Interview mit Bettina Böttinger zum Thema ihrer Sendung aus Alsdorf

Interview mit Bettina Böttinger : „Ich schalte auch selten ab“

Bettina Böttinger kommt mit ihrer Sendung „Ihre Meinung“ nach Alsdorf, um über Stress und Arbeitsbelastung zu diskutieren.

„Arbeitsstress, Überstunden, Zeitdruck“ – die meisten Menschen haben damit im Job bereits Erfahrungen gesammelt, immer mehr leiden unter den gesundheitlichen Folgen. Die Arbeitswelt entwickelt sich rasant, befeuert durch Globalisierung und Digitalisierung. Für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer wird es schwieriger, Schritt zu halten.

In der Fernsehsendung „Ihre Meinung“, die am 21. Februar live aus dem Energeticon in Alsdorf im WDR übertragen wird, können die Zuschauer mit Experten über ihren Arbeitsalltag, Belastung und Stress diskutieren. Im Vorfeld der Sendung hat sich unser Redakteur Thomas Vogel mit Fernsehmoderatorin Bettina Böttinger über ihre Sendung unterhalten und darüber, was sie gegen zu viel Stress unternimmt.

Wir unterhalten uns am Telefon über Ihre Sendung in Alsdorf und sitzen nicht bei einem Kaffee zusammen, dafür hätten wir beide im Zweifel auch gar keine Zeit. Sind Sie im Stress, Frau Böttinger?

Böttinger: Ehrlich gesagt: ja. (lacht) Ich hatte gestern eine Produktion in Mannheim, bin heute und morgen am Schreibtisch, um mich auf den Kölner Treff vorzubereiten und habe jetzt natürlich die Sendung „Ihre Meinung“ und das Thema „Arbeit“ im Kopf. Eine Mehrfachbelastung, aber selbst gewählt.

Damit sind Sie ja schon perfekt auf das Thema der Sendung eingestellt. Warum möchten Sie mit den Zuschauern gerade über Stress und Arbeitsbelastung diskutieren?

Böttinger: Weil es immer ein Thema ist, wie unsere Arbeit sich verändert. Weil es neue Studien gibt, unter anderem eine von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund, die sagen, dass die Menschen im Grunde genommen alle etwas weniger arbeiten wollen, dafür aber etwas sinnvoller, wenn es denn finanziell möglich ist. Sehr viele Menschen leiden unter Arbeitsstress, weil sich unsere Arbeitswelt gerade massiv verändert. Stichwörter sind Globalisierung und Digitalisierung. Insofern ist es ein Thema, das uns allen unter den Nägeln brennt.

Würden Sie selbst denn Ihre Arbeitszeit auch gerne etwas reduzieren?

Böttinger: Ich glaube, ich bin da eine Ausnahme, weil ich zu einer besonderen Spezies von Mensch gehöre, die sehr gerne sehr viel arbeitet, um nicht zu sagen Workaholic ist. Stress kann ja auch ein Suchtfaktor sein. Ich habe natürlich auch eine sehr tolle Arbeit und eine meistens sehr selbstbestimmte. Und eine Arbeit, das darf man nicht vergessen, für die ich sehr viel mehr Lob bekomme, als die meisten anderen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.

Und das ist ein wesentlicher Faktor: die Arbeitszufriedenheit ...

Böttinger: Das ist so. Wenn so viele Menschen sich Flexibilität wünschen, dann meinen sie natürlich auch ein gutes Arbeitsklima. Das ist total entscheidend. Zum Beispiel Leute, die im kaufmännischen Bereich tätig sind – wenn die sowohl vom Chef als auch von den Kunden Druck bekommen, dann ist das ein großer Stressfaktor. Ich habe zwar auch Stress, in den allermeisten Fällen ist der aber positiv besetzt. Klar bin ich vor einer Sendung auch mal nervös, oder es ist mal wieder ein bisschen viel, weil ich nicht Nein sagen konnte und weil ich ehrenamtlich sehr viel nebenbei mache. Allerdings ist es für mich immer absehbar und ich kann es selbst bestimmen. Das können sehr viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, aber auch viele Arbeitgeber, die zum Beispiel einen kleinen Laden haben, eben nicht so gut.

Auch für einen Workaholic gilt aber sicher: Zeitdruck ist Stress ist eine Gesundheitsgefahr. Wie achten Sie selbst darauf, dass es nicht zu viel wird?

Böttinger: Zu wenig. (lacht) Nein, ich führe glaube ich ein ganz gutes Leben, lebe in einer festen Beziehung, hab’ einen guten Wohnsitz, treibe Sport. Ich versuche darauf zu achten, dass ich ein sehr gesundes Leben führe und nicht in einem Dauerstress-Modus bin, in dem ich keine Freude habe. Denn das kann ich an mir selbst auch feststellen: Wenn ich keine Lücke mehr habe, keine Zeit zur Entspannung, dann führt das irgendwann zu einer Verspannung. Genau das erleben aber sehr, sehr viele Menschen. Ich komme aber noch einmal kurz auf die Arbeitszeit zurück: Meine Arbeitswoche ist wie gesagt sehr lang, aber selbst gewählt. Ich finde interessant, dass jeder zweite Deutsche die Wochenarbeitszeit gerne um vier Stunden reduzieren würde. Das ist auch ein Ergebnis der Studie. Kein Mensch kann sich wirklich acht, achteinhalb Stunden konzentrieren. In Skandinavien gibt es einen 6-Stunden-Tag, und die verringerte Arbeitszeit hat dort, wo es sie gibt, zur Produktivitätssteigerung geführt.

Haben Sie dieses Modell bei sich in der Redaktion schon einmal ausprobiert?

Böttinger: Ich hüte mich. (lacht) Nein, im Ernst: In meiner Firma leidet glaube ich niemand unter zu viel Stress. Wir haben, im Gegensatz zu vielen anderen, wenig Überstunden. Da achte ich auch selber drauf. Ich habe als Arbeitgeberin ja auch eine Schutzpflicht. Wir haben Hörfunk- und Fernsehtrailer für die Sendung schon geschaltet und viele Reaktionen bekommen von Menschen, die beispielsweise alleinerziehend sind und zu wenig Möglichkeiten haben, von sich aus flexibel ihr Arbeitsleben zu gestalten. Arbeitgeber verstehen Flexibilität natürlich so, dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer möglichst immer zu erreichen sind. Die arbeitende Bevölkerung kämpft derweil darum, möglichst nicht immer erreichbar zu sein.

Da gibt es in Deutschland die Anfänge einer Gegenbewegung. Die Großen machen’s vor: Volkswagen zum Beispiel stellt nach Feierabend keine E-Mails mehr durch, BMW notiert für Mailverkehr nach Feierabend sogar Überstunden – glauben Sie, das ist der richtige Weg, um Arbeitnehmer vor einem „zu viel“ zu schützen?

Böttinger: Ja. Die Verführung ist mittlerweile groß, immer mal wieder auf Laptop, Tablet oder Smartphone nachzuschauen, wo alles zusammenläuft. Das erlebe ich bei mir auch, obwohl ich dazu nicht gezwungen bin, aber ich schalte da auch selten ab. Das ist oft selbst gewählt, weil man den Druck spürt und ihn mit nach Hause nimmt.

Das heißt, Ihr Handy bleibt abends nicht stumm?

Böttinger: Nee, das ist abends mein letzter Blick und morgens mein erster, wenn ich ganz ehrlich bin.

Glauben Sie nicht, dass die breite Debatte über Arbeitsbelastung und Stress – Stichwort Burnout – auch benutzt wird, um mal krank zu feiern? Als Ausrede, um weniger arbeiten zu müssen?

Böttinger: Das mag in Einzelfällen tatsächlich so sein. Auf die gesamte Arbeitswelt bezogen glaube ich es ehrlich gesagt aber nicht. Es ist einfach ein Phänomen, das sich zu einem großen Problem entwickelt hat. Und man darf auch eines nicht vergessen: Wenn wir von Stress reden, sprechen wir nicht unbedingt von top bezahlten Arbeitsplätzen, sondern vor allen Dingen von den Leuten, die kaum über die Runden kommen. Wir haben ja auch den neuen Begriff der „Working poor“, also Erwerbstätigen, die zwar einen Job haben, damit aber nicht über die Runden kommen und sich dann einen zweiten Job suchen müssen. In Deutschland haben 3,4 Millionen Menschen mehr als einen Job, und diese Zahl steigt jedes Jahr. Die Lebenshaltungskosten steigen weiter, die Mieten steigen weiter, die Belastungen steigen weiter und ich persönlich glaube, dass es heute schwieriger ist, seinen Lebensstandard zu halten, als noch vor 20 Jahren.

In Alsdorf sind Sie mit Ihrer Sendung im Energeticon zu Gast auf einem ehemaligen Zechengelände, wo einst Kumpel malocht haben – das ist ja eine sehr passende Location für das Thema der Sendung. Haben Sie diesen Ort gesucht und gefunden, oder ist das Zufall?

Böttinger: In die Auswahl des Ortes war ich nicht involviert. Das macht die Redaktion vom WDR, das macht Michael Heussen. Ich war noch nie in Alsdorf aber ich finde es gut, dass wir jetzt seit knapp einem Jahr rausgehen mit der Sendung, zu den Menschen und damit auch signalisieren: „Leute, wir sind vor Ort. Wir wollen das erleben und fühlen und hören, was euch durch den Kopf geht, wie es euch geht.“ Für mich als Frau, die durch die Sendung führt und diese Begegnungen leitet, ist das wirklich eine sehr spannende Angelegenheit.

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