Alsdorf: Hemmungslos: Filmender Gaffer beugt sich über schwerverletzte Frau

Alsdorf : Hemmungslos: Filmender Gaffer beugt sich über schwerverletzte Frau

Der junge Mann, der sich am Donnerstag telefonisch in unserer Redaktion meldete, stand noch hörbar unter Schock. Zu sehr belastet ihn das, was er am Tag zuvor in der Alsdorfer Innenstadt erlebt hat. Der junge Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung genannt wissen möchte, war am Nachmittag mit seinem Auto an der Ecke Luisenstraße/Rathausstraße unterwegs, kurz nachdem dort eine 90-jährige Frau von einem Sattelzug erfasst worden war.

Er sprang aus seinem Auto, um zu helfen. Was ihn immer noch so sehr bedrückt, sind nicht nur die Bilder von der schwer verletzten Frau, sondern auch die ganze Szenerie: dutzende Menschen, die eben nicht halfen, sondern — teilweise entsetzt, teilweise aber auch einfach nur sensationslustig — zuschauten. Und schlimmer noch: mit ihren Handys Fotos und Filmaufnahmen vom Unfallort und auch vom Unfallopfer machten.

Die Feuerwehr musste die Kreuzung abschirmen, um die Schaulustigen fernzuhalten. Foto: Feuerwehr Alsdorf

„Hemmungslos“

Für einen dieser Gaffer könnte das jetzt juristische Folgen haben. Die Aachener Polizei hat ein Strafverfahren gegen den 35-Jährigen wegen Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs eingeleitet. Der Mann soll das Geschehen „hemmungslos“ gefilmt haben. Die Polizei war von Passanten auf ihn aufmerksam gemacht worden. Beamte stellten daraufhin das Handy des Mannes sicher und leiteten das Strafverfahren ein. Die Filmaufnahmen sollen nun im Zuge der Ermittlungen ausgewertet werden. Im Falle einer Verurteilung drohen dem 35-Jährigen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldbuße.

Der Vorwurf des Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs ist in Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs festgeschrieben. Demnach wird unter anderem bestraft, wer „eine Bildaufnahme, die die Hilflosigkeit einer anderen Person zur Schau stellt, unbefugt herstellt oder überträgt und dadurch den höchstpersönlichen Lebensbereich der abgebildeten Person verletzt“. Dazu müsste es eigentlich eine Anzeige des Unfallopfers oder seiner Angehörigen geben. Da die schwer verletzte Frau in Alsdorf dazu nicht in der Lage ist, wurde die Polizei quasi in ihrem Namen aktiv.

Der 35-Jährige war, wie gesagt, nicht der einzige Gaffer und auch nicht der einzige, der ein Smartphone gezückt hatte. Der Ersthelfer, der sich bei unserer Zeitung meldete, berichtet, er habe sogar einen Mann verjagen müssen, der sich über das Opfer gebeugt habe, um Aufnahmen zu machen. Auch die Feuerwehr Alsdorf kritisierte das Verhalten vieler Umstehender massiv. Sie musste an der Unfallstelle einen Sichtschutz errichten, zudem schirmten mehrere Polizeifahrzeuge den Ort ab.

Dass fotografierende Gaffer wegen Paragraf 201a des Strafgesetzbuchs belangt werden, ist eher selten. In den Polizeibehörden unserer Region kann man sich nicht daran erinnern, dass dies hier schon einmal vorgekommen ist. Der Grund liegt auch darin, dass die Rettungskräfte vor Ort zunächst andere und wichtigere Dinge zu tun haben als Mobiltelefone sicherzustellen. Darauf weist auch die Gewerkschaft der Polizei NRW hin. Ein Sprecher erklärte jedoch unserer Zeitung, diese Strafverfahren seien ein probates Mittel gegen Gaffer, die das Smartphone zücken.

Lob für Rettungskräfte

Seit Mai 2017 gilt es auch als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten wollen. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft. Die Rettungskräfte am Unfallort in Alsdorf sind wohl nicht vorsätzlich behindert worden. Trotzdem war es auch wegen der hohen Zahl von Gaffern kein „normaler“ Einsatz.

Das Unfallopfer schwebte auch am Donnerstag noch in Lebensgefahr. Der 48-jährige Lkw-Fahrer hatte die Frau, die mit einem Rollator unterwegs war, beim Rechtsabbiegen offensichtlich übersehen. Die Folgen war so schockierend, dass der Lkw-Fahrer, mehrere Augenzeugen und Ersthelfer von Notfallseelsorgern betreut werden musste.

Der Ersthelfer, der sich bei unserer Zeitung gemeldet hatte, war voll des Lobes für die Seelsorger und die Rettungskräfte, die innerhalb weniger Minuten am Unfallort eingetroffen waren. Und er hob auch den Einsatz der anderen Ersthelfer hervor. Für die Gaffer hingegen, die zum Smartphone griffen, hatte er nur — vorsichtig formuliert — Unverständnis übrig.

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