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Poetry-Slammer „Bartflüsterer“: Immer auf dem Gedankensprung

Poetry-Slammer „Bartflüsterer“ : Immer auf dem Gedankensprung

Wie Tobias Goerenz es zur NRW-Meisterschaft im Poetry Slam in Aachen geschafft hat, da rätselt er selbst noch. Irgendwie müssen seine Auftritte überzeugt haben, stellt er fest, und lehnt sich in seinem Stuhl zurück.

Wie in seinen Geschichten und Gedichten, so ist es auch in seiner Karriere als Poetry Slammer: Irgendwie kommt immer der nächste Schritt.

Als „Bartflüsterer“ tritt er mittlerweile auf und präsentiert seine Gedankenwelt in einem ihm eigenen Anarcho-Stil. Eine richtige Kategorie ist für ihn schwer zu finden, denn auf der Bühne kombiniert er seine niedergeschriebenen Texte mit improvisierten Beobachtungen und Einfällen. Das kann auch oft so lange dauern, dass er manchmal gar nicht zur geplanten Erzählung kommt in der kurzen Zeit, die Poetry Slammern oft nur zur Verfügung stehen. „Mein Ziel ist es aber immer zum Text zu kommen“, verspricht er und fährt sich kurz durch den prächtigen Bart, der ihm seinen Künstlernamen gibt.

Aber auch hinter diesem Namen steckt eine besondere Geschichte. So stellt er sich vor, wie sich in seinem Bart nicht mehr gebrauchte Gedanken selbstständig machen und ihm Eingebungen bringen. Oder so etwas Ähnliches, seiner Phantasie sind schließlich keine Grenzen gesetzt.

Es war kein gerader Weg in die Szene, Freunde stellten einst auf einer Feier fest: „Hey, du unterhältst die ganze Party!“ Und auch Goerenz meint: „Ich rede einfach gerne lustige Dinge.“ Ohnehin hatte er in seinen zahlreichen Notizbüchern und am Computer schon Kurzgeschichten und kleine Zeichnungen festgehalten, also probierte er sich in der Aachener „Raststätte“ bei einem offenen Abend im Dezember 2016 einfach mal aus.

Seine vielen Ideen und abgedrehten Geschichten sind nicht jedermanns Sache, das stellt er selbst fest. Manche Zuschauer wollen einfach geradlinige Geschichten hören und verfolgen, das weiß er auch. Doch um Erfolg geht es ihm ohnehin nicht. Touren durch ganz Deutschland und immer auf der Jagd nach dem nächsten Auftritt? Das ist nicht seine Sache.

Manchmal wird er angesprochen, manchmal bietet sich einfach eine Gelegenheit, und dann erzählt er von den Antilopen, die immer dagegen sind oder von kuriosen Werbetexten, in denen Kompressionsstrümpfe als „Pfeffer für das Leben“ beschrieben werden. Nicht selten schmeißt er den ganzen Plan noch auf der Fahrt zum Poetry Slam um und erzählt einfach eine aktuelle Beobachtung – zur Verwunderung der Kollegen, die teilweise wochenlang an ihren Programmen feilen.

Für den gelernten Heilerziehungspfleger ist das nichts – die meisten Ideen sind spontane Eingebungen und werden so schnell wie möglich ausgesprochen und festgehalten. Damit müssen auch seine Kollegen und seine Frau klarkommen, die bereits wissen, dass er teils mit den irrsinnigsten Assoziationen um die Ecke kommt.

Der große Fan des Autors Max Goldt liebt die „alberne, kurzweile Unterhaltung“ – die große Moralkeule indes ist ihm mehr als fremd. Er will lieber wissen, wie fremde Menschen auf seine „Gedankenblitze“ reagieren, wie er es selbst nennt.

Als er sein Notizbuch öffnet, lässt das sich das sofort an den vielen, vielen Blättern voller Notizen und Zeichnungen erkennen, von denen er manche auf seiner Facebook-Seite weitergibt.

Aus seinem Beruf weiß er, wie wichtig es ist, sich von der Ernsthaftigkeit des Alltags auch mal abzulenken. Beim SkF Alsdorf kümmert er sich um betreutes Wohnen für psychisch Kranke und eine Beratung für Kinder psychisch kranker Eltern. Ohne seinen Grundoptimismus und die Bereitschaft auch in ernsthaften Situationen zu lachen, wäre der Alltag, der ihn dafür aber auch sehr unabhängig macht, kaum zu stemmen.

Und so erfindet er bunte Figuren wie den Apfelprinzen, den er von einem Obst-Plüschtier ableitete, oder die Tänzerin Serano, die – natürlich – ein Schinken ist. In seiner eigenen Welt, gibt es eben keine Grenzen. Dabei gibt er keine Bühnenfigur zum Besten, sondern einfach nur sein eigenes Ich.

Und das hat mit Oskar Malinowski einen Förderer. Der Moderator des Aachener Poetry Slams „Satz nach vorn“ ist begeistert von der Gedankenwelt des Bartflüsterers und gibt ihm regelmäßig Tipps und Chancen. „Ich weiß, dass ich total aus der Reihe falle“, sagt Goerenz in seiner markanten Stimme mit dem berühmten „Öcher Singsang“. Auch mit noch verrückteren Elementen, die in die Welt des Dadaismus oder der Anarcho-Comedy reichen, hat er schon experimentiert. Dabei wandelt er beispielsweise Wörter in Zahlen um und lässt anhand der Quersumme das Wort erraten oder trägt einfach nur die Zahlen vor.

Das ist dann auch seiner Frau mitunter etwas zu viel, die ihn dann ausbremst. „Aber wenn ein paar Personen lachen, dann habe ich mein Ziel doch schon erreicht“, bilanziert Goerenz, der manchmal direkt im Anschluss an den Auftritt schon gar nicht mehr richtig weiß, was er da überhaupt erzählt hat. „Beim NRW-Slam habe ich keine Ahnung, was ich machen soll. Ich rechne mir keine Chancen aus, ins Finale zu kommen“, sagt er unprätentiös. Aber das habe ja auch seinen Vorteil, dann könne er den Freiraum nutzen, um einfach alles zu probieren. „Wenn man ernsthaft lebt, sollte man trotzdem verrückte Sachen sehen. Wir müssen die Leute aus der normalen Welt herausholen“, schreibt er sich auf die Fahne.