Kohlscheid: Bebauungsplan und Markttangente

Entwicklung im Stadtteil Kohlscheid : „Der Kreisel kommt, wenn die Tangente kommt!“

Zur zusätzlichen Infoveranstaltung in Sachen Entwicklung Kohlscheids hatte die Stadt geladen. Um den Bürgern nochmal Gelegenheit zu geben, Fragen zu Bebauungsplan und Markttangente zu stellen. Ein Impuls-Referat hielt unter anderen Bernd Noky, Geschäftsführer des Büros für Kommunal- und Regionalplanung (BKR). Den Abend moderierte Jan-Christoph Poßberg. Schüler der Gesamtschule betreuten die Technik.

Den dicken Ordner mit allen Unterlagen für den Förderantrag zum Bau der Markttangente hatte Diplom-Ingenieur Volker Wirtz sicherheitshalber mitgebracht zur zusätzlich angebotenen Infoveranstaltung in Sachen Bebauungsplan II/66A „Kohlscheid Zentrum-Langenberg - Teil A“. Und konnte so im anschließenden Gespräch mit unserer Zeitung schnell und buchstäblich Schwarz auf Weiß nachweisen, dass ein den gesamten Abend über kritisch beäugter Punkt tatsächlich Bestandteil dieses entscheidenden Antrags ist: der Kreisverkehr Südstraße/Kaiserstraße. Mitglieder der Initiative „Kohlscheid 2020“, die ankündigungsgemäß am Eingang eigene Flyer verteilten, hegten daran auch nach zweieinhalbstündiger lebhafter Diskussion erklärtermaßen immer noch Zweifel. Denn ein entscheidendes Grundstück dazu sei noch nicht in trockenen Tüchern.

Unter anderem mit den Worten „Der Kreisel kommt, wenn die Tangente kommt!“ hatte Bürgermeister Christoph von den Driesch dem Auditorium – die Aula der Gesamtschule an der Kircheichstraße war zu Dreiviertel gefüllt – mehrfach versichert, dass die von den Bürgern befürchtete Kreuzung mit Geradeaus- respektive Rechtsfahrgebot an dieser Stelle nur einmal eine „vorübergehende Planung“ gewesen sei. Wohingegen die an die Wand projizierte Planung mit drei Kreisverkehren im Verlauf der Tangente definitiv das sei, was auch der Bezirksregierung vorliege. Eine andere verkehrliche Lösung als ein Kreisverkehr an der Südstraße sei auch nicht im Sinne der Stadt, hatte ebenfalls der Technische Beigeordnete Ragnar Migenda betont. „Wir sind unisono der Meinung, dass der Kreisverkehr gebaut werden muss. Ich sage Ihnen, er wird gebaut“, legte er dar, „in sehr guten Grundstücksverhandlungen“ zu sein: Die, von einem „Kohlscheid 2020“-Mitglied auch an diesem Abend nochmals ins Feld geführten komplizierten Umwege im Alternativfall „will keiner“.

Die geplante Markttangente in Gegenrichtung, Standpunkt kurz vor dem heutigen Sportplatz Langenberg. Rechts ist die gestaffelte Lärmschutzwand zu sehen. Foto: Quelle: Stadt Herzogenrath/rendertaxi architecture.visualisation

„Ja und Nein“

Bringt die Entlastungsstraße nun mehr oder weniger Verkehr nach Kohlscheid, lautete eine der weiteren entscheidenden Fragen. „Ja und nein“, so die Antwort von Migenda. Einerseits werde Kohlscheids Zentrum vom Durchgangsverkehr befreit, diese Verkehre müssten aber irgendwohin, verwies er auf „reine Physik“. Und propagierte nochmals: „Die Tangente ist die Initialzündung für die weitere städtebauliche Entwicklung!“

Was die Bürger zahlen müssten, wenn die Tangente denn komme, war ebenfalls von höchstem Interesse. Vor allem, weil die Initiative „Kohlscheid 2020“ nachdrücklich eine Trasse mit Grundstücksanbindungen fordert. Einerseits, weil die Akteure glauben, so fahrerisches Tempo aus der Sache zu nehmen. Andererseits, weil sie der Überzeugung sind, dass auch eine Straße mit Anbindungen förderfähig wäre, wenn man es denn nur ausreichend begründe. Letzterer Argumentation entgegnete die Verwaltung mit einem eigens angeforderten klärenden Schreiben der Bezirksregierung. Von den Driesch bestätigte, dass es durchaus Ausnahmen von dem "Grundsatz", den die Richtlinien vorgeben, geben könnte. Aber die Bezirksregierung lege für den vorliegenden Fall eindeutig dar, dass, wenn eine Tangente mit Anliegerfunktion gebaut werde, für den Mehrwert die Bürger herangezogen werden müssten. Der Bürgermeister stellte zudem klar: „Wenn es keine Förderung für die Tangente gibt, werden die Pläne eingemottet.“ Denn es sei immer Wille der Politik gewesen, die Tangente nicht zulasten der Anwohner zu bauen. In diesem Zusammenhang wies von den Driesch ebenso wie Migenda darauf hin, dass das entsprechende Förderprogramm in diesem Jahr auslaufe. Wenn bis zur entscheidenden Sitzung mit den Ministeriumsvertretern am 8. November die Vorzeichen nicht stimmten, sei eine entscheidende Chance vertan.

Optisch ausgebremst

Was das Tempo auf der Markttangente angeht, für die der Technische Beigeordnete hoffnungsfroh mit einem vorzeitigen Maßnahmenbeginn noch in diesem Jahr rechnet, so sei seitens der Stadt planerisch alles getan worden, um den Verkehr tempomäßig auszubremsen. Unter anderem sei die von Fördergebern zunächst erheblich breiter angedachte, insgesamt rund 450 Meter lange Trasse nun erheblich schmaler angelegt und zudem mit weiß abgegrenzten roten Radfahrstreifen versehen worden. Im Gegenzug gibt es keine Mittellinie. Überdies gebe es eine Verschwenkung und aufgehäufelte Kreisverkehre, um die Sichtverbindungen zu stören. Gesäumt werden soll die Straße mit Grünstreifen, Buschwerk und Bäumen, um gut hineinzupassen in das neu zu entwickelnde Quartier von „hoher Wohngebietsqualität“. Was hier präsentiert werde, so Migenda, sei eine städtebauliche Struktur, die die kommenden 100 Jahre Bestand haben solle und in einem gewachsenen Kern entsprechend ausgelegt werden müsse.

Was die Bedenken gegenüber eines „Klotzes an Supermarkt“ angehe, den einer der Zuschauer entgegen anderer Aussagen der Verwaltung immer noch am Langenberg befürchtete, verdeutlichte Migenda, dass gemäß der projizierten Pläne dafür gar kein Platz mehr sei: „Das, was am Langenberg bleibt, ist nicht viel.“ Und genieße vorerst auch gar keine Priorität, vielmehr gehe es im Weiteren darum, den Bereich Markt zu entwickeln. „Da muss viel mehr Substanz rein.“ Noch aber fehlten „de facto“ Grundstücke, seien mit einem weiteren Investor Gespräche aufgenommen worden.

Workshop zur Marktentwicklung

Ob es – analog zum Integrierten Handlungskonzept Herzogenrath-Mitte (InHK) – denn auch für Kohlscheid einen Innenstadtmanager gebe, wollte eine weitere Zuschauerin wissen, in großer Sorge vor einer „Verödung“ des Zentrums in ihrem Stadtteil. Von den Driesch erinnerte daran, dass im Jahr 2013, als Vertreter der Bezirksregierung sich vor Ort umgesehen hatten, bei weitem nicht nur über die Tangente gesprochen, sondern das komplette Umfeld in den Blick genommen worden sei. Für das InHK Herzogenrath-Mitte gebe es ein Förderprogramm, für Kohlscheid vielleicht demnächst auch, möglicherweise auch samt Innenstadtmanager, wie er heutzutage in solchen Fällen üblich sei. „Wir aber wollen nicht so lange warten“, warb von den Driesch für ein vorgeschaltetes Workshopverfahren mit allen Beteiligten an einem Tisch – zwecks Brainstorming zur Vermeidung des befürchteten „Trading-down-Effekts“. Und er erinnerte, durchaus mahnend: 30 Jahre lang sei in Kohlscheid nichts passiert, weil es eben unterschiedliche Interessen von Eigentümern und Investoren gegeben habe …

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