Würselen: Lesung mit Achim Großmann: Als Rote auf schwarzen Listen landeten

Würselen: Lesung mit Achim Großmann: Als Rote auf schwarzen Listen landeten

Zum zweiten Male war Achim Großmann beim Geschichtskreis St. Sebastian zu Gast, erst als Vorsitzender der Kulturstiftung und jetzt als Autor des Buches „Die rothen Gesellen im schwarzen Westen“. Auf 288 Seiten hat der ehemalige Staatssekretär (Heimat-)Geschichte(n) aus der Sicht der kleinen Leute zu Papier gebracht.

Er zeichnet nach, wie sich soziale Bewegungen nach der Revolution von 1848 im katholischen Aachen entwickelten und wie die Sozialdemokraten sich in ihren Anfängen trotz fortwährender Repressalien um eine gerechtere Welt kümmerten. Anlass für das Buch, in dem auch Prominente zu Wort kommen, war das 150-jährige Bestehen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und der 100. Geburtstag von Willy Brandt.

Unter schwierigen Bedingungen

Zur Einstimmung in die „Lesung“ veranschaulichte der Sprecher des Geschichtskreises, Hubert Wickerath, an zwei Beispielen aus der Kaiserstadt, wie katastrophal die Lage der arbeitenden Menschen im 19. Jahrhundert war. Dafür sprächen unter anderem Häuser in der Königsstraße, wo mehrere Familien in einer Wohnung ihr Leben fristen mussten, heute noch Bände.

Wie schwer es war, Vereine zu gründen, legte Großmann vorab dar. Nach der Revolution habe es zwar erst eine Lockerung des Vereinsgesetzes gegeben, dann sei das Rad aber wieder zurück gedreht worden. Jede Versammlung musste angemeldet werden. Die Polizei konnte sie nach ihrem Gutdünken — uniformiert oder in Zivil — auflösen.

Erst recht durften die gegründeten Vereine sich nicht vernetzen. Überall, wo Vereine sich versammelten, sei auf die Wirte Druck ausgeübt worden, was der Autor in dem mit 249 Bildern illustrierten literarischen Werk zu belegen weiß. Das führte dazu, dass nur wenige Wirte ihre Räumlichkeiten für Versammlungen zur Verfügung stellten.

„Die Hauptkampflinie verlief zwischen diversen katholischen Kreisen und den Sozialdemokraten“, benannte der ehemalige Parlamentarische Staatssekretär als deren Hauptgegner den Paulusverein mit seinen Gruppierungen und 5000 Mitgliedern. Mit den Christlich-Sozialen zusammenarbeiten zu wollen, sei von ihm abgewiesen worden, obwohl die Nähe da gewesen sei. Die Sozialdemokraten seien zwar „kirchennah“ gewesen, hätten sich aber nicht alles vorschreiben lassen. „Von ihnen wurde Religionsfreiheit eingefordert.“

Als kurios bezeichnete es Großmann, dass bei den Wahlen 1887 die SPD zwar verboten gewesen sei, aber dennoch an den Wahlen habe teilnehmen dürfen. Er wartet auch mit interessanten Zahlen aus dem heutigen Würselen auf: Bei der Wahl 1893 stimmten 100 Wahlberechtigte für den SPD-Kandidaten, in Weiden 14. 1912 waren es in Bardenberg 214, in Broich 247, in Weiden 50 und in Würselen 97. In Broich erhielt der Sozialdemokrat mehr Stimmen als der Kandidat des Zentrums. Als Reaktion darauf sei ein katholischer Volksverein mit dem Ziel gegründet worden, die Sozialdemokraten zu verhindern.

Wie sein Großvater, Rektor Großmann, sich auf einer Versammlung in Haaren im rechten christlich-sozialen Lager gegen „revolutionäre Kräfte“ positionierte, ist auch in seinem Buch festgehalten. Arbeiter-Freizeitvereine wurden auf Seiten der Sozialdemokraten gegründet. Versammlungsorte waren in Aachen „Zur neuen Welt“ (Alexanderstraße), wo es eine Bibliothek mit 1000 Bänden gab, und der Frankentaler Bierkeller. Angesprochen wird auch die Vitus-Heller-Bewegung des gleichnamigen christlichen Publizisten, der die Christlich-Soziale Volkspartei mit scharf antikapitalistischem Programm ins Leben rief. Ihr schloss sich in Würselen der erste CDU-Bundestagsabgeordnete des Kreises Aachen, Franz Mühlenberg an, nachdem er aus dem Zentrum ausgetreten war.

Großmann schildert, was gerade die Menschen „im schwarzen Westen“ riskiert haben, um die Welt gerechter zu machen. Dabei sei der Druck nicht zuletzt von der katholischen Kirche gekommen. Sie verloren nicht nur ihren Beruf, sondern wurden auch auf schwarze Listen gesetzt bis hin zu einer sechsjährigen Haftstrafe. Diesen Menschen habe er durch sein Buch ein kleines Denkmal setzen wollen, schloss Großmann seine „Lesung“.

Dass es ihm gelungen ist, testierten die interessierten Besucher der Veranstaltung ihm gerne. Der bodenständige Autor, der in einer Reihe von Archiven intensiv recherchiert hat, schloss nicht aus, dass es noch unerforschte Quellen gibt, die weiteren Aufschluss geben.

Nach einer schöpferischen Pause will Großmann schon bald sein nächstes Buch herausbringen. Es wird sich mit dem Wiederaufbau in der Heimat befassen. Er hat nämlich an zwei Büchern gleichzeitig gearbeitet.

(ehg)
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