Nordkreis: Inklusives Lernen: Großer Mehrwert für jeden in der Klasse

Nordkreis: Inklusives Lernen: Großer Mehrwert für jeden in der Klasse

Simon öffnet sein Schreibmäppchen und nimmt jeden Stift genau in Augenschein. Schließlich entscheidet er sich für ein kräftiges Rot, zieht den Faserschreiber heraus und verschließt die Mappe wieder sorgfältig. Jetzt kann er loslegen.

Symbole aus einem englischen Kinderlied soll er auf ein Blatt malen. Den Text versteht er noch nicht ganz, doch Malen macht Spaß, und seine Klassenkameradinnen erklären ihm gerne, wovon der Song handelt. Eine Aufforderung brauchen sie dazu nicht, jemandem zu helfen, ist selbstverständlich für sie und unterstützt in diesem Fall auch noch den eigenen Lernprozess.

In der Bärenklasse der grundsätzlich altersgemischten Grundschule Pannesheide herrscht reges Treiben, dennoch ist der Geräuschpegel kaum höher als in normalem Frontalunterricht. Denn alle konzentrieren sich und schaffen ihre Arbeitsblätter schließlich spielend, bevor sich die Klasse im Kreis zusammensetzt und das neu gelernte Lied nochmals intoniert. Simon beobachtet dabei genau, was die anderen machen, klatscht im Takt in die Hände, hebt und senkt die Arme und winkt begeistert. Es ist offensichtlich: Hier fühlt er sich wohl und lernt jeden Tag so viel Neues.

22 Kinder mit Förderbedarf

Was die rot-grüne Landesregierung durch ein bis November zu verabschiedendes Gesetz auf schrittweisen Rechtsanspruch voranbringen möchte, wird in Pannesheide schon gelebt: Inklusion. „Seit 1995 nehmen wir Kinder mit Einschränkungen auf“, sagt Rektorin Monika Wallbrecht. Zurzeit lernen 176 Schüler in Pannesheide, die Hälfte kommt wegen des städteregionsweiten Elterninteresses von außerhalb. 22 Kinder haben Förderbedarf. Dem stehen zehn Grundschullehrer, zwei Sonderpädagoginnen, eine Schulsozialarbeiterin, eine Lehramtsreferendarin und sechs Schulbegleitungen gegenüber. Denn sechs Kinder haben zusätzlichen Betreuungsbedarf im Unterricht, aber auch bei Toilettengängen und Ähnlichem. Zwei Kinder kommen aus dem autistischen Spektrum. „Kleinste Veränderungen können für sie zum Problem werden. Die Schulbegleiterin trainiert mit ihnen angemessene Reaktionen“, erläutert Wallbrecht. Natürlich ist diese auf diverse Schülerbedarfe zugeschnittene Arbeitsweise mit höherem Aufwand verbunden. „Erheblich größere Absprachen im Team sind nötig“, sagt Wallbrecht. „Aber das macht auch Spaß.“ Und: „Durch die intensive Beschäftigung mit jedem einzelnen Schüler lernt sie jeder Lehrer auch besser kennen, weiß bei jedem, wo er steht.“

Je größer der „Lernpool“, so das reformpädagogische Credo, umso größer ist der Anreiz für jeden Einzelnen, Wissen aufzunehmen. Im Gegensatz zum Frontalunterricht sollen Lehrer hier vornehmlich Impulse geben. Der kindliche Wissensdurst sorgt für den Rest. Wallbrecht: „Ich öffne so einen Brainpool, den ich nicht mehr stoppen kann.“ Die Ergebnisse der Pannesheider „Kid‘s Uni“ etwa sind beredtes Zeugnis: Jeder Viertklässler muss eine Abschlussarbeit vorlegen, im Zuge der regelmäßigen „Infotheken“ kann überdies jeder zu einem selbst gewählten Thema referieren. Womit sich die kleinen Experten beschäftigen und was sie herausfinden, ist erstaunlich. Längst haben die Arbeiten die Form wissenschaftlicher Dossiers angenommen — wofür es natürlich auch echte Doktorhüte gibt.

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