Herzogenrath: Beim "Kohlegespräch" geht es um die Rolle von RWE

„Kohlegespräche“ : Die Rolle des RWE-Konzerns unter der Lupe

In puncto Kohlefragen im rheinischen Revier nimmt einen wichtigen Gegenpart zu Demonstranten und Kritikern zwangsläufig der Energiekonzern RWE ein.

Zum dritten „Kohlegespräch“ im Nell-Breuning-Haus in Herzogenrath hatten sich die Organisatoren um Hausleiter Dr. Manfred Körber deshalb entschieden, einen genaueren Blick auf die „andere Seite“ zu werfen. Markus Dufner, Geschäftsführer des Dachverbandes kritischer Aktionäre, nahm zusammen mit den Gesprächsgästen einen Einblick in die Rolle und die Strukturen von RWE.

Der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre ist ein Zusammenschluss von 26 Einzelorganisationen in Deutschland, die sich gegen Rüstungsproduktion, Umweltzerstörung, die Nutzung der Atomenergie, unsoziale Arbeitsbedingungen und für mehr Nachhaltigkeit bei großen börsennotierten Unternehmen einsetzen. Nachdem bei den ersten beiden Kohlegesprächen vor allem die Dissonanz zwischen Industrie und Umweltschutz durch Umweltaktivistin und Kohlekommissionsmitglied Antje Grothus sowie Gewerkschafter Malter Lückert beleuchtet worden war, „wolle man nun dranbleiben und die Diskussion vertiefen“, so Körber. Ein Einblick in die Strukturen des RWE-Konzerns sei dabei ein interessanter Gesichtspunkt, der zuvor weniger Beachtung bekommen habe.

„Wir haben durch unsere Arbeit die Möglichkeit, in große Konzerne hineinzublicken“: Markus Dufner stellte den Anwesenden die Aufgaben des Dachverbands skizzierend vor. Mitglieder können beispielsweise ihr Aktionärsstimmrecht an den Verband übertragen. Der Verein nimmt entsprechend an den Hauptversammlungen teil und vertritt dort die Interessen seiner Mitglieder. Gegenanträge und Redezeit vor dem Aktionärsplenum gehören ebenso zu den Aufgaben wie das Erstellen von Konzernstudien.

In Bezug auf RWE hat der zurückliegende Baustopp – erlassen durch das Oberverwaltungsgericht Münster im Oktober vergangenen Jahres – zu einem Einbruch der RWE-Aktie geführt. Diese Einbrüche treffen in einem nicht unerheblichen Ausmaß auch Kommunen in NRW, die nach wie vor Aktien des Konzerns halten und von geringeren Dividenden betroffen sind. Dufner betonte aber: „Wir sind keine Berater für Kleinanleger. Als gemeinnütziger Verein vertreten wir die Interessen unserer Mitglieder.“ Dufner erläuterte die Zusammenstellung der RWE-Aktionäre. Unter anderem finde sich die Fondsgesellschaft „Black Rock“ unter den Anteilseignern wieder. Die ihr nachgesagte „Intransparenz“ mache das Wirken der Gesellschaft laut Dufner undurchschaubar und zuweilen auch gefährlich.

Kommunikationsaufnahme gehört ihm zufolge zu den Kernthemen der Verbandsarbeit. In Bezug auf etwaige Gespräche mit RWE selbst oder auch der Industriegewerkschaft BCE erläuterte er: „Wir wollen nicht nur konfrontieren, sondern einen lösungsorientierten Dialog initiieren.“ Körber warf an dieser Stelle ein, dass der benötigte Strukturwandel im rheinischen Revier nur schwerlich bis gar nicht ohne die Kooperation von RWE gelingen könne. Auf die Frage, wie RWE zu dieser Thematik stehe, könne man vereinfacht antworten, dass RWE sich einen verfrühten Ausstieg fürstlich bezahlen lassen wolle. Allerdings mehrten sich bereits vereinzelte Stimmen aus den Reihen der Kohlekritiker, die meinen, dass diese Alternative dennoch wirtschaftlich sein könne.

Dufner warf ebenfalls einen Blick auf die „Kontaktpflege“ des Konzerns zur Hauptstadt. RWE-Lobbyisten wie Hildegard Müller (CDU, von 2005 bis 2008 Staatsministerin der Bundeskanzlerin) verträten dort die Konzerninteressen. Als „kalkuliertes Störfeuer“ bezeichnete Dufner die Aussagen, die RWE-Boss Rolf-Martin Schmitz im Zuge der Debatte um den Hambacher Forst verlauten lies. Aussagen wie „Der Hambacher Forst ist nicht zu retten, egal was die Kommission entscheidet“ zeugten von einem „schlechten Stil“.

Die viel beachteten Ergebnisse der Kohlekommission wurden ebenfalls noch einmal beleuchtet. In diesem Zusammenhang sei zu erwähnen, dass Deutschland unverändert der mit Abstand größte Importeur von Steinkohle in Europa sei. RWE habe 2016 allein 12,5 Millionen Tonnen importiert, während es beim Konkurrenzkonzern Uniper SE sogar 25 Millionen Tonnen gewesen seien. Während beispielsweise dänische und italienische Energieversorger auf die schlimmen Zustände in der kolumbianischen Abbauregion Cesar reagiert und sämtliche Importe von dort eingestellt hätten, bezögen die beiden genannten deutschen Vertreter weiterhin die „Blutkohle aus Kolumbien“.

Das Bistum Aachen unterhält seit geraumer Zeit eine Partnerschaft nach Kolumbien. Im Plenum wurde mehrfach die Meinung laut, die Kirche als Institution könne sich in Bezug auf den Sachverhalt stärker positionieren. Bereits in vollem Gange ist der „Appell katholischer Christen an die Deutsche Bischofskonferenz“ (DBK). Die Übergabe des Aufrufs und der Petition ist geplant für die Frühjahrstagung der DBK. Kritisch wurde die Rolle der Kirche als Grundstückseigner im rheinischen Revier von Seiten des Plenums betrachtet. Mit dem Verkauf oder der sogenannten temporären Übereignung von Ländereien gäbe man einen Trumpf leicht aus der Hand.

Abschließend besuchte das Plenum die im NBH gastierende Fotoausstellung „Bilder aus dem Revier“ des Fotografen Hubert Perschke. Ungewöhnliche Perspektiven, atemberaubende Panoramen, Impressionen von Rodung und Abbau – die Aufnahmen verdeutlichten auf eindringlichste Art und Weise, wie sehr die Thematik die Region noch jahrelang beschäftigen wird.

(yl)