Herzoogenrather Beratungsstelle für Flüchtlinge zieht Bilanz

Beratungsstelle Herzogenrath : Die Arbeit mit Geflüchteten ist Herausforderung und Segen zugleich

Von Formularen, Rechnungen oder Behördenproblemen bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen: Damit wird das neue Team der Flüchtlingsberatung in Herzogenrath täglich konfrontiert.

Regelmäßig kommen Geflüchtete verzweifelt und überfordert in die Beratungsstelle mit einer Tüte voll Papieren. Darunter Werbebriefe, Verträge und Inkassobelege. Nun sind auch die drei neuen Beratern an der Reihe, zu informieren, zu helfen und zu steuern.

Die Arbeit mit Geflüchteten ist nicht selten frustrierend, was aber nicht an den Geflüchteten selbst liegt. „Wir sind sehr gut mit den Ämtern vernetzt und die Zusammenarbeit funktioniert meistens super. Doch kommt bei uns auch viel Frustration auf, wenn die Geflüchteten zum Beispiel keine Arbeitserlaubnis bekommen.“

Fälle von Personen, die arbeiten wollen, ja sogar schon eine Ausbildungsstelle und gute Qualifikationen vorweisen können aber schlichtweg keine Arbeitserlaubnis bekommen, kennen die Berater zu gut. „Es ist schwierig für uns, hier gelassen zu bleiben. Das können wir von Seiten der Behörden einfach nicht nachvollziehen“, ärgert sich Berater Graziano Vello. Die Geflüchteten wissen häufig keinen Ausweg, wollen die Familie ernähren und rutschen eventuell in die Kriminalität ab.

Laut Bernd Sauren vom Sozialamt Herzogenrath werden zurzeit circa 300 Flüchtlinge von ihnen betreut. Etwa 200 von ihnen werden aktiv von der Flüchtlingshilfe in Herzogenrath beraten. Das Sozialamt und die Flüchtlingsberatung arbeiten hier eng zusammen.

Toleranz und Nähe: Die zwei Schlagworte die das Team immer wieder betont. Die drei hauptamtlichen Mitarbeiter der Flüchtlingsberatung des Diakonischen Werks Kirchenkreis Aachen und der evangelischen Lydia-Gemeinde Herzogenrath sind mit Leib und Seele dabei. „Großartige Menschen, die sich gegenseitig perfekt ergänzen“, schmeichelt Leiterin Dr. Britta Schwering.

Mahkameh Robatian, Gabriele Dieckmann-Verhaag und Graziano Vello beraten und helfen geflüchteten Menschen in allen Lebenslagen und wissen dabei ganz genau, wovon sie reden. Graziano Vello ist selbst vor vielen Jahren nach Deutschland gekommen: „Ich habe selbst einen Migrationshintergrund und bin diesen Schritt auch gegangen. Mir sind die tief gehenden Probleme der Geflüchteten bewusst, die man sich sonst nicht erahnen könnte. Ich wollte helfen und bin froh, das tun zu können.“

Auch Diplompädagogin Mahkameh Robatian ist vor vielen Jahren aus dem Iran geflüchtet: „Ich kenne die Herausforderungen und will den Geflüchteten helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden. Ich habe das Gefühl, dass ich mit dieser Arbeit endlich angekommen bin.“

Gabriele Dieckmann-Verhaag weist eine beeindruckende Geschichte vor und sammelte seit 1973 Erfahrung und Wissen. Sie selbst hat bereits als Privatperson mit Geflüchteten zusammengelebt, wurde deswegen bedroht und sogar ihr Haus wurde niedergebrannt. Doch das alles hinderte sie nicht daran, weiter zu machen. Ganz im Gegenteil, in der Beratungsarbeit geht sie in die Offensive. Durch Streetwork knüpft sie viele Kontakte und setzt mitten im Leben der Geflüchteten an. „Ich treffe die Leute an den Schulen, an Bahnhöfen oder in Familien. Mir ist es wichtig, den Menschen bewusst zu machen, dass sie wichtig sind. Ich möchte ihnen auf Augenhöhe entgegentreten und sie wertschätzen. Als älterer Mensch werde ich da nochmal ganz anders aufgenommen und verstanden.“

Die Dynamik im Team stimmt, es wird sich gegenseitig geholfen wo es nur geht. „Wir alle haben verschiedene Blickwinkel. Auch die Fälle besprechen wir immer gemeinsam, da ist es von großem Vorteil, sich immer wieder gegenseitig und selbst zu reflektieren“, sagt Dieckmann-Verhaag.

Geholfen wird den Geflüchteten in allen Lebensbereichen, ob persönliche Probleme, Schul-, Arbeits-, oder Behördenprobleme. „Schon für uns ist es ja oft schwer die Behördenbriefe zu verstehen. Für jemanden, der noch nicht lange in Deutschland ist, ist das schlichtweg unmöglich allein zu meistern“, erklärt Robatian. Dabei fällt es dem Team nicht immer leicht, den richtigen Weg zu finden. „Wir sind keine Fachleute, aber wir haben eine Lotsenfunktion. Wenn wir nicht weiterwissen, wissen wir aber, an wen sich die Geflüchteten wenden können und schicken sie dorthin“, betont Vello.

Doch den Spagat zwischen informieren, helfen und steuern zu meistern, kann eine große Herausforderung sein. „Unser Ziel ist es ja, bei der Integration zu helfen, das heißt, dass die Menschen, die unsere Hilfe bekommen, auch ohne uns zurechtfinden müssen. Wenn wir zu viel helfen, werden sie schnell abhängig von uns, wenn wir zu sehr steuern, gehen sie vielleicht nicht ihren eigenen Weg“, fährt er fort.

Die Sprachbarriere ist hierbei kein Problem: Graziano Vello spricht neben Deutsch und Englisch noch Italienisch, Französisch, Niederländisch und Spanisch. Auch einige arabische Begriffe hat er sich angeeignet. Mahkameh Robatian spricht dazu noch Persisch und Türkisch. „Wenn das nicht reicht, klappt es auch immer irgendwie mit Händen und Füßen zu kommunizieren. In erster Linie öffnen die Sprachen aber die Herzen der Menschen, egal ob wir sie fließend oder nur etwas sprechen. Das wichtigste ist die Beziehung, die muss einfach stimmen“, sagt Robatian.

Eine Beziehung zu den Geflüchteten aufzubauen ist ein schwieriger Prozess: „Viele verstehen nicht, wieso die Integration nicht von heute auf morgen passiert. Es reicht nicht, die Personen einfach in einen Sprachkurs zu schicken und ihnen unsere Kultur zu zeigen. Wer entwurzelt wurde, ist oft nicht fähig, Bindungen einzugehen. Das ist ein großer Prozess, hier ist dann besonders Geduld und Gelassenheit gefragt“, erklärt Schwering.

In ihrer Ausbildung lernten die Berater, den oft schwierigem Arbeitsalltag nicht mit in ihr Privatleben zu nehmen. Vello bezeichnet das als Resilienz, die Fähigkeit nicht durch schwierige Situationen persönlich betroffen zu sein: „Am Ende ist es doch wichtig für die Flüchtlinge und uns zu wissen, dass wir nicht ihre Freunde sind, sondern sie ‚nur‘ beraten und ihnen helfen wollen. Das muss man mit der Zeit lernen, auch wenn das sehr schwierig ist.“ Schließlich sind viele Situation nicht gerade einfach für das Team, sie arbeiten mit Menschen, die teilweise ein großes Trauma erlebt haben oder kirchliches Asyl brauchen. Hier kann man nicht nur praktisch herangehen, sondern mit einer großen Menge Menschlichkeit.

Hilfe bekommen sie auch von den ehrenamtlichen Mitarbeitern und durch Schulungen, zum Beispiel zum Umgang mit Häuslicher Gewalt oder Schulden.

Trotz der täglichen Herausforderungen kann sich das Team um Britta Schwering keine bessere Berufung vorstellen. „Das Gefühl, den Menschen zu helfen und das, was man zurück bekommt ist unbezahlbar. Die Menschlichkeit ist einfach beeindruckend und wir hoffen, dass wir lange so weiter machen können,“ sagt Dieckmann-Verhaag.

(lgob)