In Kohlscheid hat sich der Verein "Kohlscheider Bürger" gegründet

Verein „Kohlscheider Bürger“ gegründet : Damit der Stadtteil lebenswert bleibt

Kohlscheid als Wohn- und Lebensumfeld liegt ihnen am Herzen. So sehr, dass sie jetzt einen Verein gegründet haben, mit dem Ziel, das Flair des Stadtteils zu erhalten. Kleinstädtisch, mit Einzelhändlern und Dienstleistern, Kulturgütern, Denkmälern – und einem „vernünftigen Maß“ an Individualverkehr. Beatrix Oprée hat sich mit der Vorsitzenden Birgit Meyer, ihrem Stellvertreter Dr. Klaus Schillings und Schriftführer Dr. Peter Meyer über die Ziele des Vereins „Kohlscheider Bürger“ unterhalten.

Ist etwa aus „Kohlscheid 2020“ jetzt ein Verein geworden?

Birgit Meyer: Nein, die Idee der Vereinsgründung hatten wir schon vorher und treibt uns schon länger um. Wir hatten vom Verschönerungsverein Klinkheide gehört und uns gedacht, dass man für Kohlscheid etwas Ähnliches haben müsste. Nach längerer Namensdiskussion ist es jetzt der Verein „Kohlscheider Bürger“ geworden.
Klaus Schillings: „Kohlscheid 2020“ ist eine Initiative besorgter Bürger und Geschäftsleute, die sich im Zuge der Diskussion um die Markttangente und den Supermarkt am Langenberg gebildet hatte. Einige Mitglieder unseres Vereins hatten sich auch der Initiative Kohlscheid 2020 angeschlossen. Die Vereinsgründung haben wir parallel und mit etwas anderen Schwerpunkten vorangetrieben.

Und der ursprüngliche Gedanke dahinter?

Birgit Meyer: Unabhängig von der Debatte um die Markttangente war es die Idee, dass Kohlscheid viel Potenzial hat, das endlich genutzt werden sollte. Kohlscheid muss attraktiver, lebendiger, zukunftsfähiger werden. Uns geht es darum, den Weg für einen zeitgemäßen Stadtteil mit zu bereiten. Und wir wollen ein lebenswertes Kohlscheid aus Bürgersicht gestalten – womit wir ein Pendant zum Werbering sein können, in dem sich die Geschäftsleute organisiert haben. Angedacht ist das als gegenseitige Ergänzung.

Wo sehen Sie Potenzial für Kohlscheid?

Birgit Meyer: Kohlscheid hat ein schönes Zentrum, einen attraktiven Marktplatz. Kohlscheid zeichnet sich durch eine sehr gute Lage an der Grenze zu Aachen aus, in der Nähe zu den Naherholungsgebieten Wurmtal und Amstelbachtal und mit einer mit viel Grün durchsetzten Bebauung.
Peter Meyer: Hier gibt es noch vielfältigen Einzelhandel, viele kleine Geschäfte, aber auch innovative Unternehmen, unter anderem im Technologiepark Herzogenrath, mit zahlreichen Arbeitsplätzen, die eine bestimmte Klientel ansprechen.

Und was stört Sie in Ihrem Stadtteil?

Birgit Meyer: Vor allem ist es der Trading-down-Effekt, den man deutlich spürt und den man dringend umdrehen muss, bevor es zu spät ist. Läden schließen, die Schwimmhalle ist zu – und die Verkehrsbelastung steigt. Wir hatten das Gefühl, dass Kohlscheid keine richtige Lobby hat. Das wollen wir ändern.
Peter Meyer: Vor rund zehn Jahren, als wir nach Kohlscheid kamen, war hier eindeutig mehr los. Das hat sich Zug um Zug geändert. Aber wir konnten nicht erkennen, dass hier im großen Stil gegengesteuert wurde.

Wie könnte man das Ihrer Meinung nach denn tun?

Birgit Meyer: Wir sehen, dass es in Aachen immer schwieriger wird, bezahlbaren Wohnraum zu finden oder zu bauen. Kohlscheid ist für junge Familien daher sehr interessant. Und mit der Kaufkraft neuer Einwohner steigt die Chance für eine Modernisierung des ganzen Stadtteils.
Peter Meyer: Nur ein weiterer Supermarkt alleine würde da nicht reichen.
Klaus Schillings: Der eigentlich auch nicht nötig wäre. Wir wünschen uns deswegen ein Gesamtkonzept, das den ganzen Stadtteil betrachtet.

Und auch Alleinstellungsmerkmale haben sollte …

Birgit Meyer: Richtig. Deswegen wäre die Ansiedlung eines Bio-Supermarkts etwa eine gute Idee. So etwas gibt es im ganzen Umfeld nicht. In Kohlscheid gäbe es die passende Klientel, es würden Kunden aus Pannesheide und Herzogenrath angezogen, aber auch über die Stadtgrenze hinweg aus Laurensberg und Richterich. Ideen wie diese sind es, die wir zurzeit sammeln, Anregungen, die unserer Meinung nach das Zentrum nach vorne bringen könnten. Fahrradfreundlichkeit wäre ein weiterer Aspekt.

Was steht bislang noch auf Ihrer Liste?

Birgit Meyer: Bleiben wir beim Thema Einkaufen: Dazu braucht es moderne Konzepte. Einkaufen findet in der Freizeit statt und sollte daher so attraktiv sein, dass es als gute Freizeitgestaltung gewertet wird. Eine Kombination von Einkaufsmöglichkeiten mit Café und Spielmöglichkeiten bietet sich für junge Familien zum Beispiel an. Und viele kleinere Läden im Zentrum, die – mit Blick auf den wöchentlichen Einkauf – der „Vorkassenbereich“ sein können. Wir stehen mit Analyse und Ideensammlung noch am Anfang, wollen die Kohlscheider ermuntern, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Wir möchten Anregungen und Vorschläge sammeln, bündeln und sie bei Politik und Verwaltung einbringen.

Apropos Politik: Herr Dr. Schillings, Sie waren unlängst auch bei der Gründung einer Wählervereinigung dabei, die im Stadtrat bereits mit einer kleinen Fraktion vertreten ist. Da sind Interessenkonflikte programmiert, oder nicht?

Klaus Schillings: Richtig, Interessenkonflikte könnte es geben, muss es aber nicht. Ich sehe da zwei Ebenen: Der Bürgerverein sammelt Ideen für den Stadtteil. Die Politik ist indes stark von Verwaltungsvorgängen bestimmt, mit einer Unmenge an Unterlagen, die es zu sichten gilt. Wir sehen uns als Ergänzung, quasi als Bindeglied zu den Bürgern.
Birgit Meyer: Unser Verein ist auf Kohlscheid konzentriert. Die Parteien hingegen müssen die ganze Stadt im Blick haben. Wir als Vereinsmitglieder können uns den Luxus erlauben, alles durch die Kohlscheider Brille zu sehen.

Ein loser Zusammenschluss wie „Kohlscheid 2020“ hätte doch auch gereicht ...

Peter Meyer: Wir haben schnell gesehen, dass man bestimmte Strukturen braucht. Da ist ein Verein genau richtig. Was wir machen, soll langfristig angelegt sein.
Birgit Meyer: Als Verein kann man ganz anders auftreten, etwa bei Anträgen.

Was sind nun Ihre konkreten weiteren Schritte?

Birgit Meyer: Wir werden jetzt Kontakt zum Werbering und zum Heimatverein aufnehmen und das Gespräch suchen. Und natürlich auch mit „Kohlscheid 2020“ weiter kooperieren. Wir sind gesprächsbereit für jeden, parteipolitisch unabhängig und für alles offen, was unseren Satzungszielen dient.

Man kann natürlich Mitglied werden bei den „Kohlscheider Bürgern“. Was kostet das?

Birgit Meyer: Zehn Euro im Jahr. Wir haben den Beitrag bewusst niedrig gehalten. Uns geht nur darum, laufende Kosten zu decken, etwa für Plakate, Flyer und was sonst so anfällt. Und für unsere Homepage, die demnächst freigeschaltet wird. Natürlich sind auch passive, unterstützende Mitgliedschaften möglich. Willkommen ist aber grundsätzlich jeder, auch, wer nur das Gespräch sucht oder Anregungen geben möchte.
Klaus Schillings: Wir haben lange um die Vereinsgründung gekämpft und schließlich auf die Gemeinnützigkeit verzichtet. Das Finanzamt achtet unter anderem sehr darauf, dass keine politischen Äußerungen getätigt werden oder solche, die so gewertet werden können. Das hätte uns in unserer Arbeit zu sehr eingeschränkt. Wir wollen aber auf die Politik zugehen und insgesamt frei und ohne Beschränkungen aktiv werden können.

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