Kunstrasen, Mikroplastik, geplantes EU-Verbot: Kommunen noch abwartend

Geplantes EU-Verbot zu Mikroplastik auf Kunstrasen : Kommunen geben sich noch abwartend

Unsicherheit herrscht in den Kommunen derzeit noch, was bestehende und geplante Kunstrasenanlagen und deren Mikroplastik-Emissionen mit Blick auf ein geplantes EU-Verbot angeht. Alsdorf sieht sich mit Kork noch auf der sicheren Seite, möchte aber dennoch prüfen.

„Klar, das Zeug bleibt an einem kleben“, sagt Boris Piz (41), Spieler und Co-Trainer der ersten Mannschaft beim Kohlscheider Sportverein (KSV). Und nach dem Schlusspfiff findet es sich überall wieder, am Körper, in den Klamotten, in den Schuhen. Regelmäßig, so schildert Piz, müsse er seine Sporttasche aussaugen. „Und die Umkleiden sind auch immer voll davon“, ergänzt KSV-Vorsitzende Rita Piz. Die Rede ist vom „Infill“, dem Granulat, das auf einem Gros der Kunstrasenplätze die Plastikhalme stabilisiert und gleichzeitig eine dämpfende Wirkung erzeugt. Läuft (oder rutscht) man über den Rasen, springen die Körnchen auf – und sammeln sich schließlich auch in den Drainagevorrichtungen. So landen sie dann nicht nur beim Duschen oder Waschen, sondern auch bei Wind und Regengüssen im Wasserkreislauf.

8000 Tonnen pro Jahr

Genau deswegen ist das Granulat erneut in die Kritik geraten. Ging es vor Jahren um die mögliche kanzerogene Wirkung des seinerzeit noch aus geschredderten Autoreifen hergestellten und mit Weichmacherölen versehenen Infills, so steht jetzt der umweltschädigende Aspekt von Mikroplastik im Fokus.

Nicht zuletzt eine von der RWTH Aachen mitfinanzierte Studie des Fraunhofer Instituts Umsicht zu Kunststoffen in der Umwelt ließ  aufhorchen: Eine Studie, die die Unterschiede erläutert zwischen primärem Mikroplastik Typ A, das gezielt produziert wird (etwa Mikrokügelchen in Kosmetika), und Typ B, das während der Nutzung freigesetzt wird (Abrieb von Reifen und Schuhsohlen oder ausgewaschene synthetische Fasern) sowie sekundärem Mikroplastik, das durch Zersetzen von Makroplastik (etwa Plastiktüten) entsteht. Die Erkenntnis: Verwehungen von Sport- und Spielplätzen nehmen auf der Liste der Emissionen primären Mikroplastiks in Deutschland Rang 5 ein, lange vor dem Faserabrieb bei Textilwäsche oder den bislang viel stärker im Fokus stehenden Zusätzen in Kosmetik-Produkten. Hauptverantwortlich: Kunstrasen-Fußballplätze, von denen laut Fraunhofer-Institut 96,6 Gramm pro Kopf und Jahr an Mikroplastik in die Umwelt gelangt. Was einer Menge von über 8000 Tonnen entspricht, wie Diplom-Ingenieur Ralf Bertling, Co-Autor der Umsicht-Studie, im Gespräch mit unserer Zeitung verdeutlicht. Zu den Berechnungsgrundlagen befragt, verweist Bertling zum einen auf ältere Studien, etwa des Umweltbundesamts, und zum anderen auf Angaben von Herstellern und Platzbetreibern. Letztlich handele es sich bei den vorgelegten Zahlen um Schätzwerte „nach bestem Wissen und Gewissen“, denn schon die genaue Anzahl an Kunstrasenplätzen in Deutschland sei unklar. Ebenso die Emissionsfaktoren. Umsicht plane daher eine weitere Studie, einen Langzeittest, um die ermittelten Zahlen zu untermauern, zu der alle Stakeholder – von den Herstellern bis zu den Platzbetreibern – eingeladen seien. Aber letztlich, so Bertling, sei egal, wie viel Mikroplastik genau von Kunstrasenplätzen in die Umwelt emittiere, wichtig sei vielmehr: „Es ist eine signifikante Menge.“

Längst ist auch die Europäische Kommission auf dem Plan, hat unter anderem die European Chemicals Agency (ECHA) prüfen lassen, ob bestimmte Mikroplastiken im Rahmen der europäischen Chemikalien-Verordnung verboten werden müssen.

Tausende Jahre überdauernd

ECHA hat denn auch eine Empfehlung ausgesprochen. Denn, so die Warnung: Einmal in die Umwelt gelangt, erweise sich Plastik als extrem langlebig, überdauere tausende Jahre und lasse sich praktisch nicht wieder entfernen. Die möglichen Folgen für den menschlichen Organismus seien dabei nicht klar.

Die Beschränkungsvorschläge der ECHA umfassen Kunstrasen-Infill. Ein Verbot, so erläutert der Städte- und Gemeindebund (StGB) in einem Schnellbrief an die Mitgliedskommunen, soll nach derzeitigem Stand 2021 in Kraft treten, was bedeute, dass der Austrag von Kunstrasengranulat ab 2022 „vollständig verboten“ wäre. Bestandsschutz oder Übergangsfristen seien bislang nicht vorgesehen. Wie der StGB ankündigt, möchte er mit anderen kommunalen Spitzenverbänden auf eine Übergangsfrist von mindestens sechs Jahren hinwirken. Kosten seien aufgrund der nicht genau bekannten Zahl betroffener Plätze sowie unzureichender Kenntnisse über geeignete Alternativfüllstoffe „noch nicht seriös bezifferbar“. Bundesweit sei eine dreistellige Millionenhöhe nicht auszuschließen.

In Alsdorf, Herzogenrath und Würselen wird teils schon über zehn Jahre auf Kunstrasen gekickt. Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders hat dennoch nicht allzu tiefe Sorgenfalten auf der Stirn: Zum einen, so glaubt er, werde der Aufschrei so laut sein, dass es wohl doch Fristen für den Materialaustausch geben werde. Zum anderen geht er davon aus, dass es Alsdorf „eher nicht treffen“ werde, denn bisher sei mit Korkmaterial verfüllt worden. Vor Jahren habe man schon einmal negativ geprüft, als es um das Thema Schadstoffe ging. Natürlich gelte es auch jetzt wieder, die Umstände intensiv unter die Lupe zu nehmen: „Wenn es eine Alternative zu Mikroplastik gibt, die wir glauben zu haben, dann muss das Bestand haben.“ In diesem Sinne werde er auch die Anfrage beantworten, die nach der ersten Berichterstattung unserer Zeitung zum Thema seitens der Grünen-Fraktion gestellt worden war. Und die in die Frage mündet, ob es aus Sicht der Stadtverwaltung nicht angebracht sei, „bestehende Kunstrasenplatzplanungen zu revidieren“ und statt dessen Naturrasen anzulegen? Kurz vor Fertigstellung ist ein Kunstrasenplatz am Kubiz und ein weiterer geplant in Mariadorf. Ältere Plätze gibt es an der Gesamtschule und in Warden.

Pläne nochmals überdenken muss man auch in Herzogenrath: Bekanntlich soll das Stadion an der Kohlscheider Oststraße ausgebaut werden, um ausreichend Möglichkeiten für KBC und DJK Elmar zu gewährleisten, da der Tennenplatz am Langenberg zugunsten der Markttangente wegfällt. „Die Entwicklung bleibt zunächst abzuwarten“, sagt der Erste Beigeordnete und Sportdezernent Hubert Philippengracht. „Hinsichtlich der in Kohlscheid geplanten Sportplätze überlegen wir derzeit, ob der Kunstrasenplatz ausschließlich mit Sand – dann ist aber auch eine Beregnungsanlage notwendig – oder mit Kork befüllt werden soll.“ Bewusst habe man sich seinerzeit, bei Anlage der ersten drei Plätze (Casinostraße, Ritzerfeld und Straß), für gekräuselten Flor entschieden, so Philippengracht weiter, da hier der Austrag des Granulats erheblich geringer sei als bei geraden Halmen.

Gleicher Aufwand

Was Rainer Schulte, Gartenbautechniker der Stadtverwaltung, bestätigt: Einmal in der Woche müsse „geschleppt“ werden – ein Traktor zieht einen Kunststoffbesen über den Kunstrasen, um Unebenheiten auszugleichen und das Granulat erneut einzuarbeiten. Auf besonders beanspruchten Stellen, im Strafraum etwa, geschehe das von Hand. Womit der Pflegeaufwand für Kunststoff genauso hoch sei, wie für Naturrasen, der im Sommer wöchentlich gemäht wird. Großflächig von der Fachfirma habe noch keiner der drei Plätze überarbeitet werden müssen. Will heißen: Ein wesentlicher Ersatz von Granulat sei bisher nicht nötig gewesen. Der größte Schaden entstehe vielmehr durch Vandalismus.

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