Interview mit Schulleiter des Würselener Gymnasiums

Interview mit Schulleiter Frank M. Becker : „Herausforderung als Chance sehen“

Die Schullandschaft in Würselen, die Sanierung des Standorts, Wiedereinführung von G9, Erasmus und Digitalisierung, das sind unter anderem die Themen, zu denen der neue Schulleiter des Würselener Gymnasiums, Frank M. Becker, im Interview mit Markus Roß Stellung nimmt.

Herr Becker, Sie wurden jetzt zum neuen Schulleiter des Gymnasiums der Stadt Würselen bestellt. Damit übernehmen Sie eine sicherlich sehr spannende Aufgabe mit besonderen Herausforderungen für diese mit rund 800 Schülerinnen und Schülern sowie 90 Lehrkräften größte Würselener Schule. Vor ihnen liegt ein großes Aufgabenpaket. Was wollen Sie als Erstes anpacken?

Becker: Wir sind personell durch Krankheiten, nicht besetzte Funktionsstellen im ersten Jahr meiner Verantwortlichkeit noch nicht vollständig besetzt, was es ein wenig schwierig macht, große Projekte aufzurufen. Hier ist es wichtig, die von außen gestellten Anforderungen, die aus der Umstellung auf G9 erwachsen, adäquat anzugehen und natürlich werden erste „Duftmarken“ meinerseits gesetzt, da ein Schulleitungswechsel immer eine Zäsur darstellt, die auch mit gegebenenfalls modifizierten Akzentuierungen einhergehen sollte. Denn auch eine gute Schule wie unsere bietet noch Optimierungsmöglichkeiten und muss sich selbst immer wieder evaluieren und hierzu gilt es Strukturen anzupassen beziehungsweise zu schaffen.

Thema Digitalisierung. Wie ist das Gymnasium hier aufgestellt und wo gibt’s Ihrer Meinung noch Handlungsbedarf?

Becker: Wir sind in dieser Hinsicht aus meiner Sicht sehr gut aufgestellt. Wir sind als Referenzschule für das Projekt Zukunftsschule NRW für die Netzwerkarbeit im Sinne individueller Förderung mit unserem iPad-Projekt und unseren iPad-Klassen in der Lage den Anforderungen der zunehmenden Digitalisierung in unserer Gesellschaft in ein modernes Pädagogisches Medienkonzept zu integrieren. Mit schulinternen Fortbildungen und Kolleginnen und Kollegen, die Schulen extern beraten, haben wir eine hohe Sachkompetenz im Hause, die Unterricht mit dem Anspruch, Digitalisierung und Unterrichtsentwicklung in der Schule zu kombinieren, gerecht werden kann.

Die Schullandschaft ist in Würselen gerade im Umbruch, die neue Gesamtschule an der Krottstraße soll im Sommer 2019 bezogen werden. Welche Chancen und Möglichkeiten ergaben sich hierdurch für das Gymnasium?

Becker: Ich sehe das als Chance und Risiko. Durch die ausgelaufene Haupt- und auslaufende Realschule ist ein verändertes Angebot im Entstehen beziehungsweise geschaffen worden, was einige Veränderungen nach sich zieht. Dies bedeutet, dass in der Summe aus meiner Sicht für städtische Schulen ein vermindertes Platzangebot, da nur noch zwei vierzügig ausgelegte weiterführende Schulen zur Verfügung stehen neben dem Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft. Andererseits ist mit der sich im Aufbau befindlichen Gesamtschule ein modernes pädagogisches Konzept an den Start gegangen, das die gute Arbeit der aus-laufenden Schule in veränderter Form und modifiziertem Auftrag zum Wohle der Würselener Schülerinnen und Schüler zusammen mit unserem Gymnasium weiterführt. Hierbei hat sich unser Gymnasium mit dem klaren gymnasialen Bildungsauftrag und der zusätzlich prämierten Studien- und Berufsberatung den Zeichen der Zeit folgend gut aufgestellt. Mit der Gesamtschule bietet sich perspektivisch die Möglichkeit zur Kooperation in der Oberstufe aber auch eine Konkurrenzsituation im Bildungsangebot, das zur Optimierung der Bemühungen für einen guten Übergang aus den Grundschule mit perspektivisch wachsenden Schülerzahlen in die weiterführenden Schulen bietet. Sorge machen mir die Abgänge in die benachbarten Teile der Städteregion und nach Aachen. Um diese Schülerinnen und Schüler müssen wir gemeinsam kämpfen.

Die unbedingt notwendige Sanierung des Gymnasiums soll im nächsten Jahr beginnen. Wie ist hier der Zeitplan?

Becker: Unser Zeitplan hatte vor einigen Jahren eingesetzt; wir warten schon sehr lange auf die unbedingt nötige Sanierung, um als Schule, die sich innerlich, also konzeptionell, gut und modern aufstellt, auch äußerlich die Rahmenbedingungen für einen Unterricht im 21.Jahrhundert aus baulich-räumlicher Sicht erhält. Den Zeitplan erfragen Sie am besten bei der Stadt Würselen, unserem Schulträger.

Wie ist gewährleistet, dass durch diese Baumaßnahmen nicht der Schulunterricht leidet?

Wir werden voraussichtlich nicht im laufenden Betrieb saniert, sondern für einen mir nicht bekannten Zeitrahmen – so sehe ich das – auf zwei externe schulische Standorte verteilt, so dass der eigentliche Unterricht nicht negativ beeinträchtigt werden wird. Organisatorisch werden da sicher zeitweise höhere Anforderungen an uns gestellt.

Spannend ist auch die Wiedereinführung von G9, die Schulzeit wird wieder um ein Jahr verlängert. Wie wird diese Herausforderung gestemmt?

Die Herausforderung ist eher als Chance zu sehen, die uns bisher mitgeteilten Veränderungen und Vorgaben in ein schlüssiges Programm umzusetzen. Die verändertes Stundentafel für die Klassen 5 und 6 im nächsten Schuljahr bieten die Möglichkeit den Ganztag neu zu denken, da die folgenden Jahre uns wieder eine Mittelstufe bis Klasse 10 bringen werden und die Sekundarstufe Hieraus ergeben sich aber auch veränderte Anforderungen an die Anzahl der Räume und Sportmöglichkeiten und Ressourcen im technischen und personellen Bereich.

Die Themen Schüleraustausch mit Unterstützung des EU-Projektes „Erasmus+“ liegen Ihnen sehr am Herzen. Wie werden diese Möglichkeiten von den Schülerinnen und Schülern angenommen?

Ich war nach meiner Tätigkeit als Lehrkraft in Berlin neun Jahre im Auslandschuldienst im flämischen Teil Belgiens an einer Europäischen Schule (ES Mol). Hier habe ich die Bedeutung des Europäischen Gedankens im schulischen Umfeld par excellence kennengelernt. Dort wurde er gelebt. Ich bin der Meinung, dass eine moderne Schule im europäischen Bereich neben der Förderung der Sprachkompetenz alles unternehmen muss, um den Gedanken zunehmendem Nationalismus und einem Auseinanderdriften der Staaten entgegenzuwirken. Die Kenntnis anderer Nationen, ihrer Besonderheiten ist ein wichtiges Gut und der Austausch von Ideen und Meinungen stärkt unsere Jugendlichen und fördert das Verständnis. Und wer sich versteht, der braucht den anderen nicht zu bekämpfen. Hierfür eine Chance zu bieten im schulischen Umfeld, z.B. durch unser Erasmus+-Projekt muss unser Beitrag in der Bildungs- und Erziehungsarbeit sein. Es ist aber anzumerken, dass das derzeit an unserer Schule laufende Projekt unseren Lehrkräften aufgrund seiner multiperspektivischen Ausrichtung viel abverlangt, aber auch viel bringt.

(ro)