Steht der DORV-Laden in Herzogenrath-Pannesheide vor dem Aus?

Laden in Pannesheide : Hoffnung auf eine Rettung des DORV

Der Förderverein als Träger kann die Defizite des DORV-Lädchens in Pannesheide nicht weiter tragen. Der Vorsitzender des Vereins appeliert an die Bürger, mit Engagement einen Neuanfang zu starten.

Es ist still an diesem Morgen. Gabi Radermacher kennt das. Um zehn vor sieben hat sie die Ladentür aufgeschlossen, die Obstkisten in der Auslage neben dem Eingang zurecht gerückt, die Reklameschilder an die Hauswand gestellt, kretisches Olivenöl ist im Angebot. Unzählige Handgriffe sind zu tun, unter anderem um den Warenbestand zu kontrollieren, nachzubestellen, einzuräumen.

Seit fast zehn Jahren arbeitet die heute 62-Jährige in der zum Tante-Emma-Laden umgebauten früheren Gaststätte an der Pannesheider Straße. Zunächst betrieb sie mit ihrem Mann einen an den Laden angeschlossenen Imbiss. Ihre Pommes waren beliebt, der Stammkundenkreis aber zu klein, „wir liegen hier halt nicht an der Hauptstraße“. Irgendwann rechnete sich der Aufwand nicht mehr. Gabi Radermacher wechselte in den Verkauf. Und ist zusammen mit ihrem Kollegen Michael Offergeld zur Anlaufstelle für viele Menschen im Ortsteil geworden.

Kinder kaufen hier nicht nur Schnützereien ein, sondern kommen auch hilfesuchend vorbei, wenn sie beim Spielen gestürzt sind und ein Pflaster fürs Knie brauchen. Ältere Herrschaften schätzen den Plausch bei einer Tasse Kaffee. „Für manche bin ich nach Tagen die erste, mit denen sie mal wieder sprechen“, weiß Radermacher. Zur Netzwerkerin ist sie da geworden, um weitergehende soziale Kontakte zu knüpfen. Jede Menge Beispiele kann sie erzählen, wo das Team vom DORV etwa geholfen hat, eingefrorene Türschlösser wieder gangbar zu machen, sich um die Katze kümmerte oder in Urlaubszeiten Blumen gegossen hat.

Ein Stück weit zumindest ist das aufgegangen, was die Initiatoren im Sinn hatten, als sie vor zehn Jahren das Konzept der „Dienstleistung und Ortsnahen Rundum-Versorgung“ (DORV) in Angriff nahmen, um für Pannesheide eine multifunktionale Nahversorgung zu gewährleisten.

Wäre auf alle Fälle enttäuscht, wenn es das DORV nicht mehr gäbe: Thomas Kemen, Hausmeister der Grundschule, der sich hier regelmäßig mit frisch belegten Brötchen versorgt. Foto: Beatrix Oprée

Eine aufwendige Erhebung der Bedarfe per Fragebögen an alle Haushalte hatte es im Vorfeld gegeben. Optimistisch ging man an den Start, formell unter dem Dach des Fördervereins für Arbeit, Umwelt und Kultur in der Euregio. Um nicht erst noch eine neue Trägervereinsstruktur aufbauen zu müssen, wie Vorsitzender Wilfried Hammers darlegt. Ursprünglich sei auch angedacht gewesen, eine andere Trägerlösung zu finden. Zeit und Energie seien im Laufe der Jahre dann aber von den zahlreichen anderen Projekten in Anspruch genommen worden. Wie das so ist. So habe der Förderverein, unter anderem Träger der Recyclingbörse, des Gebrauchtwarenkaufhauses „Patchwork“ und des Treffart-Ladens „Grenzenlos“, jährlich für den finanziellen Ausgleich beim DORV gesorgt, in der vagen Hoffnung, dass sich irgendwann alles zum Positiven entwickele.

Aber aller Stammkunden für die wöchentliche Lieferung an Bio-Lebensmitteln oder der Radfahrgruppen, die hier gerne eine Erfrischungspause machen, zum Trotz, ist die Einnahmesituation überschaubar geblieben. So überschaubar, dass der Förderverein bei seiner jüngsten Vorstandssitzung beschlossen hat, die Reißleine zu ziehen. Denn das jährliche Defizit des DORV ist ungeachtet aller Bemühungen um neue Kundenkreise auf hohem Niveau geblieben. Zum 30. September will der Förderverein also aussteigen.

Zum ersten Mal in seinem Leben, so berichtet Hammers, habe er betriebsbedingte Kündigungen aussprechen müssen, für die beiden Vollzeitstellen: „Das war bitter.“ In wertschätzender Art und Weise sei es geschehen, „aber das Ergebnis bleibt das Gleiche.“

Bis 9.30 Uhr an diesem Morgen hat Gabi Radermacher 14 Kunden gezählt. Die jedes Mal nur Kleinigkeiten mitnahmen – Bonbons, Gelbe Säcke, Briefmarken, Zigaretten ... Wieder stoppt eine Frau vor dem Laden. Sie bringt ein Paket, die Retoure ist schnell erledigt, die Kundin kann zufrieden weiterfahren.

Und genau das ist es, worum es geht: Der DORV-Laden würde definitiv vermisst werden im Dorf, aber der große Wocheneinkauf wird eben andernorts getätigt. „Zuerst ins DORV und dann woanders hin“, hatte seinerzeit der werbende Slogan der Initiatoren gelautet. Wohlwissend, dass es ohne die richtigen Umsätze nichts werden kann mit der Parallelstruktur, die man im Sinne einer funktionierenden Dorfgemeinschaft als soziales Projekt, als allgemeinen Treffpunkt aufbauen wollte.

So haben Hammers und seine Mitstreiter vom Förderverein sowie der sich monatlich treffenden Projektgruppe die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Die Hoffnung darauf, dass der Ausstieg des Fördervereins als Warnschuss verstanden wird. Dass die Zäsur aufschrecken lässt und mehr als bisher die Bürger motiviert, sich ebenfalls einzubringen, um das DORV am Leben zu erhalten. „Andere DORV-Läden werden ja auch durch einen Mix aus Minijobs und bürgerschaftlich Engagierten betrieben“, sagt Hammers.

Nicht jeder aber kann sich regelmäßig einbringen, wie also kann der bürgerschaftliche Einsatz konkret aussehen? „Auch kleine Fähigkeiten und Beiträge sind sehr hilfreich“, sagt Hammers. Oder vielleicht gibt es Ruheständler, die gerne mit anpacken würden, etwa Waren abholen oder stundenweise im Laden mithelfen.

Monatliche Spenden von zehn oder 20 Euro (für die es den eigens aufgelegten „Genussschein“ gibt) würden in der Summe ebenfalls weiterhelfen. „Abschreiben statt anschreiben“ heißt eine weitere Aktion im Sinne der Kundenbindung: Eine bestimmte Summe wird im Voraus eingezahlt, um immer mal schnell bargeldlos einkaufen zu können, beim Joggen, Gassigehen oder auf der Radtour.

Viele weitere Pläne gibt es noch, etwa das Anlegen einer Boulebahn – in bewährter Zusammenarbeit mit der benachbarten Grundschule. „Wollen wir hoffen, dass es soweit kommt“, sagt Hammers und appelliert: „Wer sich fürs Dorf engagieren will, findet im DORV eine Nahtstelle.“

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