Interview mit Anne Fink: Aus betreuten Familien sind auch Freunde geworden

Interview mit Anne Fink : Aus betreuten Familien sind auch Freunde geworden

Anne Fink kümmert sich seit über 30 Jahren um Geflüchtete. Jetzt wird sie mit dem Integrationspreis der Stadt Herzogenrath ausgezeichnet. Beatrix Oprée hat sich mit ihr über ihre Flüchtlingsarbeit unterhalten.

Total überrascht sei sie gewesen, als sie erfuhr, dass sie mit dem Integrationspreis der Stadt Herzogenrath ausgezeichnet werden soll, sagt Anne Fink. Einige Preisträger habe sie ja selbst vorgeschlagen, etwa die engagierte Ehrenamtlerin Annette Schölzel, die 2011 als erste mit dem ehrenvollen Preis ausgezeichnet wurde. Im ökumenischen Arbeitskreis „Hand in Hand“ habe sie sich eigentlich nie im Fokus gesehen, betont Fink weiter, weil sie über die politische Schiene dazu gekommen sei, um Dinge, wenn nötig, entsprechend zu regeln. Von Anfang an aber hat sie auch Familienpatenschaften übernommen. Seit rund 35 Jahren leistet Anne Fink mittlerweile Flüchtlingsarbeit. Beatrix Oprée hat sich mit ihr darüber unterhalten.

Können Sie die Zahl der Familienpatenschaften überhaupt noch zählen?

Fink: 25 bis 30 werden es seit 1984 gewesen sein. Und es ist immer schön, später zu erfahren, was die Menschen nach der anfänglichen Unterstützung schließlich - dann auch ohne fremde Hilfe - erreicht haben. Auch wenn der Start für sie nicht immer leicht war.

Die Probleme, auf die Geflüchtete treffen, sind vielfältig, welche waren/sind aus Ihrer Sicht am prominentesten?

Fink: Da waren anfangs etwa die Sammelunterkünfte. Besonders für Familien war das schwierig, da in einer Unterkunft mit Gemeinschaftsräumen Familie eben nicht gelebt werden kann. In den 80er und 90er Jahren war die Wohnungssuche für Flüchtlinge ein besonders großes Problem. Nach der Regelung des Aufenthaltsstatus’ geht es dann um die Arbeitssuche und natürlich den Spracherwerb. Damals, in den 80er Jahren, gab es die Sprach- und Integrationskurse noch nicht, wie sie heute üblich sind. Damals haben wir als Ehrenamtler Sprache durch Begegnung vermittelt. Wohnen - Sprache - Arbeit sind die wichtigsten Punkte im Hinblick auf soziale Integration. Daran haben wir als Familienpaten im Zuge des ökumenischen Arbeitskreises „Hand in Hand“ gearbeitet. Zunächst mit Hilfe der Pfarre St. Katharina, die unter anderem Versammlungsräume stellte, dann kam die Luthergemeinde, wie sie damals noch hieß, dazu. Ein ganz wichtiger Punkt war, dass die evangelische Kirche schließlich eine hauptamtliche Stelle zur Flüchtlingsberatung zur Verfügung stellen konnte - bei entsprechender anteiliger Förderung durch die Stadt.

Und da kam sicher Ihr politisches Wirken ins Spiel?

Fink: Ja, über einen Antrag im Sozialausschuss, dem stattgegeben wurde. Heike Keßler-Wirtz war damals die erste hauptamtliche Flüchtlingsberaterin.

Sehen Sie die Integration der Familien als gelungen an, die durch den AK „Hand in Hand“, der mittlerweile ein eingetragener Verein ist, betreut wurden?

Fink: Ja, das sehe ich wohl so. Einen großen Anteil daran haben auch Initiativen des Stadtsportverbands um Manfred Borgs. Denn wer in einem Sportverein ist, hat sofort Kontakt zu Einheimischen. Und das trägt dazu bei, dass Integration funktioniert. Einen guten Kontakt hatten wir auch zur Grundschule Kohlscheid-Mitte, die frühere Rektorin Hedwig Ahrens war immer sehr offen für Anliegen Geflüchteter.

Gibt es eine von ihnen betreute Familie, auf die sie besonders stolz sind?

Fink: Ja, da ist eine Familie aus dem Kongo: Der Vater musste lange Zeit alleine für die Familie sorgen, da seine Frau krank war. Er war immer sehr daran interessiert, dass seine Kinder Bildung erfahren. In einem Land, in dem Bildung frei ist, muss man das schätzen und wahrnehmen, so  seine Überzeugung. Und die vermittelt er auch seinen Landsleuten. Er selbst hatte im Kongo ein technisches Studium begonnen, das er hier nicht fortsetzen konnte. Er hat stattdessen zunächst eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer gemacht und wollte immer das Examen zum Altenpfleger machen. Doch die dreijährige Ausbildung war ihm anfangs verwehrt worden. Jetzt endlich hat es geklappt. Und als 51-Jähriger ist er mit vollem Elan dabei. Seine beiden ältesten Kinder gehen auf die Gesamtschule, die Jüngeren sind noch in der Kita. Alle leben gerne hier und wollen einen Beitrag leisten. Aus dieser Familienbetreuung ist längst eine Art Freundschaft geworden.

Gab es besonders prägende Ereignisse für den AK, der anfangs ja noch unter dem Namen „gegen Fremdenfeindlichkeit“ firmierte?

Fink: Im Jahr 1994 gab es eine Sammelunterkunft an der Weststraße, die vorwiegend von Familien bewohnt wurde. Eines Nachts kam es da zu einem Übergriff: Jugendliche waren eingedrungen und rissen unter anderem die Feuerlöscher von den Wänden, die sie dann entleerten. Für die Bewohner war es offenbar schwierig, schnell Hilfe zu bekommen. Sie empfanden diese Situation als sehr bedrohlich, wie sie uns hinterher berichteten. Damals haben wir spontan beschlossen, eine Telefonliste mit unseren Nummern zu erstellen, damit es immer sofort einen Ansprechpartner gibt. Die Solidarität mit den Geflüchteten war unglaublich und eine sehr gute Erfahrung.

Im Jahr 2015, als die jüngste große Flüchtlingswelle kam, war da die Lage besser im Griff im Vergleich zu den 1980er Jahren?

Fink: Auf alle Fälle. Es gab viele Ehrenamtliche, und auch seitens der Stadtverwaltung hat sich jeder voll eingebracht, man hat gemerkt, dass hier ein ganz anderes Denken herrschte als noch in den 1980er Jahren.

Wie war das denn vor über 30 Jahren?

Fink: Damals gab es unter anderem einen Diskurs, ob man Bargeld oder Gutscheine ausgeben soll. Dazu kamen die Sprachprobleme, es gab kaum Dolmetscher. Das führte zu großen Verständnisproblemen, die Leute fühlten sich zurückgewiesen, es kam zu Aggression auf beiden Seiten, die letztlich keiner richtig verschuldet hatte. In Folge wurden die Flüchtlinge seinerzeit nicht mehr durch den Haupteingang ins Rathaus gelassen, sondern durch einen abgesperrten Gang bis ins Sozialamt geführt.

Was sicher nicht dazu beigetragen hat, das Aggressionspotenzial zu mindern …

Fink: Nein, im Gegenteil. In Konsequenz wurde ein Runder Tisch ins Leben gerufen, um Lösungen zu finden. Mit Ehrenamtlern, Vertretern der Stadt, der Kirchen, der Caritas, der Diakonie und dem Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur in der Region Aachen. Der Runde Tisch hat lange gearbeitet, ist dann aber abgeebbt und – das ist gut – im Jahr 2015 wieder aufgelebt. Mit dem Orgateam zur Betreuung der Flüchtlinge unter Leitung von Reinhard Granz, bei dem neben vielen anderen Ehrenamtlern auch René Körfer-Losen, der Sozialarbeiter der Gesamtschule Merkstein mit eingestiegen ist.

Und der bis heute arbeitet …

Fink: Ja. die Arbeit des Runden Tisches ist sehr intensiv. Leider habe ich aufgrund eines schweren Sturzes im Januar noch nicht wieder dabei sein können. Eine Aufgabe ist die Umsetzung des Integrationskonzepts der Städteregion, das aber leider nicht 1:1 übertragbar ist.

Warum nicht?

Fink: Es ist zu umfangreich. Und man merkt, da haben Leute wissenschaftlich dran gearbeitet. Es ist ein guter Leitfaden. Aber man muss die Probleme konkret vor Ort betrachten. Und das tun wir. Wir haben so eigene Handlungsfelder abgesteckt, die wir bearbeiten.

Welche sind das?

Fink: Wohnen und Soziales, Sprache und Bildung, Sport und Gesundheit. Diese drei Gruppen arbeiten jetzt.

Und was passiert mit den Ergebnissen?

Fink: Die werden in die jeweiligen Fachausschüsse gebracht, und dann hat die Politik darüber zu entscheiden.

Gibt es da einen Punkt, der Ihnen besonders auf der Seele brennt?

Fink: Auf dem Wohnungsmarkt muss etwas passieren. Sozialwohnungen sind Mangelware, nicht nur für Flüchtlinge, sondern generell für alle mit geringerem Einkommen. Der soziale Wohnungsbau ist in Herzogenrath immer noch ein Stiefkind. Die zuletzt ausgewiesenen Prozentsätze in den Neubaugebieten sind bei weitem nicht ausreichend. Da ist die Politik weiter gefordert. Es trägt dann auch zu einem friedlichen Miteinander bei, wenn Menschen nicht etwa in Kellerwohnungen wohnen müssen. Das sind die Sachen, die mich dauernd umtreiben.

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