Würselen: Jazzpianistin Marialy Pacheco begeistert auf Burg Wilhelmstein

Würselen : Jazzpianistin Marialy Pacheco begeistert auf Burg Wilhelmstein

Warum ist sie so besonders? Es ist dieses glückliche Strahlen, die große Liebe zur Musik, zu den Menschen, für die Marialy Pacheco spielt, zu den Mitstreitern auf der Bühne. Die kubanische Pianistin, Jahrgang 1983, beim Sommerfestival auf Burg Wilhelmstein.

Vom ersten Moment an nimmt sie das Publikum mit in ihre Welt — stolz auf ihr Können, technisch perfekt, niemals eitel, häufig völlig versunken, zutiefst inspiriert. Klar vermittelt sie ihren Begriff von Klang, Rhythmus und Improvisation. Da fliegen die schlanken Hände über die Tasten, baut sich ein Motiv nahezu mühelos größer und größer auf, wird zur bunten, dramatischen, manchmal schmerzlichen Geschichte, um in den nächsten Momenten wieder zurückzukehren — in die Hände einer Virtuosin, die auf solche Punktlandungen spezialisiert ist.

Im Duett hochkonzentriert und in der Musik versunken: Jazzpianistin Marialy Pacheco und Jazztrompeter Joo Kraus beim Auftritt auf der Freilichtbühne von Burg Wilhelmstein. Fotos. Sigi Malinowski. Foto: Sigi Malinowski

Atemlos lauschen die Zuhörer, schauen ihr fasziniert zu, applaudieren spontan und erweisen sich als verständiges Jazzpublikum. Inzwischen lebt Marialy Pacheco, die zahlreiche wichtige Jazz-Awards abgeräumt hat, in Deutschland — zuerst in Bremen, nun in Dortmund. So kann sie ihr Bühnenprogramm auf Deutsch moderieren, herzlich, unaufdringlich. Sie kommuniziert aber lieber über die Tasten ihres Klaviers.

Die klassisch-strenge Ausbildung ist für sie ein Schatz, aus dem sie für den Jazz schöpft. Nach wirbelnden Exkursen findet sie häufig mit diesem Klassik-Repertoire in die Ruhe zurück, schenkt der Melodie Klarheit und eine Aussicht auf neue Höhenflüge. „Duets“ ist der Titel ihres neuen, 2017 erschienenen Albums. Und in musikalischen Zweisamkeiten ist sie richtig gut, blüht auf, motiviert ihr jeweiliges Gegenüber durch Antwort oder Schweigen. Fest ist der Blick auf den anderen gerichtet, hochkonzentriert, unausgesprochen spürt man ein: „Großartig, mach weiter so!“

Etwa bei Joo Kraus, dem renommierten Jazz-Trompeter aus Ulm (zusammen mit dem Bassisten Hellmut Hattler gründete er Tab Two), ein Ausnahmekünstler, der sich nicht auf sein Instrument beschränkt. Er ist Spezialist der kleinen feinen Geräusche, eine „Würze“, die Marialy Pachecos Part zu steigern versteht. „Metro“, der Traum von einer U-Bahn in Havanna, ist ein Stück, das die beiden verbindet, das sie immer wieder neu erfinden. Die Ausnahme-Pianistin und der Poet mit der Trompete.

Und dann kommt Olvido Ruiz auf die Bühne. Die junge kubanische Sängerin im weißen Kleid bringt sinnlichen Hüftschwung und eine wunderbar warme, starke Stimme ins Spiel. „Nostalgias“ geht tief hinein ins Gefühl, weckt Bilder einer Kindheit in den pastelligen Farben Kubas, oder „Drume Negrita“, ein Schlaflied, bei dem das Kind — man versteht es — nicht ans Schlafen denkt. Zusammen mit Marialy Pacheco kommt gemeinsame Heimat ins Spiel, da fließen sogar ein paar Tränen der Rührung.

Geschickte Dramaturgie

Es gibt keine Pause, das spürt man nicht, das möchte man gar nicht, denn es wäre schade, etwas zu unterbrechen, das sich so intensiv entwickelt hat. Marialy Pacheco nutzt eine geschickte Dramaturgie, wechselt von der solistischen Virtuosität zum spannenden Dialog, lässt Raum für Fantasien — auf der Bühne und im Publikum. Technik und Spielkultur erscheinen bei ihr unbeschwert, völlig selbstverständlich.

Dabei ist all das hart erarbeitet. Das sorgt für Sympathie und Freude bei den Mitstreitern — etwa bei dem in Köln lebenden Marokkaner Rhani Krija, der seinen Urlaub unterbricht, um zur Burg Wilhelmstein zu kommen. Auch er strahlt, residiert eindrucksvoll hinter seinen Percussions, ein Musiker von Weltrang, einer, auf den Künstler wie Sting und Wolfgang Niedecken oder Charlie Mariano nicht verzichten wollten.

Rhani Krijan bringt das Flair seines Landes mit. Geboren in Essaouira, aufgewachsen mit der Gnawa-Kultur, deren afrikanisch geprägte Besonderheiten, speziell in der Rhythmik, von Jazz-Musikern gern adaptiert werden, sorgt er für schillernde Akzente im Konzert. Marialy Pacheco überlässt ihm kurzfristig das Feld, dann umschlingen sich ihrer beider melodische Linien — ein neuer Klangteppich wird ausgerollt. Euphorischer Applaus, ein Stück mit allen Musikern, zum Schluss noch eine ausgewählte Zugabe, die wie eine Signatur wirkt: Marialy Pacheco.

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