Alsdorf: Jürgen Kochs ist Leiter der „Frontkämpfer der Verwaltung“

Alsdorf: Jürgen Kochs ist Leiter der „Frontkämpfer der Verwaltung“

Mit 40 Dienstjahren gehört er zu den „Silbernacken“ in der Alsdorfer Verwaltung, der einiges miterlebt und bewegt hat: Jürgen Kochs. Seit 25 Jahren leitet der 59-Jährige dort das Bürger- und Ordnungsamt.

Im Wochenendinterview spricht der Familienvater dreier erwachsener Kinder und langjähriges Vorstandsmitglied des Traditionsclubs Alemannia Mariadorf über das weitreichende Aufgabengebiet seines Ordnungsamtes, das mehr Aufgaben hat, als „Knöllchen schreiben“. Jürgen Kochs spricht über das Image seines Amtes, das Anforderungsprofil der Mitarbeiter in diesem Fachbereich, über Angsträume in der Stadt, Obdachlose, die sich als Prostituierte herausstellen und „herrenlose Leichen“.

Seit 40 Jahren sind Sie im Verwaltungsdienst, die letzten 25 davon im Ordnungsamt. Hat sich das öffentliche Bild des Ordnungsamtes eigentlich gewandelt?

Kochs: Ich glaube, das hat es. Und zwar zum Positiven. Klar, Beschimpfungen, Bedrohungen und Pöbeleien gibt es immer noch. Aber unsere Arbeit besteht ja nicht nur aus Knöllchen schreiben, was die Leute häufig verärgert.

Wie gehen Ihre Mitarbeiter mit Anfeindungen um? Sind sie speziell geschult?

Kochs: Die haben ein dickes Fell. Aber wenn es ihnen zu viel ist, insbesondere wenn es zu persönlichen Bedrohungen oder Anfeindungen kommt, dann werden auch Strafanzeigen erstattet. Wir sind schließlich nicht das Ventil für aufgestaute Aggressionen. Weil sich das Anforderungsprofil eines Mitarbeiters beim Ordnungsamt in den Jahren ständig gewandelt hat, breiter geworden ist, werden sie natürlich auch geschult und fortgebildet.

Wie wird man eigentlich Teil eines Ordnungsamtes? Sind Ihre Leute alles gescheiterte Polizeibewerber?

Kochs: Nein, überhaupt nicht. Man bewirbt sich für den Verwaltungsdienst. In der Ausbildung durchläuft man verschiedene Fachbereiche, auch das Ordnungsamt. Welche Verwendung man aber nach der Ausbildung findet, hängt vom Bedarf, den Stärken und — soweit machbar — den Neigungen ab. Wir haben hier ein gutes Team, das mein Vorgänger Dieter Heinrichs noch zusammengestellt hat. Die haben hier alle das „Ordnungsamt-Gen“, wurden aber nicht gezielt in der Verwaltung für diesen Fachbereich ausgebildet.

Was zeichnet Mitarbeiter Ihres Fachbereichs besonders aus?

Kochs: Sie haben keine Probleme damit, Dienst zu tun, wenn andere schon Feierabend haben oder im Wochenende sind. Und sie sind sehr teamfähig. Das sagt man zwar häufig, aber hier stimmt das tatsächlich.

Darf man Ihre Leute als „Frontkämpfer der Verwaltung“ bezeichnen?

Kochs: Ja, das darf man.

Knöllchen und das Überprüfen der Einhaltung von Gesetzesvorgaben gehören zum Kerngeschäft eines Ordnungsamtes. Das fällt den Bürgern — zumeist negativ — auf.

Kochs: Dieses sogenannte Knöllchenschreiben ist ein Teil unserer Arbeit. Früher machten das die Politessen, heute unser Präsenzdienst. Aber dieser hat heute ein weitaus größeres Aufgabengebiet. Da braucht es ein breites Wissen. Unsere Mitarbeiter sind ständig gefordert, auch wenn zum Beispiel Jugendliche Krawall machen. Wir sind in den Abend- und Nachtstunden im Einsatz, am Wochenende. Dann sind wir auch an wirklich ungemütlichen Orten unterwegs, häufig auch im Rahmen der Ordnungspartnerschaft mit der Polizei. Sicher ist es so, dass dieser Arbeitsbereich, den wir erledigen, von den Bürgern häufig nicht entsprechend wahrgenommen wird.

Lassen wir das Thema Knöllchen mal endgültig bei Seite. Was kann das Ordnungsamt als „Freund und Helfer“ für mich tun?

Kochs: Wir kümmern uns um viele tausend Kleinigkeiten und gehen den Dingen nach — oft auch unbürokratisch und möglichst zeitnah. Etwa wenn der Nachbar die Mitbewohner tyrannisiert, bei Ruhestörung, bei illegaler Müllentsorgung, wir gehen Verstößen gegen das Landeshundegesetz nach — von der Haltung der Tiere bis zur Belästigung durch lautes Bellen. Kümmern uns um herrenlose Leichen . . .

Was sind denn herrenlose Leichen?

Kochs: Wenn Tote aufgefunden werden und die Bestattung ist nicht geregelt, dann versuchen wir die Angehörigen ausfindig zu machen und sorgen dafür, dass diese ein Begräbnis organisieren. Diese Toten heißen in der Verwaltungssprache „herrenlose Leichen“. Das ist kein schöner Begriff, aber so werden sie nun mal genannt.

Die Medien — auch wir als Tageszeitung — berichten über zunehmende Übergriffe, Raubüberfälle in den Städten. Spüren Sie eine neue Angst in der Bevölkerung?

Kochs: Man muss leider sagen, dass ein Anstieg solcher Fälle überall zu verzeichnen ist. Das ist kein Alsdorfer Problem. Aachen ist ja in letzter Zeit in den Fokus geraten. Dort wird jetzt in den Abendstunden, besonders am Wochenende, mehr Polizei eingesetzt. In Alsdorf kann ich nicht feststellen, dass wir es mit einer neuen Angstkultur bei den Bürgern zu tun haben . . .

. . . was auch mit der Arbeit des Ordnungsamtes zu tun hat?

Kochs: Ich erinnere mich noch an eine Befragung der Alsdorfer Bürger vor ein paar Jahren. Da wurde etwa der Denkmalplatz als „Angstraum“ ausgemacht. Wir zeigen deutlich mehr Präsenz an solchen Orten und Plätzen, um den Bürgern diese Angst zu nehmen. Ich denke, das funktioniert auch ganz gut.

Aber Bedrohungssituationen sind häufig nicht rational zu erklären. Haben Sie in Ihrer Laufbahn einer Situation gegenüber gestanden, die sie nur schwer verdauen konnten?

Kochs: Es gab einmal in der Vergangenheit einen Fall, da bewegte sich jemand in einer Art Grauzone. Ein Randalierer, der nicht locker ließ und immer wieder großen Schaden in städtischen Einrichtungen, aber auch an Privateigentum angerichtet hatte. Das dauerte über zwei Jahre, bis er wirklich dingfest gemacht werden konnte. Es hat mich damals erschreckt, wie hilflos auch die Gesetzgebung manchmal ist gegen solche Personen.

Aber Sie haben doch sicherlich auch Amüsantes in den letzten 25 Jahren erlebt.

Kochs: Vor einigen Jahren mussten wir einmal eine obdachlose Frau notgedrungen in einem Alsdorfer Hotel unterbringen. Wie sich nachher herausstellte, ging die Dame der Prostitution nach. Die wohl von ihr über ihren neuen Aufenthaltsort benachrichtigten Freier haben dann nachts versucht, über die Dachrinne in ihr Zimmer zu gelangen. Das war dann auch das letzte Mal, dass wir in diesem Hotel Obdachlose unterbringen durften . . .

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