Buchvorstellung "Sieben Todsünden" in der Lydia-Gemeinde

Buchvorstellung : Ein moderner Blick auf die Sieben Totsünden

Von den „Sieben Todsünden” sollte jedermann schon einmal gehört haben. Fragt man jedoch nach einer tieferen Interpretation oder dem intensiven Bezug zur Gegenwart, wird das Gespräch vermutlich schnell ins Stocken geraten.

Was unterscheidet die Sünde von der Tugendhaftigkeit? Eine Frage, auf die in keine lineare Antwort gegeben werden kann. In der zurückliegenden Passionszeit hatte die Lydia-Gemeinde Herzogenrath zur bereits 5. „Passionspredigtreihe” geladen – sieben verschiedene Redner betrachteten die „Sieben Todsünden” aus moderner Sicht und fragten nach deren Bedeutung im Jahr 2019. Diese Predigten hat Pfarrer Joachim Wehrenbrecht nun in einem Buch herausgegeben.

Zu den sieben Reden gesellen sich sieben „Erfahrungen”. Diese Alltagserzählungen wurden dem Fastenwegweiser 2019 (Andere Zeiten e.V.) entnommen. Die Autoren hatten zur Buchvorstellung geladen und erläuterten ihre ganz persönlichen Herangehensweise an eine Thematik, die jeder kennt, aber nur schwer umreißen kann.

Zorn, Wollust, Geiz, Trägheit, Neid, Völlerei und Hochmut – unabhängig von Kultur und Religion treten diese Verhaltensweisen überall auf. Während den meisten von ihnen eine vorwiegend negative Konnotation gemein ist, könnten in einigen Ausnahmen durchaus auch positive Aspekte genannt werden.

Der stetige Wechsel der Prediger sowie die Möglichkeit zu ausgedehnten Nachbesprechungen in entspannter Atmosphäre sollten die „Kultur der Predigt” in den Vordergrund rücken. Dass die Besucherzahlen der Gottesdienste während dieser Reihe durchweg höher waren als im Durchschnitt, bestätigten Wehrenbrecht und Kollegen in ihrer Vorgehensweise.

Die Redner hatten sich im Vorfeld abgestimmt und gemeinsam das Programm geplant. „Jeder war natürlich davon überzeugt, dass seine Todsünde die schlimmste sei”, merkte Wehrenbrecht schmunzelnd an. Er selbst begann mit dem „Zorn” und wählte den Ansatz, dass diese Emotion einen Menschen komplett vereinnahmen kann. Aus seiner Sicht „gehe dem Zorn immer eine Kränkung” voraus, Zorn und Gewalt seien eng miteinander verknüpft. Mit Blick auf den „Brexit” oder die französischen „Gelbwesten” erkannte er eine politische Bedeutung, die auch in der Gegenwart keinen Deut abnimmt.

Pfarrer Jochen Remy und Pfarrerin Renate Fischer-Bausch hatten sich mit den materiellen Seiten der Todsünden Wollust (lateinisch „Luxuria”) und Geiz befasst . Fälschlicherweise würden laut Remy viele Menschen die Wolllust mit Sexualität als solcher gleichsetzen – aus seiner Sicht ein Fehler. Auch wollte er das Thema nicht auf die Sicht der Kirche reduzieren, vielmehr sei eine ganzheitliche Sicht auf die „Genusssucht” weiterführend. Genauso, wie der Geiz als eine Mutation von Sparsamkeit angesehen werden könnte, gäbe es auch in der Sexualität „perversierte” Formen wie Missbrauch, Prostitution oder die schiere Masse an Pornografie, die einen verzerrtes Bild manifestiere.

Den „mutierten Geiz” fand Fischer- Bausch bei ihren Recherchen vor allem in der klassischen Komödie. Geiz sei für den unbeteiligten Beobachter unfreiwillig komisch, gleichzeitig fungiert er als Killer sozialer Beziehungen des Betroffenen. Einen genaueren Blick warf sie auf den Aspekt der Populärkultur, der die übertriebene Sparsamkeit nicht nur mit dem bekannten Slogan „Geiz ist geil” salonfähig machte. Auf sozialpolitischer Ebene sei die „Geilheit” dagegen komplett verflogen: Niedriglohnsektor und der Ruf nach sozialer Gerechtigkeit machen den „Geiz” zu einem brandaktuellen Thema.

Britta Schwering (Anwärterin zur Prädikantin) wusste schon im ersten Moment, dass sie einen genaueren Blick auf den Hochmut werfen wollte. Auch hier fand sie viele Aspekte in der Populärkultur. Aus ihrer Sicht lohne sich eine fortwährende Selbstreflexion – viele Gespräche und Beispiele konnten zusammengetragen werden.

Das Kontrastfeld „Trägheit” lag in der Obhut von Katharina Opalka, ihrerseits wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Bonn. Trägheit solle dabei nicht mit schlichter Faulheit gleichgesetzt werden. Vielmehr beschreibe es die Unfähigkeit, ganz im Hier und Jetzt zu leben. In Bezug auf die Ess- und Trinksucht (Völlerei) wählte die Konfirmandin Hannah Kreuer einen gänzlich modernen Ansatz und zog den „Dönerkult” in Form eines „Poetry Slams” kräftig durch den Kakao.

Auch der Neid ist eine Form der Sünde, die ein jeder wohl schon einmal selbst erlebt oder gefühlt hat. Prädikant Erhard Lay fand mit der Geschichte von Kain und Abel bereits ein frühes Beispiel, welches Leid Neid erzeugen kann. „Ich habe selbst ein feines Gespür, wann ich beneidet werde”, erläuterte Lay. Analog zum Geiz oder der Wollust könne man den Neid als krankhafte Form der Bewunderung ansehen.

Das Redner-Team legte großen Wert darauf, nicht als „Einzelkämpfer” aufzutreten – nach Möglichkeit wurden die Reden der Kollegen vor Ort mitverfolgt. In Kooperation mit der Würselenerin Juliane Siekmann (Lektorat und Layout, „Wortfrau.de”) konnte Wehrenbrecht die gesammelten Werke im Selfpublisher-Verlag „tredition” publizieren.

Das Buch ist im Online-Buchhandel und in jeder Buchhandlung bestellbar, die Buchhandlung Katterbach (Südstraße 67, 52314 Herzogenrath) hat es vorrätig. publizieren. Erhältlich ist der Sammelband als Hardcover (13,49 Euro), Paperback (7,99 Euro) oder als E-Book (2,99 Euro).

(yl)
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