Bürgerstiftung und SSV Herzogenrath: Schwimmkurse auf Spendenbasis

Bürgerstiftung und SSV Herzogenrath : Schwimmunterricht auf Spendenbasis

Die Bürgerstiftung und der Stadtsportverband bieten seit Jahren Kurse zum Erwerb des Seepferdchens für Grundschulkinder an. Jetzt haben die Akteure die Politik in die Pflicht gerufen.

In Reih und Glied warten die Fünf- und Sechsjährigen auf dem Schulhof. Freiwillig, mitten in den Ferien. Endlich wird die Tür aufgeschlossen, alle stürmen hinein und sind in Nullkommanix umgezogen: Schwimmunterricht ist angesagt in der Halle Leonhardstraße. Mit den wildesten Bewegungen quirlen die Kids erstmal kreuz und quer durchs Wasser. Bis Gabi Horbach und Jennifer Esser, die Schwimmlehrerinnen, ins Becken steigen und dem ganzen Struktur geben. Mit bunten Poolnudeln paddeln die Jungen und Mädchen diszipliniert von einem Beckenrand zum anderen. Die anfängliche Scheu vor dem Wasser haben alle verloren. Jetzt können sie sogar nach Plastikringen tauchen, was sie eindrucksvoll demonstrieren. Sich im Wasser einigermaßen sicher bewegen zu können, ist nicht nur lebenswichtig, sondern macht offensichtlich auch Spaß.

Doch seit Jahren schon warnt unter anderen die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), dass immer weniger Kinder schwimmen können, wenn sie die Grundschule verlassen. Drei wesentliche Gründe werden angeführt: Immer mehr Schwimmbäder sind in die Jahre gekommen, werden aus Kostengründen dichtgemacht, Trainingsmöglichkeiten gehen verloren. Zu wenig geschultes Personal steht für Schwimmunterricht beziehungsweise als Schwimmmeister zur Verfügung. Als Folge aus allem steht Schwimmen immer seltener auf Grundschulstundenplänen.

2019 schon 40 Badetote in NRW

Die Sommerzwischenbilanz der DLRG vom Donnerstag: Der Statistik zufolge starben mit Stand 20. Juli bundesweit zwar 29 Menschen weniger als im Vorjahr, aber insgesamt immer noch 250 Menschen durch Ertrinken. In Nordrhein-Westfalen ertranken 40 Menschen (+3). Auch wenn es sich überwiegend um Männer handele, die ihre Fähigkeiten überschätzten, so erneuerte die DLRG ihre Kritik an den schwindenden Schwimmfähigkeiten von Kindern. Nur knapp 40 Prozent der Grundschulabsolventen könnten schwimmen, in den 90er Jahren seien es nahezu 90 Prozent gewesen.

In Herzogenrath haben sich Bürgerstiftung und Stadtsportverband (SSV) schon vor rund vier Jahren des Problems angenommen und bieten für Grundschulkinder regelmäßig Kurse wenigstens zum Erwerb des Seepferdchens an. Darüber hinaus hat schon zum dritten Mal eine schwimmsportorientierte Ferienfreizeit stattgefunden, wozu man sich im Westerwald eigens in eine Schwimmhalle eingemietet hatte. „Jedes Kind soll Schwimmen lernen“ heißt das erfolgreiche Stiftungsprojekt, mit dem die Verantwortlichen voller Idealismus und bei viel ehrenamtlichem Einsatz in die Bresche gesprungen sind. So lange, bis der Schwimmunterricht wieder anderweitig sichergestellt werden kann. Innerhalb von fünf Jahren, so der ursprüngliche Projektansatz, wollte man die Rückmeldung haben, dass es in Herzogenrath keine Kinder mehr gibt, die als Nichtschwimmer die Grundschulen verlassen, erinnert Bürgerstiftungs-Vorsitzender Peter Waliczek.

Doch davon sieht man sich weit entfernt. Waliczek weist klar darauf hin, dass das finanzielle Engagement von den derzeit handelnden Akteuren der Bürgerstiftung abhänge. Diese aber könnten durchaus mal wechseln. Oder ein Großspender wegfallen. Unmissverständlich schildert er weiter, mit welch großem Aufwand das Projekt Jahr für Jahr zu stemmen sei. Denn auch hier mangele es an Fachpersonal. Und das, obwohl der benötigte Lizenzerwerb Bestandteil des aus fünf Modulen bestehenden Schwimmkonzepts ist – allein: Es habe sich noch niemand, etwa aus Reihen der Grundschullehrer, gefunden, der eine solche zusätzliche Lehrbefähigung erwerben wollte.

SSV-Geschäftsführer Manfred Borgs bringt es auf den Punkt: „Schwimmunterricht für Grundschulkinder ist eigentlich eine gesellschaftliche Aufgabe!“ Die folglich nicht vom Spendenaufkommen einer Bürgerstiftung respektive dem ehrenamtlichen Einsatz eines Stadtsportverbandes abhängig sein dürfte.

So haben die Akteure längst schon die Fühler ausgestreckt – in Richtung Land, von wo sie dringend Unterstützung erwarten. Auch nach Düsseldorf sind sie bereits gefahren. Doch einzig die FDP, so Waliczek lobend, habe bislang so großes Interesse an der misslichen Lage gezeigt, dass es zum Ortstermin reichte. Die Landtagsabgeordneten Dr. Werner Pfeil (Aachen) und Franziska Müller-Rech (Bonn), schulpolitische Sprecherin der Fraktion, reisten an, um sich ein Bild vom Projekt und den Forderungen der Verantwortlichen zu machen. Sie äußerten reichlich Anerkennung für die Bemühungen von Bürgerstiftung und SSV (Pfeil: „Das wäre ein Modellprojekt fürs Bildungsbüro!“). Müller-Rech bestätigte, dass sowohl Beckenzeiten als auch Sportlehrer in fast ganz NRW einen Mangel darstellten. Und verwies auf den Aktionsplan „Schwimmen lernen in Nordrhein-Westfalen“.

Der als Erweiterung des Landesprogramms „NRW kann schwimmen!“ unter anderem die Einrichtung von „Kommunalen Schwimmassistenzpools“ und eine Imagekampagne zum Schwimmenlernen umfasst sowie die Einführung der „Woche des Schulschwimmens“. Das Konzept: Schwimmkurse mit Blick auf fehlende Beckenzeiten auf möglichst kurze Zeit zu komprimieren. Müller-Rech bestätigte auf Nachfrage unserer Zeitung, dass infrastrukturelle Maßnahmen, etwa zum Bau neuer Hallen, in diesem Aktionsplan nicht vorgesehen seien. Borgs drängte abschließend auf mehr Lehrpersonal, um Schwimmunterricht an Schulen zu ermöglichen: „Da ist eindeutig die Politik gefragt, das können wir nicht leisten!“

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