Matricel aus Herzogenrath mit Kollagen-Implantaten auf Wachstumskurs

Innovationen von Matricel aus Herzogenrath : Damit der Körper sich selbst heilen kann

Bald im eigenen Gebäude: Die Firma Matricel, einst im Technologiepark Herzogenrath gegründet, ist seit 19 Jahren auf Wachstumskurs. Das Unternehmen gehört zu den führenden Herstellern innovativer Kollagen-Implantate für die regenerative Medizin, mit Produktzulassungen auf der ganzen Welt.

Auf den allerersten Blick mutet es wie ein klein geschnittenes Stückchen Raufasertapete an, was Dr. Ingo Heschel da zwischen Daumen und Zeigefinger hält. Aber weit gefehlt, denn das kleine papierartige Rechteck, auf der einen Seite glatt, auf der anderen rau, hat es in sich – als innovativer Helfer bei Heilungsprozessen im menschlichen Körper nämlich. Und es besteht keinesfalls aus Papier, sondern aus Kollagen porciner Herkunft, sprich: Vom Schwein, denn das ist zu über 90 Prozent identisch mit menschlichem Kollagen.

Bei besagtem weißen Eckchen handelt es sich genau gesagt um eine Kollagenmembran zur Abdeckung von Gelenkknorpeldefekten. Das Prinzip: Die Membran wird durch den Operateur so im – vielleicht beim Fußballspielen verletzten – Gelenk platziert, dass die dichte, glatte Seite wie eine Barriere zum Gelenkspalt wirken kann, dem Hohlraum zwischen den Knorpelflächen.

Die raue Seite liegt somit auf dem defekten Knorpelgewebe und bildet durch seine Faserigkeit eine Matrix, an und in der sich durch verschiedene Verfahren generierte neue Knorpelzellen anlagern können. Die implantierte Membran ist bioresorbierbar, das heißt, sie wird vom körpereigenen Gewebe so lange durchwachsen, bis sie vollständig ersetzt ist.

Neueste Entwicklung ist ein Kollagenröhrchen mit schwammartigem Kern, in dem Nervenzellen wachsen können. Foto: Matricel

Bedarfsgerechte Entwicklung

Ein Verfahren, das sich in der Medizin seit Jahren bewährt hat und in abgewandelter Form, bei Bedarf als Schwämmchen etwa, auch zum Wachstum von Knochen oder Zahnfleisch Anwendung findet. Durch Zahnärzte, Orthopäden, Unfall- und Plastische Chirurgen. Aber auch Wissenschaftler in Forschung und Entwicklung schätzen das Material.

Und einer der führenden Entwickler und Hersteller von Kollagen-Implantaten für die regenerative Medizin weltweit ist die Matricel GmbH, die seit ihrer Gründung als Spin-off des Helmholtz-Instituts der RWTH Aachen im Jahr 2001 im Technologiepark Herzogenrath (TPH) ansässig ist. Ein Schlüssel zum Erfolg des Unternehmens ist die bedarfsgerechte Produktentwicklung in enger Kooperation mit klinischen Forschungspartnern. „Wir hören den Medizinern zu und fragen bei den Biologen, was machbar ist“, verdeutlicht Firmengründer und Geschäftsführer Ingo Heschel.

Ein Blick in den derzeitigen Reinraum, in dem das Kollagen gereinigt, geformt und steril verpackt wird. Der neue Reinraum wird mehr als doppelt so groß sein. Foto: Beatrix Oprée

„Dann legen wir als Techniker Lösungsvorschläge vor.“ So soll bald auch ein winziges Kollagenröhrchen mit einzigartiger Schwammstruktur als Kern zum Einsatz kommen, zur Überbrückung von Nervendefekten überkritischer Größe. In dem schwammartigen Gerüst können sich neu wachsende Nervenfasern „entlanghangeln“. Die Zulassungsphase für das neue Produkt läuft. Heschel: „Das ist das Innovativste, was bislang von uns entwickelt worden ist.“

Im TPH hatte Matricel mit einem 150 Quadratmeter großen Reinraum und flexiblen räumlichen Möglichkeiten einst beste Bedingungen vorgefunden, wie Heschel nochmals betont. Doch nach bald 19 Jahren ist das Limit endgültig erreicht, „vor allem die Kapazitäten in den hochspeziellen Reinräumen und Labors reichen nicht mehr aus, um den Wachstumskurs weiter fortsetzen zu können“. So hat sich die Mitarbeiterzahl von anfangs vier im Laufe der Jahre verzehnfacht.

Mittlerweile ist an der Konrad-Zuse-Straße in Kohlscheid der Rohbau für den dringend nötigen neuen Firmensitz fertiggestellt. Wesentlicher Bestandteil der vorgesehenen rund 2500 Quadratmetern Nutzfläche: Ein über 350 Quadratmeter großer Reinraum mit Erweiterungsoption, in dem die Kollagene in einer Vielzahl von nass-chemischen Prozessen gereinigt, zugeschnitten respektive durch Gefriertrockenverfahren in Form gebracht und in sterile Blister verpackt werden. Auf drei Etagen entstehen Büro-, Labor- und Produktionsflächen mit Kapazitäten für circa 70 Mitarbeiter. Über 50 Parkplätze sowie Ladestationen für Elektrofahrzeuge und E-Bikes in einer Tiefgarage komplettieren das Invest, das ein Volumen von rund 7,5 Millionen Euro umfasst.

Legt Wert auf höchste Standards auch beim neuen Firmensitz: Matricel-Gründer und Geschäftsführer Dr. Ingo Heschel. Foto: Beatrix Oprée

Gute Forschungskooperationen

Die kontinuierliche Produktion – bei weiterem Wachstum ist ein Zwei-Schicht-Betrieb avisiert – soll durch eine redundant ausgelegte Gebäudeklimatisierung mit zwei Gasmotorwärmepumpen sichergestellt werden. „Insgesamt wurden bei der Gebäudeausstattung höchste Standards angelegt, nicht nur hinsichtlich Versorgungssicherheit, sondern besonders auch für den Klima-, Umwelt- und Mitarbeiterschutz“, so Heschel.

Und er ergänzt: „Als innovatives Unternehmen wissen wir die Nähe zur RWTH Aachen zu schätzen.“ Einige sehr erfolgreiche Forschungskooperationen seien so entstanden „und viele unserer Mitarbeiter, die ihren Abschluss an RWTH oder FH Aachen gemacht haben, konnten für Matricel gewonnen werden“.

Eine gute infrastrukturelle Anbindung, „wie wir sie seit Jahren im TPH gewohnt sind“, so Heschel weiter, sei ein wichtiges Anliegen bei der Standortwahl Konrad-Zuse-Straße gewesen, „um unseren Mitarbeitern und Besuchern eine schnelle und einfache Anreise weiterhin zu ermöglichen“.

Eine Standortwahl, die auch bei Michael Eßers, Wirtschaftsförderer und TPH-Geschäftsführer, für Zufriedenheit sorgt: Zwar verlasse mit Matricel ein langjähriger Mieter das Gründerzentrum an der Kaiserstraße, doch das Unternehmen bleibe Herzogenrath erhalten. Und hat nebenher das letzte zur Verfügung stehende Baugrundstück im TPH-Erweiterungsgelände Dornkaul gefüllt. Was Ingo Heschel wiederum mit der Feststellung quittiert: „Wir werden die Stadt nicht enttäuschen und den nachhaltigen Firmenwachstumsprozess in Herzogenrath fortsetzen.“

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