte Tröter und Pötzer Jonge beim Köbes in der Tröt zusammen und gründeten die KG„Tröter und Pötzer Jonge“. Die Geilenkirchener Straße hieß im Volksmund einst „Tröt“. Heute heißen im Schatten der Burg Straßen „Kleine Tröt“, „An der Tröt“ und „Tröter Weg“. Und der Platz am Ende der Straße „Auf dem Pütz“ wurde „Pötz“ genannt. Für Gründung und Namensgebung zeichnete Jupp Cryns hauptverantwortlich. Jean Kemmer wurde Präsident. Nach zwei Kappensitzungen bei Dünnbier und Knolli im Lokale „Zum Köbes“ und beim Jupp Kemmer starteten die Tröter im Herbst 1948 im großen Saal Plum eine prunkvolle Kappensitzung, der Beginn einer karnevalistischen Kariere. Untrennbar mit der Historie der Gesellschaft verbunden ist der legendäre Präsident und Ehrenpräsident Josef Toto Beckers, der am 1. Mai 2016 starb. Wie kein anderer hatte er über 31 Jahre hinweg die KG geprägt. Unvergesslich.

Auf Böcken geritten

Die 1. Große KG„De Bockrijjer“ Herzogenrath von 1928 blickt auf eine mehr als 90-jährige Geschichte zurück. Herzogenrather Bergleute, Bauern, Glas- und Nadelwerker, allesamt Stammgäste im Lokal „Huck“ hatten die Idee, für ihren karnevalistischen Frohsinn eine organisatorische Plattform zu errichten und gründeten den Verein „Knölle Bölle“. Das war der Vorläufer der heutigen KG „De Bockrijjer“, so heißt sie seit 1949. Seit 1959 wird der Orden „Goldener Bockrijjer“ verliehen. Die „Bockreiter“ waren eine Bande, die im 17 Jahrhundert in der Gegend ihrem Handwerk nachging. Auf Ziegenböcken sollen sie unterwegs gewesen sein und der Volksmund sagt, dass sie wohl eine besonders schnelle Truppe waren. Die „Bockrijjer“ unserer Tage sind es auch.

Ganz egal, wie die ganzen jecken Vereine auch heißen, Hauptsache: Die Narren haben an den tollen Tagen viel, viel Spaß!

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