Nordkreis: Insolvenzberater fordern: Nach drei Jahren wieder schuldenfrei

Nordkreis : Insolvenzberater fordern: Nach drei Jahren wieder schuldenfrei

Eines haben Herr B., Frau S. und Herr M. aus Alsdorf gemeinsam: Sie alle haben in der Vergangenheit Schulden gemacht. Schulden, die sie nicht mehr unter Kontrolle bekamen. Eine weitere Gemeinsamkeit: Sie alle haben einen Antrag auf Insolvenz gestellt, auf Privat- oder Verbraucherinsolvenz.

Privatpersonen können auf diese Weise Schulden, die sie ansonsten kaum noch abbauen, innerhalb von sechs Jahren — in verkürzten Verfahren in fünf oder sogar nur drei Jahren — loswerden und damit „schneller eine zweite Chance bekommen“, wie Ulrike Ermert, Schuldner- und Insolvenzberaterin der Verbraucherzentrale in Alsdorf, sagt.

Allerdings gibt es aus Sicht der Expertin ein massives Problem mit den Privatinsolvenzen: die regulären dauern zu lange und die Voraussetzungen für die verkürzten könne kaum jemand — das ist die Erfahrung in der Alsdorfer Beratungsstelle wie bundesweit — erfüllen.

Die Verkürzung von sechs auf drei Jahre hat eigentlich nur Vorteile, sagt Ermert und erläutert: „Den Gläubigern entsteht dadurch kein Nachteil, aber die Schuldner haben einen massiven Vorteil, nämlich schneller wieder schuldenfrei zu sein.“ Damit gebe es eine viel bessere Chance, wieder Zugang zum ersten Arbeitsmarkt zu finden, die Arbeitsmotivation des Schuldners bleibe erhalten und es bedeute Stabilität für überschuldete Familien, die zum Beispiel endlich eine Wohnung in akzeptablen Zustand suchen könnten, die sie auch selbst bezahlen können. Außerdem sei es volkswirtschaftlich sinnvoll, weil weniger Kosten entstünden.

„In etlichen europäischen Ländern ist ein kürzeres Verfahren längst Standard“, sagt Torsten Wendt, Kollege von Ermert und wie sie Schuldner- und Insolvenzberater. Und in Deutschland? Eigentlich sollten, so der Plan nach Einführung des verkürzten Verfahrens 2014, mindestens 15 Prozent aller Fälle davon profitieren. Eine kürzlich durchgeführte Evaluation habe jedoch gezeigt, dass nicht einmal ein Prozent aller Ratsuchenden wirklich dafür in Frage kommt, berichtet Wendt.

Auch Herr B., Frau S. und Herr M. aus Alsdorf nicht. Und das, obwohl in B.s Fall von den sieben Gläubigern nicht mal ein einziger seine Forderungen angemeldet hatte. Damit war eine von zwei Voraussetzungen für das verkürzte Verfahren aus den Füßen, nämlich 35 Prozent der angemeldeten Forderungen zu tilgen. Die zweite Bedingung ist, die Verfahrenskosten zahlen zu können. In B.s Fall schlanke 1712 Euro. Ganz schön viel für jemanden, der keine pfändbaren Einkünfte hat und Sozialleistungen bezieht. Oder anders ausgedrückt: B. hatte keine Chance, mal eben 1712 Euro Verfahrenskosten auf den Tisch zu legen.

„Sozialmoralische Gründe“

Die Verbraucherzentrale berät nur Menschen, die einen Gutschein für eine Schuldnerberatung entweder vom Jobcenter, vom Sozialamt oder von der Bundesagentur für Arbeit bekommen haben — also Bezieher von Arbeitslosengeld, Grundsicherung oder Sozialhilfe. In Alsdorf waren es im vergangenen Jahr 689 Kurzberatungen, 636 Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatungen. Davon empfingen 77,6 Prozent Leistungen nach dem SGB II.

Wenn also das verkürzte Verfahren keine Nachteile mit sich bringt, Vorteile aber wohl, wenn es in vielen Ländern bereits Standard ist und auch noch günstiger, warum wird das verkürzte Verfahren dann nicht zum Standardverfahren auch in Deutschland — so, wie es die beiden Berater Ermert und Wendt in Alsdorf fordern? „Sozialmoralische Gründe“, antwortet Ermert, und Wendt schiebt hinterher: „Es wird erwartet, dass der Schuldner alles offenlegt, dass er sich redlich verhält, dass er Reue zeigt.“ Dafür sind drei Jahre offenbar nicht genug Zeit.

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