Herzogenrath: Immer mehr Familien drohen abzustürzen

Herzogenrath: Immer mehr Familien drohen abzustürzen

„Kinder dürfen beim Mitmachen und Dabeisein nicht länger außen vor bleiben, nur weil die Eltern Leistungen der Grundsicherung für Arbeitsuchende oder andere Sozialleistungen erhalten”. So lautet die offizielle Zielvorgabe.

Über ein halbes Jahr ist das Gesetz zur Ermittlung von Regelbedarfen für Bildung und Teilhabe in Kraft, auch „Bildungspaket” genannt.

Mit seiner Verkündigung im Bundesgesetzblatt ist für das Bundesministerium für Arbeit und Soziales „der offizielle Startschuss für bessere Chancen von bedürftigen Kindern in Deutschland” gefallen. Kinder von Eltern, die Arbeitslosengeld II oder Sozialgeld, Sozialhilfe, den Kinderzuschlag oder Wohngeld beziehen, haben nun einen Rechtsanspruch auf Leistungen wie Nachhilfe, Musikschule, Sport oder Klassenausflüge.

Auch das Mittagessen gehört zur Bildung (mit leerem Magen lernt sichs schlecht), falls Kita, Schule oder Hort Mahlzeiten anbieten. Erstattet wird bis auf einen Eigenanteil von einem Euro pro Mahlzeit. Sind Initiativen wie die „Kindermahlzeit”, Hilfsaktion der Tageszeitung, nun überflüssig geworden?

Selbst ein Euro ist zu viel

„Nein”, sagt Monika Jentzen-Stellmach von der Caritas-Familienservicestelle „Moliri”. „Denn immer mehr Familien können selbst den einen Euro pro Essen nicht mehr finanzieren. Wir verzeichnen eine steigende Tendenz an Anträgen, auch an Folgeanträgen.” Die Schuldenproblematik wächst, immer mehr Familien leben von der Hand in den Mund, berichtet Jentzen-Stellmach aus Clearing-Gesprächen, die sie und ihre Kollegin Ivanka Radocaj regelmäßig mit Betroffenen führen.

Da ist etwa eine hochverschuldete achtköpfige Familie, die Kinder sind zwischen 2 und 23 Jahren alt. Der Vater hat sich mit einem Roller-An- und -Verkauf selbstständig gemacht, das Geschäft läuft schleppend. In 50-Euro-Raten werden Schulden, großteils Mietrückstände, abgestottert. Ein Kind leidet an Asthma, das Medikament wird zwar verschrieben, die Pumpe dazu steht aber nicht auf der Liste der erstattungsfähigen Medizinprodukte, neun Euro müssen dafür alle sechs Wochen gezahlt werden.

Ein anderes Kind braucht eine Brille. Geht sie kaputt, fallen die vollen Kosten für Reparatur oder Neuanschaffung an. Unvorhergesehene Ausgaben wie diese bringen immer mehr Familien in Schieflage. Geht dann noch Waschmaschine oder Herd kaputt, müssen die Bremsen am Auto erneuert werden oder fallen Fahrtkosten aufgrund einer medizinischen Behandlung an, erlischt schon bals das Licht am Ende des Tunnels. „Daran wird auch das Gesetz zur Bildung und Teilhabe nichts ändern”, sagt Monika Jentzen-Stellmach.

Der Essenszuschuss zum Eigenanteil der Eltern wird also weiter nötig bleiben. Denn, so lautet das Grundprinzip der „Kindermahlzeit”: Kinder sollen niemals die Leidtragenden sein. Und: Wenn auch der Beitrag zu Sportverein oder Musikschule Bedürftigen nun erstattet wird, so bleiben dennoch die Kosten für die nötigen Fußballschuhe oder das gewünschte Instrument.

Lena Rongen, Leiterin des AWO-Kindergartens in Forensberg, geht aufgrund ihrer Erfahrungen sogar einen Schritt weiter: „Bei aller Konzentration auf diejenigen, die nichts mehr haben, ist der untere Mittelstand völlig aus den Augen verloren worden. Wo nur ein Elternteil arbeitet und die ganze Familie versorgt. Wo mehr und mehr bereits der Urlaub auf Raten gezahlt wird.” Diese Familien müssen alle Ausgaben genau kalkulieren.

Zusätzliche Kurse oder Übermittag-Betreuung in der Kita können schon zu teuer sein: „Gerade auch für Menschen, deren Einkommen knapp über dem Limit liegt, wären „Kindermahlzeit”-Zuschüsse sehr wichtig. Genau diese Familien drohen abzurutschen.” Auch Lena Rongen hat eine wachsende Tendenz zum Schuldenmachen beobachtet: „Man kann sich heute komplett über Raten einrichten. Aber irgendwann zieht sich der Strick zu?”

Und Schulden zählen nicht, wenn es darum geht, Leistungen erstattet zu bekommen. Doch in von Schulden gebeutelten Familien haben die Kinder schnell das Nachsehen. Besonders für sie sei es nötig, für eine vorübergehende Zeit ganztägig im Kindergarten betreut zu werden. Die Kosten dafür können nur Einrichtungen wie die „Kindermahlzeit” übernehmen. Rongen schätzt zudem die persönliche, umfassende und vertrauliche Beratung, die die Familienservicestelle „Moliri” bietet. Oft lassen sich hier noch Spielräume ausloten, die den Familien etwas Luft verschaffen, etwa der Stromspar-Scheck oder Wohngeld.

Nachhaltige „Kindermahlzeit”

Nachhaltig helfen ist ein Grundprinzip der „Kindermahlzeit”. Denn über die pure Mahlzeit hinaus, müssen auch die Eltern in die Lage versetzt werden, eine Familie zu managen, ihren Kindern ein lebenswertes Umfeld zu bieten. „Moliri” hat mit dem Kursangebot „Fit für den Alltag” einen wichtigen Baustein dazu geschaffen: Mütter lernen, sich einen Überblick über die finanziellen Möglichkeiten zu verschaffen und mit wenig Geld viel zu erreichen.

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