Politikwissenschaftler: Leidenschaftliche Europa-Diskussion mit Stephan Kaußen

Politikwissenschaftler : Leidenschaftliche Europa-Diskussion mit Stephan Kaußen

Hoch emotional aber immer sachlich: Der Besuch von Dr. Stephan Kaußen bei der Veranstaltungsreihe „Geschichte verstehen — Zukunft gestalten“ war ein großer Gewinn für die Veranstalter.

Die VHS Nordkreis Aachen, der Geschichtsverein Baesweiler und Enno Schwanke vom Historischen Institut der Universität zu Köln hatten den promovierten Politikwissenschaftler Kaußen zum Abschluss der Veranstaltungsreihe in ihre Mitte geholt. Dabei nahm man sich viel Zeit, denn der Rahmen von gut zwei Stunden reichte nicht aus, den teils leidenschaftlich geführten Diskurs zu beenden.

Umgangssprachlich betrachtet war Dr. Stephan Kaußen „sehr gut drauf“. Das Thema dieser siebten Veranstaltung — in zwei Blöcke gegliedert und im Haus Setterich abgehalten — lautete „Europas Zeitenwende?“ Jana Blaney und Heinz W. Kneip (Strategische Beratung) von der VHS sowie Günter Pesler (Geschichtsverein Baesweiler) nahmen die Begrüßung von etwa 70 Gästen und die Einführung ins Thema vor. Dass diese Themenreihe und die aufgewendeten sieben Wochenenden nicht zum Nulltarif zu haben waren, wurde trotz aller ehrenamtlichen Einsätze schnell klar. So dankten Jana Blaney und Heinz Kneip auch einigen Sponsoren sowie der Partei „Die Linke“.

Marika Jungblut, Fraktionsvorsitzende der „Linken“ in Baesweiler, hatte in Begleitung von zwei Kollegen einen Scheck über 500 Euro im Auftrag der Kreisfraktion an Blaney und Kneip überreicht. Auch Ute Fischer, „Hausherrin“ und DRK-Stadtteilmanagerin, galt der Dank der VHS.

Fußballfragen

In die Fragerunde stieg Günter Pesler aber mit einem ganz anderen Thema ein. Kaußen, auch Sportreporter des WDR und belesener Fußballfachmann, sollte erklären, warum Deutschland so früh bei der Fußballweltmeisterschaft ausschied. Die Antwort des Experten kam sofort.

Zu sehr von sich überzeugt glaubte der damalige Weltmeister, dieses Turnier mit seiner ganzen Erfahrung nach Hause fahren zu können. Zur Selbstgefälligkeit kam dann auch noch die Rassismus-Debatte um Mesut Özil, der es nicht mehr für nötig gehalten hatte, sich zu erklären. Günter Pesler eröffnete den Diskurs um Europas Zeitenwende mit der Feststellung: „Wir sind sensibilisiert. Wir müssen aber auch Wege finden, dass wir als Demokraten mehr werden.“ Die Ereignisse von Chemnitz haben gezeigt, „wir müssen aufpassen“.

Günter Pesler sagte: „Eine wichtige Frage ist es, ob die Leute bereit sind, für eine offene Gesellschaft einzutreten.“ Auch in Kaußens Buch mit dem Titel „Europas Zeitenwende“ ist festgehalten, dass der überbordende Nationalismus in ganz Europa zunimmt. Mit Schlagworten wie Entpolitisierung, RTLisierung, Banalisierung, BWLisierung, Hedoismus, Konsumismus oder auch Amerikanisierung stiegen Pesler, Kaußen und Schwanke in den lebhaften Diskurs ein.

Dabei betonte Kaußen unter anderem mit ironischem Blick auf seinen „Freund“ Horst Seehofer: „Die Mutter aller Probleme ist nicht die Migration. Die Dummheit ist es“. Dabei hatte der Wissenschaftler den Innenminister wohl auch eingekreist.

Mit der RTLisierung geißelte Kaußen den TV-Sender, der reichlich dazu beiträgt „die Verblödung unserer Gesellschaft durch Trallafitti-Sendungen zu erhöhen. Das ist ein Krawallsender, der uns zumüllt“. Zur BWLisierung merkte der Fachmann an. „Die Menschen sind sich zunehmend weniger im klaren, wo der jetzt erreichte Wohlstand herkommt.“ Für einen Teil der BWL-Studenten gehe es doch höchtwahrscheinlich nur noch „um das Streben nach eigenem ökonomischen Wohlstand“.

Mit der Formulierung „unseren Kindern soll es doch mal besser gehen“ räumte Dr. Kaußen auch auf. „Wir haben ein maximales Wohlstandsniveau erreicht. Wie soll es wohl unseren Kindern einmal noch besser gehen können?“ Es sei an der Zeit, die jetzige Risikogesellschaft zu einer Chancengesellschaft zu verändern. Am Beispiel USA verdeutlichte der Uni-Gelehrte, „alle Symptome, die wir jetzt haben zeigten sich schon vor 20 Jahren als Fehlentwicklungen in Amerika. Nehmen wir nur mal Horst Seehofer, er ist auf dem Niveau von Donald Trump angekommen“.

Sehr viel Raum nahm beim Referenten und den Fragern die Bildungspolitik ein. „Wir machen viel zu wenig in Sachen Bildungspolitik“, bemerkte Hochschuldozent Kaußen. Man müsse auch den Heranwachsenden stärker verdeutlichen, „wir leben in einem unnatürlichen Wohlstand und glauben, das wäre das normalste der Welt“.

Auf Kritik in der stark vertretenen Lehrerschaft bei dieser Diskussion stieß er mit der Feststellung, „die Allgemeinbildung hat nachgelassen“. Ergänzt mit dem Satz: „Wir brauchen längere Bildungszeiten und keine kürzeren.“. Gastgeberin Ute Fischer (DRK) war sehr angetan über die Qualität dieser Veranstaltung: „Es gab angeregte Diskussionen mit absoluten Fachleuten. Ich glaube, diese Gespräche und dieser Einsatz haben der Demokratie sehr gut getan“, formulierte die Stadtteilmanagerin und freute sich einmal mehr über ein volles Haus Setterich.

Sind die Demokratien des Westens unter den gegebenen Umständen überhaupt noch in der Lage, auf den erstarkenden Nationalismus eine überzeugende Antwort zu finden? Kaußens Sorge „Ich fürchte nicht, leider. Da wir in der Mehrheit der Gesellschaft zu bequem geworden sind und die Errungenschaften der freiheitlichen Demokratie mittlerweile für normal und selbstverständlich halten. Die Feinde der offenen Gesellschaft sind zwar in der Minderheit.“

Aber: „Damit sich das Böse durchsetzen kann, reicht es leider schon, wenn das Gute in weitgehender Passivität schweigt.“

(mas)