Künstlerkino im Metropolis Würselen

Künstlerkino im Metropolis Würselen : Wenn die Kinoleinwand zum großen Atelier wird

Als „Pilotprojekt und Experiment“ wurde es noch vor genau einem Jahr angekündigt. Das „Künstlerkino“, welche auf die Leinwand des gemütlichen, kleinen Kinos an der Würselener Bahnhofstraße einmal im Quartal projiziert wurde, übertraf alle Erwartungen.

250 Zuschauer fanden den Weg ins „Metropolis“. Im Premierenjahr bedeute dies bereits eine Auslastung von weit über 60 Prozent. „Es konnte einfach nur weitergehen. Wir haben uns sehr gefreut, dass die Kooperation so nahtlos weitergeführt werden kann“, erzählte Gerd Möhlendick, Vorstand „Metropolis“, unserer Zeitung. Bereits am Mittwochabend startet die zweite Auflage des Künstlerkinos des Metropolis in Kooperation mit Bundesverband Bildender Künstler (BBK) Aachen – Stammgäste wie Kurzentschlossene dürfen sich auf große Leckerbissen freuen.

Künstler wie Max Ernst und Alberto Giacometti statteten im cineastischen Gewand bereits im vergangenen Jahr Würselen einen Besuch ab. Besonders das Schaffen der klassischen Moderne war ein Schwerpunkt der Filmbeiträge. Allerdings war es den Organisatoren wichtig, die Diskussion um einzelne Werke und Künstler zu fördern. So war der nicht unumstrittene Maler Neo Rauch ebenfalls Teil der filmischen Präsenz. Dirk Schulte vom Vorstand des BBK erläuterte: „Wir haben nach einer Synthese von Genuss, Bildung und Nachdenken gesucht.“ Diese Arbeit wurde über den Jahreswechsel nahtlos fortgeführt. Mit dem frühromantischen Maler Caspar David Friedrich, der deutsch-amerikanischen Prozesskünstlerin Eva Hesse, dem Maler und Bildhauer Anselm Kiefer und der passionierten Kunstsammlerin Peggy Guggenheim haben die Veranstalter vielschichtige Protagonisten für 2019 gewinnen können.

Bereits am heutigen Abend wird der biografische Spielfilm „Caspar David Friedrich“ von Regisseur Peter Schamoni zum Auftakt der 2019er-Reihe gezeigt (Vorstellungsbeginn 20 Uhr, Eintritt 6 Euro). Das Werk aus dem Jahre 1986 ist schon allein deswegen besonders, weil ungeachtet der Teilung Deutschlands eine seltene deutsch-deutsch-französische Kooperation zustande kam.

Gedreht wurde unter anderem in Friedrichs Heimat Greifswald, der Sächsischen Schweiz und auf Rügen. Die unverwechselbaren Landschaftsaufnahmen finden sich in den Werken des bedeutendsten Malers der deutschen Romantik wieder. Besonders hervorzuheben ist der aktuelle Bezug auf die geringen Halbwertszeiten in der gegenwärtigen Populärkultur. Auch Friedrich litt unter der „Schnelllebigkeit“ des Kunstgeschäftes und geriet trotz seiner Leistungen vorübergehend schon zu Lebzeiten in Vergessenheit.

Eine trockene „Lehrstunde in Kunstgeschichte“ möchte das BKK um seinen Vorsitzenden Gotthardt Walter nicht anbieten – vielmehr soll über das Medium Film jedem ein ganz persönlicher Einstieg in das jeweilige Kunstthema ermöglicht werden. Die Auswertungen der 2018er-Reihe zeigten bereits: Sowohl Metropolis-Stammkunden, als auch Metropolis-Neulinge konnten für die Kunstthematik begeistert werden. Auf Einführungen vor dem Film wird ebenfalls verzichtet. Nach Filmende kann man in geselliger und ungezwungener Runde das Erlebte nach Bedarf rekapitulieren. „Diskussionen sind natürlich gerne erwünscht. Wir möchten unseren Besuchern ein heterogenes Kunsterlebnis ermöglichen“, erklärte Walter. Mit der vom BBK ausgewählten Filmsammlung sieht man sich auf Organisatorenseite gut gerüstet

Mitte Mai wird dann der nächste Film auf der Leinwand aufleuchten. Die plastische Künstlerin Eva Hesse, im Kindesalter als Jüdin aus Nazi-Deutschland in die USA emigriert, starb bereits mit 34 Jahren. Ihren künstlerischen Durchbruch in der Arbeit mit damals neuen Materialien wie Glasfaser oder Polyesterharz hatte sie zu diesem Zeitpunkt längst geschafft. Mit halbtransparenten Reliefs und Skulpturen, die Sinnlichkeit, Körperlichkeit und gleichzeitige Vergänglichkeit transportieren, gilt sie heute als eine der wichtigsten Künstlerinnen der Nachkriegszeit. Die mitreißende Künstlerbiografie von Regisseur Marcie Begleiter aus dem Jahr 2016 stützt sich unter anderem auch auf Tagebuchaufzeichnungen der Künstlerin, die ein zeitgenössisches Bild der Frauenrolle in der Kunst zeichnen.

Installationskunst und plastische Arbeit in einem ungleich größeren Maßstab werden auch im August eine gewichtige Rolle einnehmen. Unter der Regie von Sophie Fiennes entstand der Dokumentarfilm „Anselm Kiefer – Over your cities grass will grown“ über die Arbeit Kiefers auf einem 35 Hektar großen Areal in Südfrankreich. Zwischen 1993 und 2008 ließ er dort eine ganz eigene, begehbare Kunstsiedlung entstehen. Die Kamera taucht ein in einen Kosmos aus unterirdischen Tunneln, Türmen und alten Industriegebäuden. Sie beobachten den Beuys-Schüler bei seinen alchemistisch anmutenden Schaffensprozessen mit Materialien wie Beton, Blei, Glas, Sand und Asche.

Zur „besten Herbstkinozeit“ wird sich im November dann das Künstlerkino auf seine Zielgerade begeben. Anders als ihre cineastischen Vorgänger ist die Protagonistin Peggy Guggenheim nie selbst als Künstlerin in Erscheinung getreten. Vielmehr waren es ihre Verdienste als Galeristin und Kunstmäzenin, die die Erbin der amerikanischen Guggenheim-Dynastie in der Kunstwelt unsterblich machte.

Einen „bewusst alternativen Einblick in die Kunstwelt“ gestattet Regisseurin Lisa Immordino Vreeland in ihrem Werk „Ein Leben für die Kunst“. Als Autodidaktin baute Guggenheim eine der spektakulärsten Sammlungen moderner Kunst auf und forcierte damit die Karrieren bedeutender Künstler wie Picasso, Max Ernst und Jackson Pollock. Der Film bietet seltene Einblicke in das kuratorische Schaffen Guggenheims, die Kunst und Leben stets als Einheit begriff.

(yl)
Mehr von Aachener Nachrichten