Kerkrade und Herzogenrath feiern 75 Jahre Befreiung

75 Jahre Befreiung von Kerkrade : Frieden in Europa, ein „kostbarer Schatz“

Es ist eine der tragischen Geschichten, wie sie sich zu Kriegszeiten bis heute weltweit ereignen: Am 17. September 1944 waren die Amerikaner als Hoffnungsträger für die Bevölkerung in Kerkrade-West einmarschiert, doch der geplante Durchbruch des Westwalls von Osten her verzögerte sich.

Was die deutsche Heeresleitung bewog, das noch immer deutsch besetzte Kerkrade räumen zu lassen – im Zuge eines eigens vereinbarten Waffenstillstands. 30.000 Menschen machten sich in einem langen Zug auf den Weg in Richtung des bereits befreiten Heuvelland. Sie waren gerade bis Imstenrade gekommen, als das Schicksal zuschlug, wie es in der Broschüre „Zuid Limburg viert 75 jaar bevrijding! – Süd-Limburg feiert 75 Jahre Befreiung!“ heißt: Völlig unerwartet schlugen deutsche Granaten ein, 13 Menschen wurden getötet, eine Vielzahl verletzt. Am 5. Oktober schließlich gelang es den Amerikanern, ganz Kerkrade zu befreien. Und nach dem 24. Oktober 1944, nachdem Aachen eingenommen worden war, konnten die Evakuierten wieder zurückkehren.

75 Jahre sind seither vergangen, Kerkrade und Herzogenrath sind mittlerweile Schwesterstädte, organisatorisch verbunden durch den Zweckverband Eurode und optisch durch eine gemeinsame Straße, die europäische Nieuwstraat/Neustraße, die bis 1993 durch das berühmte Mäuerchen geteilt war. Gemeinsam soll auch der 75. Jahrestag der Befreiung Kerkrades begangen werden.

Herzogenraths Bürgermeister Christoph von den Driesch betont bei der Präsentation der Veranstaltungen: „Das ist auch für uns ein wichtiges Datum.“ Denn, so erläutert er: Das Zusammenwirken beider Städte beinhalte, „dass auch die negativen Seiten der gemeinsamen Geschichte durchleuchtet werden“. Gegenseitige Besuche bei den entsprechenden Gedenktagen sind daher schon lange üblich.

Motoren des Zusammenwirkens sind seit vielen Jahren schon das Herzogenrather Städtepartnerschaftskomitee und die Kerkrader Oranjevereniging mit ihren Vorsitzenden Reinhard Granz und Hans Schillings. Von „75 Jahren Frieden“ will Schillings viel lieber sprechen als von Befreiung, denn der Frieden sei viel wichtiger: „Wir müssen erkennen, was für ein kostbarer Schatz das ist.“ Die Bürger beider Städte sind eingeladen, dies nachzuempfinden und zu unterstreichen. Das genaue Veranstaltungsprogramm wird noch bekanntgegeben.

Stille, Innehalten, Nachdenken und Reflektieren sind unter anderem am 25. September in Erinnerung an die traurigen Ereignisse bei Imstenrade angesagt: ein „Tag der Friedenswache“ von 9 Uhr bis Mitternacht mit vielfältigen Beiträgen in der Friedenskapelle an der Kerkrader Hoofdstraat 20. Um 20 Uhr werden dann alle Kirchenglocken läuten, und die Bürger sind aufgerufen, brennende Kerzen in die Fenster zu stellen. In Herzogenrath gibt es auf dem Ferdinand-Schmetz-Platz um 18.30 Uhr ein Gedenken mit Musik, Textbeiträgen von Schülern sowie dem Entzünden einer Feuerschale aus Kerkrade. Danach ziehen die Teilnehmer zur Friedenskapelle.

„Bis 1815 gab es keine Grenze zwischen Kerkrade und Herzogenrath“, führt Granz vor Augen. Grenzen abzubauen sei viel schwieriger, als sie zu ziehen, forderte er auf, weiter an einem geeinten Europa zu arbeiten. Und weil er weiß, dass dies nur über die Jugend möglich ist, der schließlich die Zukunft gehört, hat er die Initiative ergriffen und Kontakt zu dem Gymnasium aufgenommen, das er früher einmal geleitet hat. Um Schüler zu motivieren, sich aktiv an dem Einigungsprozess zu beteiligen. Bei seiner Nachfolgerin im Direktorenamt, Dr. Renate Schwab, und den Geschichtslehrern Anja Gossens, Christian Reiferth und Andreas Borchardt stieß er auf offene Ohren.

Und in der Schülerschaft. Die Zehntklässler Mara Wörsdörfer, Thorsten Hunds und Manuel Frohn etwa engagieren sich voller Überzeugung: Thorsten erinnert an den Totengedenktag am 4. Mai in den Niederlanden, an dem sie bereits teilgenommen und Bertolt Brechts Liedtext „Und was bekam des Soldaten Weib?“ vorgetragen haben. „Es ist gut zu wissen, was in der Vergangenheit geschehen ist, um es in der Zukunft besser zu machen“, sagt Mara. Und Manuel zieht Para­llelen zur Gegenwart: „Wir dürfen die Fehler nicht wiederholen. Wenn man heute sieht, wie die Welt nach rechts rückt, dann ist das schon sehr beängstigend!“

Wohl auch mit Blick auf diese gegenwärtigen Bezüge hofft und appelliert die neue Kerkrader Bürgermeisterin Petra Dassen-Housen, „dass viele Bürger an den Gedenkveranstaltungen teilnehmen!“

Mehr im Internet: www.oranjeverenigingkerkrade.nl

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