Herzogenrath: Stolperstein für Antifaschisten Johann Peter Leisten

Stolperstein verlegt : Erinnerung an den Antifaschisten Johann Peter Leisten

Er wurde wegen seiner politischen Gesinnung ein Opfer des Nazi-Regimes: der Kohlscheider Johann Peter Leisten. Der Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen“ hat sein Schicksal jetzt aufgedeckt.

Aufgrund seiner Herkunft hätte Johann Peter Leisten wohl Chancen gehabt, die Zeit des Nationalsozialismus ohne Verfolgung und Inhaftierung zu überstehen. Der 1914 in Kohlscheid geborene Familienvater gehörte jedoch nicht zu denen, die die Augen vor dem Grauen im eigenen Land verschlossen. Seine mutige und kritische Haltung der nationalsozialistischen Ideologie gegenüber brachten ihn schnell in den Fokus der Gestapo – Verhaftung, Folter und Gefangenschaft prägten das Leben Leistens bis zum Kriegsende. 74 Jahre nach dem Zusammenbruch des sogenannten Dritten Reichs hat der Herzogenrather Arbeitskreis „Wege gegen das Vergessen” den Lebensweg des Widerstandskämpfers und Antifaschisten rekonstruieren können und würdigt das Andenken Leistens mit einem eigenen „Stolperstein” in der Kohlscheider Mühlenstraße.

Hubert Wamper, der zusammen mit Bernd Krott als Vertreter des Arbeitskreises der Verlegung beiwohnte, zeichnete hauptverantwortlich für die Recherchearbeit. Eine Ausgabe der „Weisweiler Volksstimme” aus dem Jahr 1946 hatte über einen befreundeten Ehrenamtler den Weg zu ihm gefunden. In einem Artikel kam mit Jakob Collet ein Weggefährte Leistens zu Wort. Beide Männer waren Teil einer 160-köpfigen Gefangenengruppe im KZ Buchenwald, die Ende Januar 1945 für eine bestialische Versuchsreihe zusammengestellt worden war. Alle 160 Gefangenen wurden mit dem Flecktyphus-Erreger infiziert, nur 13 überlebten. Collets und Leistens Wege trennten sich im darauffolgenden März, als Leisten abtransportiert wurde.

Mühlenstraße 79 in Kohlscheid: Hier liegt jetzt ein Stolperstein für Johann Peter Leisten. Foto: Yannick Longerich

Wamper nutzte diesen Verweis aus dem Jahr 1946 als Ausgangslage und konnte mit Hilfe entsprechender Archive in Düsseldorf und Arholzen den Leidensweg des politisch Verfolgten aus Kohlscheid aufdecken. Der damals 25-jährige Leisten wurde zu Kriegsbeginn wie viele junge Männer seiner Generation in die Wehrmacht einberufen und diente in der Nähe von Neustrelitz. Im September 1940 jedoch wurde er im Gefängnis Torgau inhaftiert – wegen Wehrkraftzersetzung. Detaillierte Aufzeichnungen über den ihm vorgeworfenen Tatbestand existieren nicht mehr. Später musste Leisten mutmaßlich in einem Strafbataillon arbeiten und wurde bei diesem Unternehmen schwer verwundet. Leisten wurde ausgemustert und zunächst nach Kohlscheid zurückgeschickt.

1944 aber ereilte ihn der zweite Stellungsbefehl, dem er aufgrund seiner erlittenen Verletzungen nicht Folge leistete. Im Oktober desselben Jahres folgte in Siegburg seine zweite Verhaftung, die ihm eine Haft im Kölner „Klingelpütz” einbrachte. Die Aussage eines Flurwärters aus Würselen sollte später lauten: „Ich hatte die Gelegenheit, die Misshandlungen mit anzusehen, die Herr Leisten erdulden musste. Auch war ich Zeuge der Vernehmung, in der die Worte ,Roter Hund, rotes Schwein, deine letzte Stunde hat geschlagen’ fielen.” Im Januar 1945 erfolgte die Einweisung in das Konzentrationslager Buchenwald durch die Stapo Köln. Leisten musste die Kennzeichnung „Roter Winkel” (für politische Gefangene) auf der Kleidung tragen.

Nach Dachau verlegt

Nachdem Leisten das grausige Typhus-Experiment knapp überlebt hatte, wurde er in ein Außenlager des KZ Natzweiler im Elsass überstellt. Das Anrücken der alliierten Truppen führte zu einer weiteren Verlegung nach Dachau. Auf dem Weg dorthin wurden Leisten und einige andere Gefangene bei Althausen von französischen Truppen befreit.

Nach Kriegsende arbeitete Leisten als Estimateur (Schnitteinteiler der Glasscheiben) bei den Vegla-Glaswerken in Herzogenrath. Sein Bemühen um Wiedergutmachung und Anerkennung als politisch Verfolgter wurde vom Kreisanerkennungsausschuss 1950 zunächst abgelehnt. Bis 1953 musste Leisten kämpfen, bis sein Leidensweg behördlich anerkannt wurde. Eine Entschädigung für die KZ-Haft wurde aus politischen Gründen jedoch abgelehnt. Leisten starb 1963 während der Ausübung seines Berufes an Herzversagen. Seine Witwe erhielt für den Dezember 1963 35 Mark und für Januar sowie Februar 1964 jeweils 45 Mark.

Vor Leistens letztem Wohnort, der Kohlscheider Mühlenstraße 79, hat der Kölner Künstler Gunther Demnig jetzt einen Stolperstein zur Erinnerung eingelassen. Leistens Tochter Renate Peters und ihr Mann Alfred waren dabei. Die Kosten für den Stolperstein wurden durch Spenden aus der Herzogenrather Bürgerschaft gedeckt. Die Grundschule Klinkheide hat die Patenschaft übernommen.

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