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Ethanol für Apotheken: Lage entspannt dank 2100 Litern Alkohol

Ethanol für Apotheken : Lage entspannt dank 2100 Litern Alkohol

In Herzogenrath läuft die Herstellung von Desinfektionsmittel wieder, nachdem Ratsherr Stefan Becker 2100 Liter Ethanol für Apotheken besorgt hat.

14 Jahre lang war der Herzogenrather Apotheker Lutz Engelen Präsident der Apothekerkammer Nordrhein und hat immer noch gute Kontakte in die Landespolitik.  Anfang Februar hatte er die Frage nach Düsseldorf gegeben, wie es in Sachen Versorgung mit Atemschutzmasken und Desinfektionsmitteln aussehen würde. Wie man sich vorstellen kann, gab es keine zufriedenstellende Antwort. „Da habe ich gesagt: Kinder, habt ihr mal ins Internet geguckt? Der deutsche Markt ist abgeräumt. Du bekommst Atemmasken für 19 Euro und mehr, Desinfektionsmittel gar nicht mehr.“

Wie viele andere Kolleginnen und Kollegen hatte Engelen noch einen begrenzten Vorrat an Isopropanol und daraus nach einer Rezeptur der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Desinfektionsmittel hergestellt. Das war mit Verbreitung des Virus in der Region allerdings schnell aufgebraucht. Irgendwann meldete sich ein erstes Heim und teilte mit: „Für heute haben wir noch Desinfektionsmittel, dann ist hier Schluss. Wir brauchen aber dringend ...“ Zeitgleich kam Stefan Becker auf Engelen zu. Er hatte 2100 Liter Ethanol beschafft und begonnen, alle Apotheken in Herzogenrath zu kontaktieren. Mit dem Alkohol sollten sie in die Lage versetzt werden, wieder Desinfektionsmittel herstellen zu können. Allerdings stellte sich heraus, dass die Aktion gar nicht so einfach wie geplant umzusetzen war.

Behördliche Steine im Weg

Für die Beschaffung habe das nicht einmal so sehr gegolten. Der Alkohol, den Becker organisiert hat, stammt aus dem Brennereizubehör. Dort war er noch zu einem Preis verfügbar, wie er vor der Krise üblich war. Es handelt sich um Ethanol 641, ein Alkohol, wie er etwa auch in der Parfumherstellung gerne verwendet werde, sagt Becker. Auch das Land sei mittlerweile auf diesen Trichter gekommen und haben vom Unternehmen „4711“ 50.000 Liter bekommen. „Also wenn man möchte und ein bisschen nachdenkt, kann man Wege finden“, sagt der CDU-Ratsherr.

Allerdings seien Behörden an dieser Stelle überfordert gewesen, wie Becker befindet. Die Städteregion habe gewollt, dass der Kreisapotheker Zugriff auf den Alkohol bekommt. Der wäre dann nach einem Schlüssel in der Städteregion verteilt worden. „Ich stehe aber auf dem Standpunkt, dass eine Städteregion als zuständige Krisenstabsstelle selbst dafür sorgen muss, dass Alkohol da ist. Da kann man nicht bei einer Einzelinitiative – das war ja speziell für unsere Bürger gedacht – hingehen und versuchen, den Finger draufzuhalten. Das funktioniert so nicht.“ Statt diesen Alkohol umverteilen zu wollen, hätte man genauso gut sagen können: Bestell’ 4000 Liter oder gleich eine ganze Lkw-Ladung. „Das ist ja Industriealkohol, der erhältlich ist. Man muss nur mal Zeit in ein paar Telefonate investieren, damit man den entsprechenden Zugriff bekommt.“

Über ein befreundetes Unternehmen war der Alkohol gekauft, zum Selbstkostenpreis umgelegt und unter freiem Himmel an anderem Ort abgezapft worden. Becker: „Wir mussten alle Apotheker nach Erkelenz bitten, wo ein Brenner daneben saß, der den Abzapfvorgang überwacht hat, mit Erdung der Tanks und der Kanister. Wir haben alles für die Apotheker vorgezapft.“ Die Stadt Herzogenrath sei nicht in der Lage gewesen, eine Umfüllung vor Ort zu ermöglichen. Man habe gedacht, berichtet Becker, dass ein bestimmter Stoff in dem Alkohol enthalten sei, „mit dem die halbe Stadt weggesprengt wird“. Allerdings ist dieser Stoff überhaupt nicht enthalten, wie Gutachten über die Zusammensetzung zeigen, die auch vorliegen, weil die Apotheker sie benötigen. Immerhin waren alle Herzogenrather Apotheker – teilweise in Fahrgemeinschaften – nach Erkelenz gekommen, und die ganzen 2100 Liter Ethanol konnten verteilt werden.

Behälter sind ebenfalls knapp

Der Alkohol ging vorwiegend an Apotheker in Herzogenrath, ein Teil aber auch nach Übach-Palenberg, ein anderer an Aachener Apotheken und sogar bis nach Hilden. 250 Liter hat Lutz Engelen für seine Grenzland-Apotheke in Herzogenrath bekommen. „Daraus machen wir 300 Liter Handdesinfektionsmittel, bisher haben wir 90 Liter fertig gemacht. Jetzt werden wir in kleinen Etappen außerhalb der normalen Betriebszeit mit zwei Mitarbeitern immer weiter Desinfektionsmittel herstellen.“ Das Heim, das sich bei ihm gemeldet hatte, war in einem ersten Schritt direkt mit zehn Fünf-Liter-Kanistern versorgt worden, „damit die überhaupt was haben“.

Nun habe sich jedoch ein anderes Problem ergeben, sagt Engelen: eine ausreichende Zahl an Behältern zum Abfüllen der Desinfektionsmittel zu besorgen. „Ich habe das Internet abgegrast, um 100- und 250-Milliliter-Flaschen zu bekommen, aber es gibt keine mehr. Der Großhandel, der Apothekenbedarf liefert – die haben nichts mehr. Dann habe ich begonnen, im Internet zu kaufen – natürlich zu überteuerten Preisen, weil andere Kollegen auch auf den Gedanken gekommen sind. Natürlich kostet die Flasche mal schnell 1,80 Euro und mehr. Das müsste man eigentlich in den Preis mit einrechnen, können wir aber alles gar nicht mehr machen. Es muss ja bezahlbar bleiben und wir als Apotheker haben einen staatlichen Auftrag zur Versorgung.“

Dass die Ethanolbeschaffungsaktion in Herzogenrath für Versorgungssicherheit mit Desinfektionsmittel für einen bestimmten Zeitraum gesorgt hat, glauben sowohl Becker wie auch Engelen. „Hier in dieser Region, wo wir direkt am Hotspot der Verbreitung Kreis Heinsberg sitzen, wird es bestimmt bis zu den Sommerferien reichen“, vermutet der Apotheker. „Das Unternehmen, das Sterillium herstellt, hat mitgeteilt, dass sie im Juli wieder liefern können. Irgendwann kommt die Industrie auch wieder nach.“ Becker fügt an: „Wenn die Aktion jemand nachahmen möchte, kann er das gerne tun. Ich glaube Herzogenrath und die Region direkt drumherum ist jetzt erst einmal grundversorgt.“